FILM

Auf der Couch in Tunis

Die Psychoanalytikerin Selma (Golshifteh Farahani) packt ihre Koffer und zieht von Paris zurück in ihre Heimat Tunesien, wo sie eine Praxis auf dem Dach ihrer Schwester eröffnet. Was genau sie dazu bewegt, sich auf die Widrigkeiten einzulassen, die das mit sich bringt – Missbilligungen seitens ihrer Familie, Drangsaleien der örtlichen Polizei und bürokratische Irrwege – erzählt der Film allerdings nicht.

Von den Patient*innen und der Familie ganz zu schweigen: Zum einen behandelt Selma eine neureiche Friseursalon- und Hamambetreiberin mit Mutterkomplex, sie sorgt sich um einen exilierten Imam, der an Depressionen leidet, oder kämpft mit einem Neurotiker, der von erotischen Begegnungen mit Diktatoren träumt. Zum anderen hat sie es mit der Missgunst ihrer Schwester zu tun, mit dem Alkoholproblem und den fundamentalischen Ansichten ihres Schwagers oder mit deren rebellierender Tochter Olfa, die in ihrer Tante das große Vorbild sieht, und ihre Entscheidung, nach Tunesien zurückzukehren, nicht versteht.

Manele Labidi glänzt mit „Auf der Couch in Tunis“ durch ihre Zurückhaltung

Manele Labidi hält sich in ihrem Regiedebüt auf Spielfilmlänge zurück und lässt das Drehbuch und ihre Schauspieler*innen glänzen. Allen voran Golshifteh Farahani, die in ihrer Rolle als Selma parallel ein ganzes Prequel zu verpacken vermag: Sie ist merklich müde, traurig und überfordert, stellt sich allerdings mit Beharrlichkeit gegen die Widrigkeiten des Lebens und vermag es, trotz ihrer Insichgekehrtheit gegenüber ihrer Familie punktuell Zärtlichkeit zuzulassen. In Farahanis Performance hallt das ganze Leben nach, das sie in Paris geführt haben muss und das den emotionalen Kern der ansonsten so energievollen Komödie bildet.

Ähnlich verfährt Labidi mit dem historischen Kontext des Settings: Der Arabische Frühling hat ihre Figuren gezeichnet. Sie sprechen über die politischen Verhältnisse, allerdings bilden diese nicht die alleinige Grundlage des Films. Wenn der Polizist Naim (Majd Mastoura) etwa von Selma verlangt, mit der Eröffnung ihrer Praxis bis nach dem Erhalt ihrer Lizenz zu warten, und sie daraufhin versucht, ihn mit einem Zehn-Euro-Schein zu schmieren, funktioniert die Szene sowohl als Komödie als auch als eine spielerische Ausleuchtung politischer Verhältnisse und medial tradierter Vorurteile.

Solchen Subtexten lässt Labidi mit einer unaufgeregten Kameraführung viel Raum und unterstützt so die natürliche Energie des Drehbuchs und der Schauspieler*innen. Dazu wählt sie eine leuchtende Farbpalette aus Blautönen, die sie an einigen Stellen gekonnt mit Orangetönen bricht – und so Szenen von subtiler Schönheit kreiert.

„Auf der Couch in Tunis“ läuft gerade im Kino.

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