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Interview: Blind Spot über ihr neues Album „Frontmirror“

das Jazztrio Blind Spot posiert im Park mit einem großen, gelben karton.
Das Jazztrio Blind Spot.Foto: Hendrik Siems

Wohlüberlegt und wohlkomponiert – die neue Jazzplatte von Philipp Wissers Band Blind Spot überzeugt mit viel Gefühl. kulturnews hat mit dem Frontmann gesprochen.

„Frontmirror“ heißt das Album von Blind Spot. Entsprungen ist es der neuen Formation um Gitarrist Philipp Wisser, der zusammen mit Joàn Chavez am Bass sowie Noël Lardon am Schlagzeug mit modernem Ambient Jazz überzeugt. Warum die Platte nicht nur was für Gitarrenliebhaber ist, verrät Wisser im Interview:

Philipp, du hast immer schon gerne mit anderen Musiker:innen performt – nun allerdings erstmals nicht unter deinem Namen, sondern mit deinem Trio Blind Spot. Wie habt ihr euch gefunden?

Sowohl Noël als auch ich treffen uns gerne mit anderen Musiker:innen für Jam-Sessions, und innerhalb der Düsseldorfer Musikszene sind wir so irgendwann ganz natürlich „aneinandergeraten“. Joàn und ich kennen uns aus dem Studium an der Folkwang UdK, und ich fand ihn als Spieler und Typen schon immer super. Es müsste dann ungefähr 2018 gewesen sein, als ich ein Treffen in dieser Konstellation vorgeschlagen habe, und dann ging es auch erstmal ganz locker mit ein paar Jam-Sessions los.

Es stimmt, dass mein erstes Album „Just a Glimpse“ unter meinem Namen veröffentlicht wurde und das zweite Album „Frontmirror“ unter dem Bandnamen Blind Spot. Für mich persönlich macht das aber keinen großen Unterschied, weil ich als Musiker so oder so mit meiner Band verschmelze, und wie ich auf den Alben erscheine, ist daher nicht von dem Kontext trennbar. Ich habe kein Interesse daran, „nur“ die besten Spielertypen zusammenzutrommeln und dann ein Album exakt nach meiner Vorstellung zu machen. Das wäre so in etwa die Big-Boss-Mentalität. Wenn die richtigen Musiker:innen stattdessen zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind, entsteht ein Buzz im Raum, und dann bin ich motiviert, darauf aufzubauen. Das finde ich super spannend. Genau so war es bei beiden Alben bisher. Formal bin ich der Bandleader, weil ich die Stücke geschrieben, die Musiker ausgesucht und die Alben produziert habe. Aber ich bin letztlich auch wirklich Teil der Band, und es macht wenig Sinn, etwas ganz isoliert davon zu betrachten.

Das Album fließt dank der ausgeprägten Ambient-Jazz-Note förmlich ins Ohr und deckt trotz des klassischen Triosettings eine enorme Bandbreite ab. Wie erzeugt ihr eure vollmundigen Klangwelten?

Wir haben unser Album selbst als Ambient Jazz beschrieben, aber in Ordnung finde ich das auch nur, weil es so unkonkret ist. In Wahrheit fällt es mir schwer, ein exaktes Genre für „Frontmirror“ zu benennen.

Wir haben vor der Produktion über mehrere Wochen hinweg an Sounds gebastelt und dabei etliche Jams in den Proben aufgenommen. Vieles davon war nicht zu gebrauchen, aber letztlich kam doch eine ganz ordentliche Klangpalette zusammen. Außerdem wollten wir nicht nur unseren persönlichen Sound so gut es geht einfangen. Vielmehr haben wir bei jedem Stück neu entschieden, was gut passen würde und was man ausprobieren könnte. Als dann ungefähr klar wurde, in welche Richtung sich die Musik entwickelt, wurde auch die große Perspektive immer wichtiger: Würde eine ruhige Nummer nicht alles noch etwas abrunden? Brauchen wir noch ein bisschen mehr Trash?

Die Herangehensweise ist vor allem bei Pop-Produktionen üblich. Und in der Tat war „Frontmirror“ auch die erste Jazzproduktion von unserem Toningenieur Patrick Stäudle, der bisher hauptsächlich Bands aus dem Pop- und Rockbereich aufgenommen hat. Dementsprechend empfand auch keiner von uns Berührungsängste beim Gebrauch von Soundeffekten – im Gegenteil!

Auf deinem Instagram-Account hast du kürzlich erzählt, dass du während des pandemischen Stillstands die Akustikgitarre für dich entdeckt hast. Hat sich dieser Einfluss auch auf „Frontmirror“ niedergeschlagen?

Nein, zumindest nicht direkt. Ich habe während der Pandemie angefangen, klassische Gitarre per Onlinekurs zu lernen. Aufgewachsen bin ich mit E-Gitarre bzw. akustischer Gitarre mit Stahlsaiten, und die „klassische“ Schule habe ich nie gelernt. Das ist vielleicht auch besser so, weil ich darauf früher gar keine Lust gehabt hätte. Aber jetzt ist die klassische Gitarre am Morgen schon zu einem Ritual geworden. Das hat mir während des Stillstands unter anderem dabei geholfen, die innere Ordnung halbwegs zu bewahren. Es geht dabei gar nicht darum, jeden Tag besser zu werden, sondern einfach etwas zu haben, dem man sich gerne voll und ganz zuwendet.

Indirekt hat es dann doch wieder etwas mit „Frontmirror“ zu tun. Wir haben ja viel mit Effekten und Ähnlichem experimentiert, und generell liebe ich es, alles Mögliche in der Richtung auszuprobieren. Das ist aber eben auch ein Fass ohne Boden, in dem ich mich schnell verliere, und deswegen schätze ich so sehr das komplette Gegenteil. Nämlich einfach das Spielen einer akustischen Gitarre direkt mit meinen Fingern und ohne etwas dazwischen.

Das Album erscheint am 17. Juni auf JazzSick Records.

 

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Ein Beitrag geteilt von Philipp Wisser (@philippwis)

Hier kannst du direkt in „Frontmirror“ reinhören