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(K)ein bisschen anbiedern

Der 22-jährige Max Gruber alias Drangsal ist die wohl spannendste Persönlichkeit des deutschen Pop seit langer Zeit.

Max Grüber sichert lieber noch mal ab: „Die meisten Leute denken, ich wäre so ein überinszenierter, arroganter Künstlertyp, und dann treffen sie mich und merken hoffentlich, dass ich total nett bin.“ Eigentlich wäre diese Beteuerung gar nicht nötig gewesen, denn vom ersten Moment an nimmt die offene und zugängliche Art des 22-Jährigen gefangen, und schon nach wenigen Minuten ist man sich sicher, die wohl spannendste Persönlichkeit des deutschen Pop seit langer Zeit vor sich zu haben. Und doch bleibt da eine Verunsicherung: Völlig zu recht wird er gerade überall für sein Drangsal-Debüt gefeiert, mit dem er sich vor den 80ern verneigt. Mal dienen ihm The Smiths als Referenz, mal orientiert er sich an den kantigeren NDW-Songs, und die Single „Love me or leave me alone“ klingt wie ein Depeche-Mode-Klassiker. Gruber kann es nicht nur in Punkto Songwriting mit all seinen Vorbildern aufnehmen, mittels einer opulenten Hochglanzproduktion gelingt es ihm auch, die heterogenen Songs zu einer Einheit zu verbinden. Andererseits findet man kein Interview mit ihm, in dem er sich nicht über die Kollegen von Isolation Berlin auskotzt, die Popmusikerin Balbina aufs Übelste beleidigt oder von Internetvideos erzählt, in denen auf einer öffentlichen Toilette das Klobürstenwasser getrunken wird. Bedenkt man dabei, dass Gruber schon immer von Typen wie Marilyn Manson, Morrissey und Henry Rollins fasziniert war, ist man sich nicht mehr so sicher, was bei ihm Meinung und ehrliches Empfinden sind – und was eher einer Aufmerksamkeitsstrategie mit den drei Eckpfeilern Inszenierung, Schock und Provokation geschuldet ist.

Für eine Einschätzung, wie sich Max Gruber und die Kunstfigur Drangsal zueinander verhalten, kommt man nicht umhin, mit ihm in sein südpfälzisches Heimatkaff Herxheim zurückzugehen, dessen alter Name „Harieschaim“ ja auch den Titel für das Debütalbum liefert. Gruber erinnert sich an die Schulzeit, wie er als Zehn- oder Elfjähriger bemerkt hat, dass er anders ist als die anderen und Marilyn Manson zum großen Idol wurde: „Natürlich wurde ich als Schwuchtel beschimpft und bekam Schläge angedroht, weil ich mir die Fingernägel lackiert habe. Aber ich wollte mich nicht wegducken und für immer traurig sein, und wenn mich jemand angeschrien hat, habe ich lieber doppelt so laut zurückgeschrien.“ Diese Umgehensweise hat er beibehalten, und er hat sie von Herxheim über Mannheim und Leipzig auch nach Berlin mitgenommen. „Dadurch hat sich mein Selbstbewusstsein entwickelt, und ich habe einfach keine Scham mehr“, sagt er und zuckt mit den Schultern.

Kurz darauf haben The Smiths und Morrissey eine Tür für Gruber geöffnet, und inspiriert von den alten Tapes seiner Eltern hat er die Musik der 80er zu seinem Interessenexil gemacht: Durch jahrelanges Forschen im Internet ist er auf Künstler gestoßen, von denen selbst die meisten Zeitzeugen noch nie gehört haben. Gruber kann stundenlang von seinen Entdeckungen schwärmen – und genauso sagt er auch frei heraus, wenn er das Authentizitätsgehubere von Isolation Berlin nicht mag. „Das hat wenig mit Inszenierung zu tun, sondern ich war schon immer so und rede einfach viel“, wehrt er sich gegen Kalkül-Unterstellungen. „Natürlich provoziere ich auch gern, und wenn ich hundertprozentig hinter einer Sache stehe, ist mir manchmal auch jedes Mittel recht. Aber ich hacke mir keinen Arm ab, nur um für die Leute, die kein Blut sehen können, ein entsprechendes Szenario zu liefern.“

