MUSIK

Jahresrückblick: Die 25 Lieblingsalben von Michael S. Bendix

In seinem Jahresrückblick listet Michael S. Bendix seine Lieblingssongs auf

Der Jahresrückblick in Listenform ist für mich ein liebgewonnenes Ritual, gleichzeitig aber auch endlos überfordernd: Wo 25 Alben für die meisten Menschen viel klingen mögen, bereitet es mir ziemliche Kopfschmerzen, ein ganzes Jahr an musikalischen Erlebnissen und Entdeckungen auf diese Weise zu komprimieren – schließlich habe ich den Anspruch, eine gewisse Bandbreite abzubilden, möchte aber auch ungern tolle Alben außen vor lassen. Natürlich musste ich es doch tun: 2019 war einfach ein zu aufregendes und vielfältiges Musikjahr, das bestehende Erwartungen nicht selten übererfüllt und mir gleichzeitig zahlreiche neue Horizonte eröffnet hat – auf diese 25 Alben konnte ich mich am Ende zähneknirschend einigen.

Jayda G – Significant Changes

25: Jayda G Significant Changes

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Während Jayda Gs DJ-Sets durch und durch intuitiv wirken, scheint ihre musikalische Arbeit für mich vor allem etwas Wissenschaftliches zu haben: Die Produzentin erscheint als Archäologin und Historikerin, ihre Sets sind auch Ausgrabungsstätten und Enzyklopädien von Jahrzehnten rhythmusbasierter Musik. Sie beginnen oft mit teils vergessenen Funk- und Soulsongs, leiten zur Disco-Frühzeit über, referenzieren 90er-Jahre-House, um dann zeitgenössischere Spuren aus R’n’B und Dubstep zu legen. Ihr Debütalbum „Significant Changes“, das bei mir 2019 sowohl vor als auch nach dem Clubgang reichlich zum Einsatz kam, ist die Quintessenz all ihrer Einflüsse und Erkenntnisse – das Alte lässt sie modern klingen und das Moderne zeitlos.

Gaddafi Gals – Temple 24: Gaddafi Gals Temple

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Mir tat es ein bisschen leid, wie wenige Menschen sich kürzlich ins Turmzimmer im Feldstraßenbunker verirrt haben, als die Gaddafi Gals gespielt haben – und das, obwohl Ebow allein schon das weitaus größere Uebel&Gefährlich nebenan vollmachen könnte. Andererseits hat dieser intime Rahmen auch perfekt zu den Tracks gepasst, mit ihren schneidenden Trap-Beats bei gleichzeitig vollkommen entrückter Atmosphäre. Und doch: Natürlich sollten viel mehr Menschen „Temple“ hören, denn eine zeitgemäßere Musik ist kaum denkbar. Die Gaddafi Gals sind die Inkarnation eines sich diversifizierenden Popkultur-Begriffs, wenn sie Cloudrap auf Früh-2000er-Gedächtnis-R’n’B in Slow Motion treffen lassen, es um ein neues migrantisches Selbstbewusstsein ebenso geht wie um den Tod des Patriarchats, Radical Softness und die Aneignung respektive Umdeutung etablierter HipHop-Topoi. Selten war HipHop 2019 schlauer – und noch seltener so zärtlich.

Kedr Livanskiy – Your Need23: Kedr Livanskiy Your Need

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Niemand klingt im breiten Feld der Dance-Musik derzeit wie Kedr Livanskiy, und wenig hat mich in diesem Segment 2019 so begeistert: Während sie ihre ureigene Vision von Clubmusik, die immer auch ein Füllhorn aus sich nur scheinbar diametral zueinander verhaltenden Einflüssen ist, zwei Jahre früher auf „Ariadne“ noch mit Dreampopmelodien und Wave-Anklängen verdunkelt hat, bedeutet ihr zweites Album eine Öffnung. Darauf deutet schon das Cover hin – neongelb statt schwarz, grüne Wiese statt graues Geäst –, und es erfüllt sich direkt im Opener und Titeltrack, wenn sich aus dem Vollen schöpfende, tranceartige Synthieflächen und drei hell getupfte Akkorde zu einem Dub- und Disco-ornamentierten Housetrack formieren. Und so bleibt das, bis zum euphorisierenden Breakbeat-Finale „Ivan Kupala (New Day) (Иван купала)“: nicht mehr nach innen gekehrt, sondern freudvoll und hochinfektiös.

