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„Wir können nicht alles beherrschen!“

Bernhard Pötter spricht über die Herausforderungen unserer Zeit, den Glauben an die Wissenschaft und den Klimawandel.
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Bernhard Pötter Foto: privat

Herr Pötter, obwohl Sie kein Sozialpsychologe sind: Wie kommt es, dass Wissenschaftler immer wieder – wie in Sachen Klima vor kurzem durch Thea Dorn in der Wochenzeitung Die Zeit – kritisiert werden mit dem Vorwurf, sie würden in unserer Gesellschaft zu Hohepriestern erklärt. Überschrift: „Nicht predigen sollt ihr, sondern forschen!“

Bernhard Pötter: Das ist schon erklärbar. Wissenschaftlerinnen halten uns den Spiegel vor und sagen ganz klar: Was ihr hier tut, hat übermorgen oder in ein, zwei Jahren große Konsequenzen, die nur abzuwenden sind, wenn ihr relativ schnell und drastisch etwas ändert. Entweder euren Lebensstil oder die verfasste fossile Wirtschaft. Diese Art von Änderungen stoßen auf große Widerstände, weil sie die Leute entweder in ihrem persönlichen Verhalten oder die gesamte gesellschaftliche und politische Struktur treffen. Wenn jemand sagt: Ihr müsst in den nächsten 20, 30 Jahren aus den fossilen Energien aussteigen!, stößt das natürlich nicht auf ungeteilte Liebe, da gibt es große Interessengruppen, die weitermachen wollen wie bisher. Die große kulturelle Leistung an dieser Stelle ist, zu sagen: Wir haben die Mittel, wir haben das Geld, wir müssen uns nur dazu entschließen, das zu tun.

 

Hinzu kommt aber auch, dass es lange Zeit die Forderung an die Wissenschaft gab, nicht in gesellschaftliche Prozesse einzugreifen. Mögen die Menschen keine Wissenschaftler, die Forderungen stellen?

Pötter: Beim Klima war es so und ist überwiegend immer noch so, dass die Forscherinnen und Forscher sagen, wir geben euch die Zahlen und Fakten. Ihr als Gesellschaft und Politik müsst auf dieser Basis entscheiden. Der Artikel von Thea Dorn hat mich auch deswegen so gestört, weil er so tut, als lebten wir bereits in einer Expertokratie, als würden die hochdekorierten Forscher, die sie genannt hat und die eben genau forschen und nicht predigen, das Land regieren. Wenn das wirklich so wäre, sähe das Land aber anders aus! Ich gehöre eher zu den Menschen, die der Wissenschaft Versäumnisse vorwerfen, weil sie sich in den letzten 20 Jahren beim Thema Klimawandel viel zu oft in ihren Elfenbeinturm zurückgezogen und gesagt hat: Hier sind unsere Zahlen, macht damit, was ihr wollt. Ich bin weit von der Ansicht entfernt, dass die Wissenschaft uns undemokratisch in eine Richtung lenkt, die niemand will.

Wie kann nachhaltige Politik eine Hegemonie in der Gesellschaft erreichen, die sie für ihr Gelingen benötigt? Wie wird nachhaltige Politik sexy?

Pötter: Man kann den Menschen zeigen, dass nachhaltige Politik kein Verlust ist, sondern ein Gewinn. Wenn nachhaltige Politik bedeutet, dass Städte – wie jetzt während des Lockdowns – nicht von morgens bis abends verstopft sind mit Autoabgasen; sondern Städte, in denen wir mehr laufen, mehr Fahrrad fahren: Das ist ein Gewinn! Für ganz viele Leute. Mal ganz abgesehen davon, dass man zum Beispiel in Berlin schneller mit dem Fahrrad unterwegs ist als mit dem Auto. Es ist ein großer Gewinn an Lebensqualität, wenn die Elektrizität nicht erzeugt wird, indem wir Landschaften verwüsten und die Luft verpesten.

Wo wir schon mal im Lebensweltlichen sind: Wie kann ich selbst im Alltag mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel fürs Klima tun? Ich will ja nicht ständig nachdenken müssen.

Pötter: Die platte Antwort lautet: Werden Sie Vegetarier, fliegen Sie nicht mehr und reduzieren Sie Ihren Stromverbrauch, so weit es geht. Was Sie noch brauchen, holen Sie über Ökostrom. Und schaffen Sie Ihr Auto ab. Es gibt viele Leute, die das alles schon tun. Man muss aber auch immer sagen: Klima ist eine Frage, die wir nicht individuell, sondern nur gesamtgesellschaftlich lösen können. Noch wichtiger als das persönliche Handeln ist das gesellschaftspolitische Engagement. Es ist wichtig, wen man in die Regierung wählt, um darauf zu dringen, große Entscheidungen wie die Einführung eines CO2-Preises auf den Weg bringen.