„Wenn ich einfach nur provozieren wollte, würde ich im N.K. in Neukölln mit irgendwelchen dänischen Noisekünstlern als Vorgruppe spielen, Feedbacknoise machen, dabei eine SS-Uniform tragen und ins Mikro schreien, dass ich Kinder ficke. Viel krasser ist es doch heutzutage, sich nicht von diesem Popding abzuwenden und auch ein bisschen anbiedernd zu sein.“

Natürlich findet es Gruber längst nicht mehr spannend, mit lackierten Fingernägeln oder Schminke zu provozieren. Heute arbeitet er sich lieber an der Indie-Geschmackspolizei ab. „Wenn jemand sagt, du darfst Jenny Elvers nicht in deinem Video haben, weil sich das für schlaue Indiepeople nicht gehört, dann mache ich das natürlich gerade, um die Diskursler vor den Kopf zu stoßen.“ Sicher war es auch ein cleverer Schachzug, die frisch heimgekehrte Dschungelcamp-Teilnehmerin im „Allan Align“-Video zu küssen, denn so war Drangsal plötzlich auch in den Klatschmedien ein Thema. Doch Gruber macht auch keinen Hehl daraus, dass er Teil der Mainstreampopwelt sein möchte. „Wenn ich einfach nur provozieren wollte, würde ich im N.K. in Neukölln mit irgendwelchen dänischen Noisekünstlern als Vorgruppe spielen, Feedbacknoise machen, dabei eine SS-Uniform tragen und ins Mikro schreien, dass ich Kinder ficke. Viel krasser ist es doch heutzutage, sich nicht von diesem Popding abzuwenden und auch ein bisschen anbiedernd zu sein.“

Drangsal3
Foto: Jim Rakete

Natürlich braucht Gruber bei seiner Kotterschnauze auch Vertraute, die ein bisschen auf ihn aufpassen. Produzent Markus Ganther ist so einer, der ihm auch mal sagen darf, dass eine Aktion nicht so cool war oder er mit einer bestimmten Formulierung in Zukunft lieber etwas vorsichtiger sein sollte. „Das mag ich auch, schließlich bin ich ja noch jung und ziemlich grün hinter den Ohren – auch wenn ich in manchen Situationen einfach selbst auf die Schnauze fliegen muss“, lacht Gruber. Seine privilegierte Stellung hat Ganther sich hart erarbeitet: Er musste monatelang zehn Stunden täglich mit Gruber in einem Raum verbringen. „Das ist nicht leicht, denn meistens höre ich nicht mehr auf zu reden oder aber ich sage gar nichts und bin den ganzen Tag pissig“, findet Gruber selbst, der in den Tagen vor der Veröffentlichung von „Harieschaim“ schon wieder viel Zeit mit Ganther im Studio verbringt. Bevor die ersten Kritiken zum Debüt erscheinen, sollen die Grundzüge für das zweite Album stehen – da Gruber genau weiß, dass er die Artikel zur Kenntnis nehmen wird. „Mich verletzt es schon, wenn etwa geschrieben wird, ich würde nur aus den 80ern klauen“, bekennt er sich auch ganz offen zu seiner sensiblen Seite. Doch es wäre wirklich erstaunlich, sollte er viele Verrisse zu lesen bekommen.

Cover Drangsal

Harieschaim von Drangsal erscheint am 22. April via Caroline / Universal.

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Max’ Playlist

80er-Referenzen, die Max Gruber mal eben in einem 30-minütigen Gespräch auffährt:

The Smiths, Prefab Sprout, Cocteau Twins, Tuxedomoon, The B-52s, DAF, Ian Dury & The Blockheads, Aztec Camera, Echo & The Bunnymen, Fad Gadget, Depeche Mode, Hurrah!, Pyrolator, Hass, ZK, Neonbabies, Klaus Lage, Ina Deter, Hubert Kah, Ideal, Falco, Talk Talk, Frl. Menke, Extrabreit, Einstürzende Neubauten, Andreas Dorau, Palais Schaumburg, Lorenz Lorenz, Orange Juice, XTC, Pere Ubu, Asia, Marillion, Steinwolke.

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3. 11. Münster

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11. 11. Stuttgart

12. 11. Dortmund

18. 11. Dresden

19. 11. Berlin

9. 12. Leipzig