Cate Le Bon – Reward22: Cate Le Bon Reward

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Auf Albumlänge bin ich nie ganz an Cate Le Bon herangekommen – erst „Reward“ hat mir endlich auch den Zugang zu ihren früheren Werken eröffnet. Trotzdem ist ihr neues Album für mich nicht nur das Tor zum Le-Bon-Œuvre, sondern auch dessen bisheriger Höhepunkt: Durch die breitere Palette an Instrumenten klingt „Reward“ mehr nach Band, gleichzeitig aber weniger roh, weniger erdig, weniger nach „Rock“ – indem die walisische Musikerin ihren so ätherisch-vernebelten wie kantigen Kompositionen mehr Luft lässt, treten die Feinheiten ihres Songwritings umso deutlicher zu Tage.

Bat For Lashes – Lost Girls

21: Bat For Lashes Lost Girls

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Nachdem ich Bat For Lashes mit „The Bride“ etwas verloren hatte, war ich durch die „Lost Girls“ wieder versöhnt: Einen Song fürs Leben wie „Laura“ habe ich hier zwar nicht gefunden, aber die von mir sehr geliebte Stimme von Natasha Khan wieder im Rahmen zehn neuer, sehr schöner Bat-For-Lashes-Stücke zu hören, die trotz der retrofuturistischen Rahmung und teils erhöhter Tanzbarkeit vor allem an die Qualitäten früherer Alben wie „Two Suns“ anknüpfen, hat mich sehr glücklich gemacht. Manchmal braucht es nicht viel mehr.

Lingua Ignota – Caligula20: Lingua Ignota Caligula

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Kein Wunder, dass ich den Text zu diesem Album als allerletztes schreibe: Eigentlich hätte „Caligula“ eine höhere Platzierung verdient, hätte ich mich doch nur getraut, es öfter zu hören – tatsächlich aber ist Lingua Ignota etwas Seltenes gelungen: Musik, die mir Angst macht. Brutaler als in „Do you doubt me Traitor“ lassen sich Missbrauchserfahrungen nicht vertonen, und spätestens nachdem ich zu „Butcher of the World“, einem musikgewordenen Wut- und Schmerzensschrei auf Basis von Henry Purcells „Funeral Music for Queen Mary“, durch den nächtlichen, bis auf ein paar herumirrende Ratten einsamen Harburger S-Bahnhof gelaufen bin, traue ich mich an dieses Album kaum noch heran. Dabei hat es natürlich alle Aufmerksamkeit der Welt verdient. „Caligula“ ist nicht nur ein exzeptionelles, so noch nie gehörtes Kunstwerk, das die Ketten von Metal, Noise, Drone und Klassik-Avantgarde sprengt – wenn Lingua Ignota schonungslos persönlich die Gewalttätigkeit patriarchaler Machtstrukturen adressiert, durchdringt und exorziert, dann muss das verstören und wehtun.

Holly Herndon – PROTO19: Holly Herndon PROTO

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Als ich Holly Herndon zu „PROTO“ interviewt habe, war ich ziemlich eingeschüchtert: Auf ihrem unter Mitwirkung einer selbstprogrammierten Künstlichen Intelligenz entstandenen dritten Album klingt die experimentelle Elektro-Musikerin zwar teils so zugänglich, popnah und paradoxerweise auch menschlich wie nie zuvor, trotzdem ist es ein Werk, mit dem man nie ganz fertig werden kann, indem es geradezu überfordernd viele thematische und diskursive Anknüpfungspunkte bietet, die teils schlicht meinen Horizont übersteigen. Und dann entpuppt sich Herndon nicht nur als eine der klügsten, sondern auch noch nettesten Interviewpartnerinnen – und überwältigt mich mit ihrer sämtliche Sinne berührenden PROTO-Live-Performance an der Volksbühne Berlin nur wenige Monate später erneut.

