Kirk Jones: „Für mich ist John ein echter Held“
Kirk Jones hat das herausragende Biopic „Verflucht normal“ über den Tourette-Syndrom-Aktivisten John Davidson gemacht. Wir sprachen mit dem Regisseur.
Kirk Jones, als ich zum ersten Mal von Ihrem Film hörte, dachte ich, es wird eine kitschige Wohlfühlkomödie. Aber er ist so viel mehr. Als jemand, der selbst eine neurologische Erkrankung hat, haben mich die Geschichte und Johns Weg zur Akzeptanz sehr bewegt. Wie sind Sie auf die Geschichte gestoßen?
Ich kannte sie schon seit 1989. Damals war ich noch zu jung, aber sie ist mir immer im Kopf geblieben. Vor ein paar Jahren habe ich wieder daran gedacht, die Dokumentationen geschaut und mich gefragt, ob John noch lebt. Also habe ich ihn gesucht, getroffen und mir seine Geschichte angehört – und so begann alles.
Wie würden Sie den Film in 30 Sekunden beschreiben?
Es ist die wahre Geschichte von John Davidson. Wir begleiten ihn seit seinem 14. Lebensjahr, als er merkt, dass er Tourette entwickelt, bis heute. Heute nutzt er seine Erfahrungen, um andere zu inspirieren, aufzuklären und zu zeigen, wie man Menschen mit dieser neurologischen Erkrankung besser verstehen und unterstützen kann.

Ist John Davidson so inspirierend, wie man denkt?
Absolut. Für mich ist er ein echter Held. Während wir Superhelden im Kino feiern, kämpft er jeden Tag im echten Leben. Viele würden sich zurückziehen, aber er geht raus, spricht mit Menschen und erklärt seine Situation. Das ist außergewöhnlich.
Hat Sie die Arbeit am Film auch persönlich verändert?
Ja. Ich habe gelernt, dass das, was für mich „normal“ ist, nicht für alle gilt. Für manche ist schon ein einfacher Gang ins Café mit großer Angst verbunden. Wir sollten mehr Verständnis haben, denn viele Menschen kämpfen mit Dingen wie Angststörungen, OCD (Zwangsstörungen) oder Autismus. Man sieht es ihnen oft nicht an. Eine wichtige Lektion von John war: „Ignoriere die Tics, aber nicht den Menschen.“ Viele wissen nicht, wie sie reagieren sollen und wenden sich ab. Dabei wollen Betroffene einfach als Menschen wahrgenommen werden.
Aber ist das nicht schwer, wenn man jemanden mit Tourette zum ersten Mal trifft?
Doch. Als ich John traf, war er sehr nervös und seine Tics wurden stärker. Er sagte etwas völlig Unpassendes zur Begrüßung – ein typischer Tic. Da wurde mir klar: Das ist nicht seine Persönlichkeit, sondern fast wie eine zweite Stimme, die genau das Unpassendste auswählt. Das macht die Erkrankung so komplex. Und es gibt keine Heilung, nur verschiedene Wege, damit umzugehen. Deshalb wollte ich keinen allgemeinen Film über Tourette machen, sondern Johns persönliche Geschichte erzählen.

War die Rolle schwierig für Robert Aramayo, der John spielt?
Er sagte, es war die schwierigste Rolle seines Lebens. Er wollte nicht nur die Tics darstellen, sondern vor allem verstehen, wer John als Mensch ist.
Was war Ihnen bei der Umsetzung besonders wichtig?
Dass John stolz auf den Film ist. Und auch die Tourette-Community. Ich wollte ehrlich erzählen, ohne es zu übertreiben oder kitschig zu machen. Das Publikum versteht mehr, als man oft denkt.
Hat Sie bei den Vorbereitungen auf die Thematik etwas besonders überrascht?Ja, wie körperlich anstrengend Tourette ist. Die ständigen Bewegungen können den Körper stark belasten. Viele unterdrücken ihre Tics in der Öffentlichkeit und brechen später zu Hause zusammen. Das zeigt, wie groß der Druck ist.
Denken Sie, ein solcher Film kann dabei helfen, Vorurteile abzubauen?
Ja. Eine Szene im Film basiert auf einer echten Situation, in der John in einer Bar jemanden geschlagen hat. Dieser Mann hat den Film später gesehen, John kontaktiert und sich entschuldigt. Heute sind sie befreundet. Das zeigt, wie Verständnis entstehen kann.