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Charly Hübner über „Mittagsstunde“: „Tot ist es nicht, weil der Wind geht“

Mittagsstunde Charly Hübner, Lars Jessen, Dörte Hansen
Charly Hübner spielt in dem Film „Mittagsstunde“ von Lars Jessen Ingwer, der zurück in die ländliche Heimat zieht.Foto: Majestic

Unser Film der Woche ist „Mittagsstunde“ von Lars Jessen mit Charly Hübner in der Hauptrolle. kulturnews sprach mit dem Schauspieler.

Charly Hübner spielt im Film Mittagsstunde (ab 22. 9. im Kino) mit Ingwer einen Menschen, der zurück in sein Dorf zieht, um die gebrechlichen Großeltern zu pflegen. kulturnews sprach mit Hübner über dörfliche Ruhe, notwendige Selbstfindung, die Emotionalität des Platt und nicht zuletzt über Ingwer.

Herr Hübner, Regisseur Lars Jessen sagte, er habe Sie aufgrund ihrer starken nonverbalen Präsenz besetzt.

Charly Hübner: Bei Ingwer, meiner Rolle in „Mittagsstunde“, haben wir ja einen Menschen, der – im Gegensatz zu Hübner – nie gelernt hat, sich mit Worten die Welt zu erschaffen. Die ihn plagt.

Ingwer ist ein klassischer Schweiger.
Hübner: Er ist ein Schweiger. Er musste schweigen. Er hatte einen dominanten, liebevollen, aber schroffen Großvater, der die Rolle des Vaters übernommen hat. Er hatte eine abwesende Schwester, die in Wirklichkeit die Mutter war und eine Großmutter, die die Mutter ersetzt, die zunehmend verrückt wird.

Ingwer ist irgendwie auch ein unfertiger Mensch.
Hübner: Sein größter Schritt war mit 18, sich für ein Studium zu entscheiden: „Ich werd kein Kröger so wie du“, sagt er zu einem 40 Jahre älteren Mann, seinem Großvater. Danach ist Ingwer nur noch seinem Pfad gefolgt, hat nie rechts oder links geschaut, weil er dafür kein Handwerk gelernt hatte.

Was bedeutete das Für Sie in der Rolle?
Hübner: Als Schauspieler muss man fragen: Was ist das? Es ist vor allem gucken, es ist aushalten, in die Löcher reinplumpsen, nicht drüber springen, wie ein Hektiker wie ich das gerne auch mache. Man muss beim Drehen, jeden Fettnapf, alles aushalten. Ich stelle mich dann immer komplett um … und komme in einen anderen Rhythmus.

Sie sind als Sohn von Gastwirten in der Region Neustrelitz groß geworden. Gibt es Ähnlichkeiten zwischen Ihrer Biografie und der von Ingwer? Ist der soziale Raum einer Gastwirtschaft selbst über Systemgrenzen wie denen zwischen DDR und BRD ähnlich?

Hübner: Nee, insofern nicht, als es natürlich keine Privatwirtschaft war, der Staat hatte die Eltern engagiert. Dann bestand die Chefetage oft aus Ortsfremden, die waren aus Berlin oder Sachsen. Das war für die Mecklenburger gar nicht immer nur so schön. Im Buch und Film ging es außerdem um einen Kroog (Platt für Gastwirtschaft), bei uns zu Hause war es ein Hotel mit Bar und Restaurant. Das war eher so ein Ferienheim für Künstler und Intellektuelle. Christa Wolf, Biermann und so, sie besuchten seinerzeit das kleine Hotel. Gemischt mit den Bauern aus der Region, war das ein größeres Spektrum als jetzt bei Ingwer. Aber was für ein Kind toll ist und auch nervt, ist diese Vielfalt. Du hast nicht nur dieses Familienleben, und Mama und Papa gehen arbeiten. Du wirst vielmehr selber mitgeschleppt, so wie Künstlerkinder auch. Du hast da ganz viel mit angepackt und hast ganz früh ganz viele verschiedene Erwachsene erlebt, in verschiedenen Sprachen, Dialekten oder Slangs, die alle irgendwas von mir wollten, die alle mit dir was machen, die dich alle ansprechen. So wie wir das als Erwachsene ja auch mit Kindern machen. Nur dass du nicht die 20 vertrauten Personen hast, sondern über 100. Es gibt Geschichten über mich, wo ich mit Viereinhalb gesagt habe: Entweder wir oder die!