Danny Brown – uknowhatimsayin¿18: Danny Brown uknowhatimsayin¿

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Ich war doch etwas beruhigt darüber, dass mich Danny Brown – der dem amerikanischen HipHop 2016 mit „Atrocity Exhibition“ noch eine gewaltige Dosis Düsternis injiziert hatte – trotz der Ankündigung, dass es sich um seine Version eines Standup-Comedy-Albums handele, mit „uknowhatimsayin¿“ nicht permanent zum Lachen bringen wollte. Tatsächlich entpuppt sich der Humor auf „uknowhatimsayin¿“ als Bewältigungsstrategie, der sein Lachen in der Tradition des Absurdismus nicht selten aus der Überhöhung des Unausweichlichen bezieht. Und mit Tracks wie dem flirrenden Opener „Change up“, der im besten Sinne windschiefen Single „Dirty Laundry“, dem von einem zarten Geigen-Loop getragenen „Theme Song“ oder dem euphorisch um ein TommyMcGee-Sample kreisenden „Best Life“ ist ihm schon wieder eines der besten und reichsten HipHop-Alben des Jahres gelungen.

Jenny Hval – The Practice of Love17: Jenny Hval The Practice of Love

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Jenny Hval hat die schon auf dem Vorgänger „Blood Bitch“ ausgelegten Spuren von elektronischem Sphärenpop weiterverfolgt und ist so, obwohl ihre Examination der Liebe eher analytisch und assoziativ denn affirmativ angelegt ist, zu musikalischen Ergebnissen gekommen, die – natürlich zu ihren eigenen Bedingungen – so umarmend klingen wie nichts, was die Experimental-Musikerin zuvor gemacht hat. Ihre begleitende Performance habe ich im Ausgleich zur neuen Zugänglichkeit wieder nicht ganz verstanden, aber umso mehr genossen: „Thumbsucker“ stelle ich mir von nun an immer vor, als würden Hval und Mitstreiter*innen wie Felicia Atkinson ihn aus einem fahl beleuchteten Zelt heraus singen und dabei Schattenspiele machen.

Little Simz – Grey AREA 16: Little Simz Grey AREA

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Während alle Welt über Stormzy spricht, sind es für mich slowthai (der auch leicht auf dieser Liste hätte landen können – 2019 war einfach ein zu gutes Musikjahr!) und vor allem Little Simz, die britischen HipHop wieder auf die Karte gebracht haben. „Grey AREA“ ist ein Ausbund an Kraft, Flow und teils überirdischer Produktion: Wahrscheinlich liegt es an den punktgenau gesetzten Streicher-Samples – mal funky, mal klassisch und mal arabesk –, aber auch an den scheppernden Drumbeats, dass ein analoges Grundgefühl das Album durchzieht, ohne dass es dabei old-school klingen würde. Little Simz ist eine der derzeit besten Rapperinnen der Welt (Männer mitgemeint), und mit „I’m Jay-Z on a bad day / Shakespeare on my worst days“ geht auch die Punchline des Jahres auf ihr Konto.

Drahla – Useless Coordinates15: Drahla Useless Coordinates

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Eine der ersten Genre-Adressen für immer noch relevante Gitarrenmusik ist Post-Punk, mittlerweile muss aber auch dort die Spreu vom Weizen, der Standard von wirklich aufregenden Alben wie dem Debüt von Drahla getrennt werden. Auf „Useless Coordinates“ peitschen sich die Instrumente – klar: Gitarre, Schlagzeug, Bass, aber auch ein paranoid dazwischen grätschendes Saxofon – gegenseitig auf, um die immer wieder von Rhythmuswechseln ins Stolpern gebrachten, messerscharf komponierten Songs durchweg unter Hochspannung zu halten. Klingt theoretisch wie vieles und praktisch wie nichts anderes.