Dann verändert der persönliche Lebensstil allein also nichts?

Pötter: Es ist beides. Natürlich verändert der persönliche Lebensstil den eigenen ökologischen Fußabdruck. Das bringt viel, wenn es viele machen, und es verändert das Bewusstsein für mich selber, aber auch bei anderen, wenn mein Nachbar oder meine Kinder mich fragen, warum ich etwas tue oder eben nicht tue. Über diesen Weg haben wir in den letzten 20, 30 Jahren bereits einen gesellschaftlichen Wandel vollzogen.

Wir nehmen Probleme ja oft erst wahr, wenn sie in unserer Lebenswelt angekommen sind. Mir scheint das mit dem Klimawandel ähnlich zu sein.

Pötter: Auf jeden Fall. Es war eine der großen Schwierigkeiten, dass man lange, lange, lange nur die Daten der Wissenschaftler hatte. Da wurde mit dem Anstieg des CO2-Wertes in der Atmosphäre argumentiert, was die Menschen nicht wirklich betrifft. Das hat sich geändert. Durch die zwei Dürresommer zuletzt in Deutschland, verbunden mit der Fridays-for-Future-Bewegung und dem Bericht des Weltklimarates vor zwei Jahren, ist etwas zusammengeflossen. Da kam ein lange aufgebautes schlechtes Gewissen im Hinterkopf auf. Man registrierte: Es ist heiß! Hier muss ich sagen, dass ein Hitzesommer kein Beweis für den Klimawandel ist. Aber den Leuten ist es egal, zuerst ist es heiß, und dann schneit es zu Weihnachten nicht, und dann heißt es: Uh, das ist der Klimawandel! (lacht) Ich bin da immer ein bisschen vorsichtig, betrachte eher die langen Wellen. Aber wenn Politik und Gesellschaft so funktionieren, dann ist es in diesem Fall eben so.

Das hört sich nicht an, als ob die Menschen lernen, abstrakt zu denken.

Pötter: Ich glaube, dass da die Coronakrise viel bewirken wird. Eine der Lehren, die wir mitnehmen werden, ist: Es gibt etwas da draußen, das sich unserer direkten Einflussnahme, unserer Dominanz entzieht. Es gibt ein Virus, gegen das wir kein Medikament, keine Impfung haben. Wenn es dich trifft, dann trifft es dich, und möglicherweise ist es lebensbedrohlich. Diese Erfahrung hat die Menschheit schon immer gemacht, nur dass wir sie in den letzten 50, 60 Jahren in den Industrieländern erfolgreich verdrängt haben. Wir fühlen uns – ich will nicht sagen: als jenseits der Natur – aber als unverwundbar. Gerade auch in Deutschland. Das ist, wie ich glaube, auch ein tiefer psychologischer Grund für die heftige Reaktion der Leute, die den Lockdown als Unsinn bezeichnet haben.

Und was nehmen wir aus der Krise mit?

Pötter: Dass wir nicht alles beherrschen können. Wobei wir ja alles beherrschen, indem wir die Atmosphäre mit Treibhausgasen aufladen. Wir wissen genau, was wir tun, aber die Folgen in einem chaotischen System wie dem Wetter und dem Klima sind so, dass wir nicht wissen: Kriegen wir einen Hitzesommer, oder kriegen wir einen Sommer mit Starkregen? Ich glaube, diese Verunsicherung hinsichtlich der Beherrschbarkeit unserer Umwelt, die wir durch Corona erfahren haben, verändert möglicherweise auch den Blick darauf, wie wir mit Großrisiken aus dem ökologischen Bereich umgehen, mit Artensterben, Klimawandel, der Verschmutzung der Meere.

Wäre Bescheidenheit ein Stichwort dafür?

Pötter: Bescheidenheit, Demut – nennen Sie es, wie Sie wollen. Man kann auch einfach nur sagen: Einsicht die naturwissenschaftlichen Notwendigkeiten. Wir sind nun mal ein Teil der Natur, wir sind nun mal Tiere auf eine gewisse Weise, wir hängen davon ab, dass die Temperatur da draußen nicht mehr als ein paar Grad hoch- oder runtergeht. Wir hängen davon ab, dass wir das Wasser trinken und die Luft atmen können. Bescheidenheit: Wenn es von einem extrem hohen und nicht glücklich machenden Konsumlevel runterbringt – auf jeden Fall!

Interview: Jürgen Wittner