„Mittagsstunde“: Die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts

Sie sind für Ihre Nähe zum Punk bekannt. Im Film musste ich lachen, als Sie plötzlich begannen, Line Dance gespielt hilflos ein bisschen mitzutanzen. Culture Clash in Nordfriesland?

Hübner: Ingwer hat damit ja … nichts am Hut, und Hübner versteht das ja gar nicht. Ingwer hat diesen Heiko, und Heiko hat – wie Jan Georg Schütte ihn spielt – ein total einnehmendes Wesen. Der hat seine Mitte gefunden und kann dadurch total offen sein. Der hat sich befreit von jedem Druck. Er wird für Ingwer eine Art Vorbild. Ohne Heiko würde der nie den Line Dance wagen, aber durch Heiko traut er sich etwas, das überhaupt nicht zu ihm gehört in all der Peinlichkeit, und das ist für mich in der ganzen Dramaturgie der Geschichte der entscheidende Moment, wo Ingwer für sich kapiert, dass … sich was ändern muss.

Ingwer hat einen so tiefen eigenen Charakter, dass er zu tief ist, um in ihn reinzuschauen. Man merkt diese Tiefe, aber was sie ausmacht und was wohl mal schiefgelaufen ist, erkennt man nicht. Und das, obwohl man weiß, dass er ein uneheliches Kind ist, ein Kind der Strukturreform im Dorf. Dass er die Zerrissenheit in Person ist. Aber was genau das wirklich in ihm ausgelöst hat, ist von außen nicht festzustellen.

Charly Hübner: Die Sehnsucht in unserer aufgeklärten Gesellschaft ist ja immer, dass es diesen einen Punkt gibt, ich glaube aber, und das ist das versteckte Meisterstück von Dörte Hansen, dass diese Verwerfungen des 20. Jahrhunderts ausschlaggebend sind: Dieser Krieg Hitlers gegen Europa, der schließlich das Land selber trifft, die Männer werden alle aussortiert; entweder sterben sie oder kommen geistig-seelisch beschädigt zurück. Inzwischen wird die Mutter gezeugt, sie ist schon mal ein uneheliches Kind. Dann kommt durch die Amerikaner die Flurbereinigung als Ausdruck der Zivilisation. Es kommen Fremde von außen, und es kommt wieder zu geschlechtlichen Begegnungen, und auf einmal ist ein sozialer Zusammenhalt total gerissen. Dieser Riss, den diese zwei großen Ereignisse des 20. Jahrhunderts bewirkten: Dieser Riss ist in dem Kind. Jetzt ist die Mutter darüber verrückt geworden, und er wächst mit viel älteren Menschen auf, die gar keine seelische Nähe mehr zu ihm haben können. Er muss sich immer unterordnen, das liegt wie eine Last auf ihm. Geredet wird darüber nicht …. Also wird der Stein, der auf ihm liegt, die Mineralien, sein Thema: Ich lebe in Steinen, bin eigentlich selber ein Stein. So wie Geologen 6 000 Meter tief bohren und plötzlich auf was ganz Weiches stoßen. Das ist Ingwer für mich. Ingwer Feddersen.

Diese verlorene Idylle, die das Dorf früher vermeintlich mal war, war nie so da, hier grassierte der Nationalsozialismus wie überall. Einerseits ist die Idylle also nie da gewesen, andererseits merkt man die Sehnsucht nach ihr, der Verlust steckt im Kind.

Charly Hübner: Die Ruhe ist ja da gewesen auf dem Land. Das ist auch heute noch so…, es ist einfach wahnsinnig still. Tot ist es nicht, weil der Wind geht, aber es ist nichts los. Und das ist auf dem Land immer so gewesen. Die sozialen Verwerfungen sind aber auch immer da gewesen, weil der eine mehr Geld hat als der andere und der Dritte ein Querkopf ist. Das ist glaub ich normal und auch, dass die einfachen Lösungen für die einen immer wichtiger sind als die anderen.

Charly Hübner: „Eine überhöhte Figur wie bei Peer Gynt“

Ingwer hatte nichts mehr, an das er sich hätte festhalten können. Was hätte er anders machen können?