Billie Eilish – When We All Fall Asleep, Where Do We Go?14: Billie Eilish When We All Fall Asleep, Where Do We Go?

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Auch das gehört zu einem Musikjahr dazu: sich dann und wann korrigieren zu müssen. Nachdem ich Billie Eilish zunächst vor allem unter phänomenologischen Gesichtspunkten goutieren konnte, hat es ihr Debütalbum nun doch in meinen Jahresrückblick geschafft. Deshalb lasse ich an dieser Stelle mal alles, wofür Eilish abseits ihrer Musik so steht, außen vor – und staune, dass dank ihr mit „Bad Guy“ einer der erfolgreichsten Songs des Jahres tatsächlich auch einer der besten ist und dass Eilish es mit einem so eigenen Soundentwurf zum veritablen Stadion-Act gebracht hat: Die Songs von „When We All Fall Asleep, Where Do We Go?“ sind natürlich hochkontemporärer, von Trap, Dance-Musik und R’n’B informierter Pop – doch gleichzeitig hat sich Eilish mit ihrer geflüsterten, von seltsamen Details und subsonischen Bässen durchzogenen Version von Mainstream-Pop schon jetzt ihren eigenen Referenzrahmen geschaffen.

Girl Band – The Talkies

13: Girl Band The Talkies

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Was für ein kräftezehrendes Inferno von einem Album, wie eine vertonte Panikattacke, und obwohl „The Talkies“ eine Platte ist, die gefühlt werden will, kann ich sie nur schwer begreifen: Bei nahezu jedem Song frage ich mich, wie Girl Band diesen durch und durch immersiven, raumgreifenden, genau so vielleicht noch nie gehörten Sound hinbekommen haben – es ist ab einem bestimmten Punkt schwer auszumachen, was nun vor- und was rückwärts abgespielt ist, ob es sich um entfremdende Field Recordings von Haushaltsgegenständen handelt oder nur um Gitarren, die aufheulen wie Monster, Maschinen oder Motorsägen. Faszinierenderen Lärm habe ich 2019 nicht gehört.

black midi – Schlagenheim

12: Black Midi Schlagenheim

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Kein Label habe ich 2019 so akribisch verfolgt wie Speedy Wunderground, das mit Compilations und limitierten 7″-Singles von Acts wie Squid, Black Country, New Road oder Lazarus Kane unter Hochdruck daran arbeitet, britische Gitarrenmusik wieder aufregend zu machen. Auch Black Midi haben bei Dan Careys Label angefangen – und mit „Schlagenheim“ dann auch folgerichtig das spannendste Debütalbum veröffentlicht, das 2019 in klassischer Gitarre-Schlagzeug-Bass-Aufstellung möglich war. Zu schreiben, die Musik von Black Midi würde sich irgendwo zwischen eruptivem Noise, Postrock, Freejazz, Mathrock und Post-Punk bewegen, wäre nicht falsch, würde den Songs aber noch immer nicht gerecht. Das Geheimnis der Band ist ihre schiere Energie, noch mehr aber die Fähigkeit, keinen Song so enden zu lassen wie er begonnen hat: Hier wimmelt es vor Widerhaken, Breaks und unvorhersehbaren Wendungen, und trotzdem setzen Black Midi noch kleine Popanker – spektakulär!

Big Thief – Two Hands

11: Big Thief Two Hands

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An dieser Stelle schummel ich mal ein bisschen und spare mir die großen Worte für später auf. Scrollt jetzt weiter nach unten, um zu erfahren, warum Big Thief die derzeit beste Band der Welt und mit „Two Hands“ trotzdem nur auf Platz 11 dieser Liste gelandet ist. Und hört dabei „Two Hands“, lasst euch von „Those Girls“ das Herz brechen, heult euch durch „Not“ und mit „Wolf“ den Mond an.

