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„Die Aussiedlung“ von András Visky

Buchcover „Die Aussiedlung“ von András Visky

Als Kind wurde András Visky vier Jahre lang mit seiner Familie von Gulag zu Gulag geschickt. In seinem Debütroman „Die Aussiedlung“ verarbeitet er die Erinnerungen.

Wie Kertész die deutschen Vernichtungslager, so will András Visky in „Die Aussiedlung“ die Logik der Verschleppungen in ihrer ganzen Absurdität entblößen.

Schon seit Jahrzehnten wird András Visky in Ungarn für seine Theaterstücke und Texte gefeiert. Sein erster Roman wurde entsprechend gespannt erwartet – und dann zum Phänomen. Visky verarbeitet die eigene Familiengeschichte: Sein Vater, ein Pfarrer, wurde von der kommunistischen Regierung Rumäniens zur Zwangsarbeit verurteilt, seine Frau und die sieben Kinder in die Bărăgansteppe deportiert. Hier ziehen sie vier Jahre lang von Lager zu Lager, trotzen Kälte, Arbeit und Hunger, immer behütet von der tiefgläubigen, von den Kindern abgöttisch verehrten Mutter und der Kinderfrau Nényu – mittendrin der anfangs erst zwei Jahre alte Andras. Doch Visky erzählt meist aus einem unpersönlichen Wir, in kurzen Kapiteln, deren formale Ähnlichkeit mit der Bibel sicher kein Zufall ist, die aber durch die Abwesenheit von Anfangsgroßschreibungen und Punkten am Schluss auch einen atem- und zeitlosen Fluss implizieren. Einen Bewusstseinsstrom, der durch das Fehlen von Anführungszeichen zur Kennzeichnung wörtlicher Rede noch mitreißender wird.

Es ist weniger eine dezidiert kindliche als eine märchenhafte Perspektive, die Visky dadurch schafft. Dieser verklärende Blick auf sehr reale Schrecken könnte unerträglich kitschig sein, wäre Visky nicht explizit von Imre Kertész beeinflusst, namentlich dessen „Roman eines Schicksalslosen“: Wie Kertész die deutschen Vernichtungslager, so will Visky die Logik der Verschleppungen in ihrer ganzen Absurdität entblößen. Dass diese Geschichte für ihn mit der Freilassung und der Wiedervereinigung mit dem Vater nicht auserzählt war und ist, beweist die beklemmende Coda über den erwachsenen András und seinen Militärdienst. Und: Auch der letzte Satz des Romans endet ohne Punkt …

Hat es András Visky mit „Die Aussiedlung“ auf unsere Liste der besten Bücher im Februar 2026 geschafft?

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