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Manfred Maurenbrecher: „Die Risikogruppe Kultur lebt vor, wie es weitergehen kann“

Manfred Maurenbrecher ist Liedermacher und Autor aus Berlin und gehört zu den Künstlern der Musikagentur 28if. Maurenbrecher gibt jeden Mittwochabend um 20.30 ein Wohnzimmerkonzert auf YouTube.

„Das Virus schüttelt unsere Übereinkünfte und Erwartungen ganz schön durcheinander. Es legt sogar die Wirtschaft lahm, jedenfalls für ein paar Wochen, den Motor unserer kapitalistischen Welt. Wofür Umweltaktivisten und Wallstreetgegnerinnen so unermüdlich und vergeblich gekämpft haben: Jetzt auf einmal gehts … Da empfinden viele, dass Überflüssiges eine Weile zurückzutreten habe: Das Mitleid mit den Flüchtigen an Europas Grenzen zum Beispiel, und diese Kultur, die ja ganz hübsch ist, wenn das Geld fließt, man Freizeit hat und sich entspannen kann – aber doch nicht, wenn es gegen das Virus zu kämpfen gilt, für die eigene Unantastbarkeit … Aber die Flüchtigen an den Grenzen sind trotzdem da, und die Kultur ist einfach immerzu um uns alle herum – sie macht sich selbst, das ist das Verrückte, und sie findet andauernd Verbündete. Wenn es plötzlich keine Auftrittsorte mehr gibt, finden sich Internetstreams, und wenn die gleichförmig werden, finden sich Autokinos für Livemusik. Es tut der Kultur ganz gut, auf die Reise zu gehen – es tut uns künstlerisch Tätigen gut, zu spüren, wie wir gebraucht werden. Wir sind nicht systemrelevant, aber volles Risiko – das ist eine Riesenchance. Ich danke allen, die uns auf diesen krummen, ungegangenen Wegen folgen, uns unterstützen – unbürokratisch Helfenden wie den Kultursenat in Berlin mit Klaus Lederer, generös Spendenden, von denen wir alle erzählen können. Ideengeber, die auf uns zukommen. Das Virus bietet die Chance, so einiges zu verändern. Eins davon: den Bärbeißigen, die jetzt gern einen Ordnungsstaat á la Ungarn herbeidekretieren möchten, das Heft aus der Hand zu nehmen. Die Risikogruppe Kultur lebt vor, wie es Schritt für Schritt ins Unbekannte weitergehen kann. Weil es woanders hin nicht mehr geht. Natürlich braucht sie auf Dauer Hilfe. Natürlich brauchen wir alle auf Dauer Hilfe. Eigentlich sind wir, und nur wir alle, füreinander die einzige Hilfe, die’s gibt. Ob nun Flüchtige oder Beheimatete. Wenn wir das mal begriffen haben, ist etwas mehr an Kultur in der Welt. Dann könnte es losgehen mit einem Leben als Kunst, für uns alle.“