Unsere Lieblingsalben im Jahresrückblick: Die Top 10

Tyler The Creator – IGOR10: Tyler The Creator IGOR

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Habe mich eine Weile schwer damit getan, die – nach „Flower Boy“ eigentlich folgerichtige – Entwicklung von Tyler The Creator zum R’n’B-Crooner wirklich goutieren zu können. Mittlerweile weiß ich absolut nicht mehr, warum: „IGOR“, in dem nur noch vereinzelt kratzig-raue HipHop-Beats zu hören sind, ist sein bis dato bestes Album. Dem unangenehmen Rap-Goblin von früher hätte wenig Besseres passieren können, als ein versöhnliches Quasi-Konzeptalbum über die Liebe in all ihren Schattierungen und Stadien aufzunehmen. Anders als Jenny Hval geht es ihm dabei um die Erfahrung, den Zustand selbst, und die, ja, Songs, die er dazu geschrieben hat, bersten vor Wärme, Detailfreude und dem Sprung in die nächste große Melodie.

Vampire Weekend – Father of the Bride9: Vampire Weekend Father of the Bride

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Dachte eigentlich, dass es mir für diese Art Musik nicht gut genug gehen könnte, und doch ist Vampire Weekend das quasi Unmögliche gelungen: eine Feelgood-Platte zu machen, durch die ich mich nicht provoziert fühle – und das, obwohl sie teils sogar in einem einzigen Song Elemente zusammenbringen, die zu cheesy sein müssten, um zu funktionieren: wie im Opener „Hold you now“, wo Danielle Haim countryeske Gesangsparts beisteuert, die Pedal-Steel-Gitarre aufheult (oder ist es eine Lap Steel? Jonah?) und die Band dann auch noch ein Chorsegment eines Hans-Zimmer-Stückes aus „The Thin Red Line“ blechern hinein samplet. Und doch: Es ist einfach nur wunderschön, wie alles auf dem bisher besten Album von Vampire Weekend, das natürlich nicht halb so gut wäre, würde sich durch die euphorische Melodietrunkenheit nicht auch Melancholie ziehen.

Aldous Harding – Designer

8: Aldous Harding Designer

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Wenn das Musikjahr 2019 eine Überraschung für mich bereitgehalten hat, dann ist es, wie viele Alben ich großartig fand, die weitgehend in die Kategorie Indie-Folk fallen – Aldous Harding wird auf dieser Bestenliste nicht die letzte sein, die in dieses Genre eingeordnet werden kann, das ich normalerweise gern als langweilig zur Seite schiebe. Aber was Harding auf „Designer“ nur mit Akustikgitarre, ihrer Stimme, zarter Percussion und hin und wieder einem Streicher-Tupfer anstellt, gehört zum wärmendsten, was ich in diesem Jahr gehört habe. Mit ihren Moves aus dem The Barrel-Video hat sie außerdem Alex Cameron für den Tanz des Jahres beerbt, und „What am I doing in Dubai?“ wurde im Musikbüro kurzzeitig zum geflügelten Wort.

Jessica Pratt – Quiet Signs7: Jessica Pratt Quiet Signs

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Schon wieder Indie-Folk (zumindest so was ähnliches). Schon wieder Schönklang auf Akustikgitarren- und ab und an auch Piano-Basis, und ich lieb’s. Das mag auch daran liegen, dass die diesjährigen Protagonistinnen alle so grundverschiedene Ansätze, Qualitäten und Stimmungen mitbringen – war das schon immer so, und ich habe es nur verschlafen (vermeintlich aus Langeweile, tatsächlich aus Ignoranz)? Jessica Pratts Musik steht in ferner Verwandtschaft zu der von Künstlerinnen wie Vashti Bunyan oder Judee Sill, und doch gibt es für die neun Songs von „Quiet Signs“ eigentlich keinen Vergleichsrahmen: Fast wirkt es so, als würde Pratt ihre verhangenen, sanft psychedelischen Wiegenlieder, die unendlich vertraut klingen und doch wie nichts und niemand sonst, nur für sich selbst singen – die einsamste und mithin schönste Musik der Welt.

Lana Del Rey – Norman Fucking Rockwell!

