FILM

TV-Tipp: Film-Perle „The Rider“ aus den USA

Mehr als 80 Minuten dauert es in „The Rider“, bis Brady Blackburn (Brady Jandreau) endlich Tränen vergießt. Dabei hätte er schon gleich zu Beginn genügend Anlass dazu gehabt, als der junge Rodeoreiter nach einem schweren Unfall eine Metallplatte in den Kopf gesetzt bekommt. Mit dem gefährlichen, aber auch geliebtem Sport ist es für ihn vorbei. Aber was soll ein Cowboy im archaischen South Dakota sonst machen, hier, wo sich Männlichkeit noch so definiert wie vor 150 Jahren, nämlich auf dem Rücken eines Pferdes? Brady hat seine Identität verloren, wie findet er eine neue? Er ist ein talentierter Pferdeflüsterer, also macht er das, aber auch dabei erleidet er Lähmungsanfälle in den Händen. Er versucht es als Trainer für Rodeocowboys, dasselbe. Schluss mit reiten, für immer!, sagen die Ärzte. Das warnende Beispiel seines besten Freundes und Idols hat Brady stets vor Augen: Der sitzt seit einem Rodeounfall schwer behindert im Rollstuhl und kann nur noch per Zeichensprache kommunizieren. „Manchmal muss man seine Träume aufgeben“, sagt Bradys Vater lapidar. Brady aber hat im von Armut geprägten Pine Ridge Reservat kaum eine anderen Option als Hilfskraft im Supermarkt – eine Demütigung. „Pferden“, stellt er ebenso lapidar fest, „hätte man längst den Gnadenschuss gegeben.“ …

The Rider: Eine chinesische Regisseurin!

Das Wundersame an diesem stillen, meditativen Film, der vor majestätischen Horizonten, auf endlosen Grasländern und in grottenartigen Innenräumen spielt: Die Darsteller spielen ihr eigenes Leben nach! Brady Jandreau ist genau das passiert, was seiner Filmfigur Brady Blackburn passiert ist, ebenso seinem Freund, sein Filmvater ist sein echter Vater. Der Film hat dadurch eine solche Wucht und Intensität, obwohl er inszeniert ist wie ein über die Haut streichender Präriewind. Selten waren tragische Schicksale im Kino tragischer, selten waren sie echter. Fast noch wundersamer: Nicht etwa ein etablierter Indieregisseur hat diese Geschichte über die Lebenswirklichkeiten im Mittleren Westen der USA gedreht – es war die 35-jährige Chinesin Chloé Zhao, die Brady und Co. nur das Gerüst eines Drehbuchs in die Hand gab und sie ansonsten improvisieren ließ. In Cannes gab es dafür 2017 den Art Cinema Award, für ein Wunder aus der amerikanischen Provinz.

Chloé Zhao hat für ihre neuen Film Nomadland mit der zweifachen Oscar-Gewinnerin Frances McDormand gerade bei den Filmfestpielen von Venedig den Goldenen Löwen erhalten.

„The Rider“ läuft heute um 23:30 Uhr im WDR.