Charly Hübner: Ich glaube, man kann sich dann immer nur an der eigenen Intuition festhalten. Während wir hier sitzen, findet ja ständig eine Austausch zwischen Herz und Hirn statt wie in einer Standleitung, die immer Signale schickt. Die Mittagsstunde ist dafür da, dass man dieses Signal (deutet auf das Herz) beobachtet, dass man den Blick von außen nach innen richtet und sich fragt, was sagt mir das eigentlich? Das ist ja die wesentliche Frage überhaupt im Leben: Woran soll man sich festhalten? Wenn man jetzt Ingwer nimmt, würde ich sagen: Er macht alles richtig, dass er zwar relativ spät, aber dann doch sagt, ich muss jetzt mal intuitiv das angehen, was mich eigentlich bedrückt. Und im Laufe der Geschichte klärt sich dann, das total wesentlich für ihn ist. Er kann jetzt bereinigter seine zweiten 50 Jahre leben.

Es gab keine Untertitel zum Film, Herr Hübner: Ich als Franke habe 50 Prozent der plattdeutschen Dialoge nicht richtig verstanden!

Hübner: Es gibt noch eine hochdeutsche Fassung. Ob die Fassung in Platt Untertitel bekommt, weiß ich jetzt gar nicht. Ich bin ja jemand, der Platt total liebt: Plattdeutsch ist eine gestische Sprache. Das Fränkische ja auch, das ist für mich immer ein Abbild von Landschaft. Dinge im Plattdeutschen auszusprechen, hat eine andere Emotionalität, als wenn ich dasselbe auf Hochdeutsch sagen würde. Hochdeutsch ist ja sofort wie ne Vereinbarung. Auch das Fränkische – wir waren letztes Jahr bei Wunsiedel campen. Das war grandios! Ich habe die Menschen wirklich kaum verstanden. Aber man hat trotzdem alles kapiert.

Man sagt ja sowohl den Franken als auch den Norddeutschen nach, sich mehr nach innen zu freuen.

Hübner: Es gibt ja auch keinen Grund, immer gleich „Hey!“ zu rufen. (lacht) Warum auch? (hört nicht auf zu lachen)

Die eigentliche Mutter Ingwers, Marret, verkörpert einerseits die Freiheit des Ländlichen und wird andererseits von einem der Landvermesser vergewaltigt. Sie ist ein Bild für die Ambivalenz des Ländlichen.

Hübner: Sie stellt noch mehr dar: Sie wird bei Krögern groß, sie wird beim Stiefvater groß, die wirkliche Vaterfigur darf sich nicht outen: Die Erziehung hin zu einem sozial genormten Wesen findet nicht statt, zumal auch die Mutter sehr viel arbeitet. Dadurch kann die Intuition immer frei federn, während die Gesellschaft mit ihr so umgeht, dass sie sie immer von sich wegschiebt. Die Menschen machen sich über sie lustig, und umso lauter wird dann der Aufschrei. Das ist ja fast schon eine überhöhte Figur wie bei Ibsens Peer Gynt.

Es heißt immer, auf dem Land gebe es keine Geheimnisse. Dieses Dorf ist voller Geheimnisse.

Charly Hübner: Auf dem Land gibt es in der Tat unheimlich viele Geheimnisse. Es gibt immer den Austausch von gesellschaftlich notwendigen Momenten. Aber das, was in der Stille dann irgendwo geschieht … Ich bin ja auch nach wie vor oft auf dem Land: Ich weiß nicht, was in den Häusern neben mir los ist. Obwohl ich die alle seit 40 Jahren kenne. Und das ist in „Mittagsstunde“ der interessante Versuch von Dörte Hansen, zu sagen: Du hast den symbolischen Teppich, den Dörte da geflochten hat. Der das zum Schwingen bringt, was ja auch mit Norddeutschland zu tun hat. Das ist eine riesige Assoziation in poetischer Form, und Lars Jessen sagt: Davon machen wir jetzt mal ne konkrete Geschichte. Und das ist Ingwers Leben, Ingwers Geschichte. Das sind eigentlich zwei Werke nebeneinander, und das ist das Interessante an der ganzen Geschichte.

Interview: Jürgen Wittner

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