6: Lana Del Rey Norman Fucking Rockwell!

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Es ist der letzte Tag im August, ich bin verliebt und Lana Del Rey läutet das Ende eines bewegten Sommers ein. Nach den eher mediokren Vorgängern hatte ich „Norman Fucking Rockwell!“ kaum als Bestenlisten-Material auf dem Schirm, doch dann hätte diese Platte zu keinem passenderen Zeitpunkt in mein Leben treten können – und sie ist so komplex und vielförmig, dass die Lieblingsmomente noch Monate später im Wochentakt wechseln: Ist es, wie Lana im gleichnamigen Song das Wort „Bartender“ unvermittelt mit zwei zischelnden T’s ausspricht? Wie sie im Übersong „The Greatest“ das nostalgisch eingefärbte Eingeständnis der Endlichkeit als innere Apokalypse erzählt? Wie sie „Cinnamon Girl“, einen der zahlreichen Anwärter auf den nahezu perfekten Popsong, in einer Welle aus Streichern aufgehen lässt? Oder wie sie „Venice Bitch“ wiederum daran hindert, der perfekte Popsong zu werden, indem sie ihn über neun Minuten hinweg psychedelisch ausfransen lässt? Ich könnte ewig so weitermachen.

Angel Olsen – All Mirrors

5: Angel Olsen All Mirrors

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Angel Olsen holt mit Orchester zur überlebensgroßen Geste aus: Schon der Opener „Lark“ ist mit seinem Wechselspiel aus Laut und Leise, schwelender Spannung und dramatischem Ausbruch ein nahezu perfekt komponiertes Meisterstück – und doch ist er nur der Auftakt eines Albums, das, inspiriert von Filmmusik ebenso wie 60s-Pop á la Scott Walker und Nancy Sinatra, ganz klassisch anmutet, zugleich aber trotzdem neu, wenn nicht zeitlos klingt. Wenn Olsen die faktisch refrainlose Synthie-Hymne „All Mirrors“ in der Hälfte zweiteilt und den Song noch mal wiederholt, nur in dunkel, wenn sie in „Impasse“ Mauern aus Streichern baut, um sie dann schwindelerregend zusammenstürzen zu lassen oder mit dem schleichenden, verhalten jazzinfusierten Pianostück „Endgame“ vertont, wie sich Sehnsucht anfühlt – dann ist das große Songwriting-Kunst, die Olsen trotz des groß angelegten Settings zu keinem Moment überfrachtet, sondern immer genau im richtigen Verhältnis mit funkelndem Zierwerk ornamentiert.

Thom Yorke – Anima4: Thom Yorke Anima

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Menschen, die mich gut kennen, werden mir vorwerfen, ein unkritischer Fanboy zu sein, wenn ich Thom Yorkes drittes Soloalbum auf den vierten Platz setze. Ich halte dagegen: Der Vorgänger „Tomorrow’s Modern Boxes“ (2014) wäre auf dieser Liste gar nicht aufgetaucht – „Anima“ dagegen ist wirklich so gut. Yorke hat seine durch die Arbeit mit Künstlern wie Four Tet oder Burial gewonnenen Erkenntnisse endgültig in einen Sound verwandelt, der nur noch ihm selbst verpflichtet ist: Yorke schichtet Beats, Geräusche und Melodien, bis sie fast polyphonisch zusammenwirken, und baut daraus ein opakes Kunstwerk aus nervöser Rhythmik und Endzeit-Ahnungen. Auch als Radiohead-Ultra gebe ich gern zu: Etwas Besseres hat Yorke im ausgehenden Jahrzehnt nicht gemacht.

Weyes Blood – Titanic Rising3: Weyes Blood Titanic Rising

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Auch mit Weyes Blood habe ich mich, geleitet von Genre-Vorurteilen, bisher nie eingehend beschäftigt – natürlich ein Fehler, zumal Schubladen wie Indie-Folk für die Musikerin ohnehin viel zu eng geworden sind, allerspätestens seit sie auf ihrem vierten Album „Titanic Rising“ ein zeitgemäßes Echo auf den klassischen Songwriter*innen-Pop der 60er- und 70er-Jahre erschaffen hat. Ich weiß noch genau, wie ich völlig unvorbereitet von der ersten Single „Andromeda“ erwischt wurde, die es vermag, in kosmische Schwebezustände zu versetzen, selbst wenn man – wie ich – gerade eigentlich in der überfüllten U-Bahn steht. Das dazugehörige Album hat mich dann nicht minder überwältigt und fortgetragen. Wenn es hier um das schönste Albumcover ginge, wäre „Titanic Rising“ übrigens konkurrenzlos auf dem ersten Platz.

Big Thief – U.F.O.F.2: Big Thief U.F.O.F.

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Wenig hat mich 2019 so berührt wie alles, was Adrianne Lenker mit ihrer Band Big Thief gemacht hat – dass das etwas hellere „Two Hands“ an der Top Ten vorbeigeschrammt ist, liegt nämlich mitnichten an dessen Qualität, sondern nur daran, dass Big Thief schon früher im Jahr mit „U.F.O.F.“ ein anderes Album veröffentlicht haben, das emotional alles von mir abverlangt hat. Die zwölf Stücke dieses ersten Meisterwerks des Jahres – darunter übrigens mit dem Titeltrack mein Song des Jahres – haben nicht unmittelbar bei mir eingeschlagen, sondern langsam in mir gearbeitet, um sich dann (wie es bei den besten Alben oft so ist) umso tiefer einzugraben: Keine Musik hat mich in ihrer Wirkweise vor so viele Rätsel gestellt wie diese fragilen, brüchigen, sonderbar schönen Irgendwie-Folk-Songs, keine Musik hat mir im Gegenzug so viel zurückgegeben, in Form von Identifikationsangeboten und akustischen Umarmungen. In dieser Hinsicht konnten sich Big Thief in diesem Jahr nur noch selbst Konkurrenz machen. Abgesehen von …

FKA twigs – Magdalene

1: FKA twigs

Magdalene

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… Tahliah Barnett alias FKA twigs, auf deren zweites Album ich wie viele Menschen mit Spannung gewartet habe, auf das ich aber trotzdem nicht annähernd vorbereitet sein konnte: Eigentlich ist es kaum fassbar, dass es sich bei „Magdalene“ erst um ein Zweitwerk handelt, so singulär und geschlossen klingt diese Platte – und FKA twigs erreicht darauf Höhen, für die andere Musiker*innen ganze Karrieren brauchen. Wenn sie mit „LP1“ dem R’n’B seinen Weg in die Zukunft geebnet hat, existieren die Stücke des Nachfolgers in einem geradezu hermetisch versiegelten Klang- und Emotionsraum, an dem sämtliche Vergleiche und Einordnungsversuche nur noch als holprige Behelfsreferenzen abperlen: Ich kann mich an kein Album erinnern, das ebenso nah am Kunstlied wie am makellosen Popsong ist; das voller fein ziselierter, hochkomplexer Arrangements steckt, die Barnett stets in große Melodien und Hooklines überführt, von denen trotzdem keine einzige wie schon mal gehört klingt; das so viel Kraft aus dem Eingeständnis der eigenen Fragilität zieht – und mich schlussendlich zu gleichen Teilen empowert und in Tränen aufgelöst zurücklässt. Mehr als dieses außerweltliche Meisterwerk kann Musik für mich nicht leisten.

Lobende Erwähnungen: Diese Alben hätten es ebenfalls in die Liste schaffen können

Clairo – Immunity | Denzel Curry – ZUU | Stella Donnelly – Beware of the Dogs | Fat White Family – Serfs Up! | Floating Points – Crush | Die Goldenen Zitronen – More Than A Feeling | Marika Hackman – Any Human Friend |  Injury Reserve – Injury Reserve | Caroline Polachek – Pang | slowthai – Nothing Great About Britain | Sudan Archives – Athena | Sharon Van Etten – Remind Me Tomorrow