TV-Tipp: Coen-Meisterwerk „Inside Llewyn Davis“

Inside Llewyn Davis
Foto: ZDF/Alison Rosa

1961 in der New Yorker Folkszene, bevor ein Mann namens Bob Dylan sie für immer revolutionierte: Llewyn Davis (Oscar Isaac) interpretiert wie viele seiner Kollegen traditionelle Folksongs. Er kann von seinen Auftritten im nicht leben, hat keine Wohnung, zieht mit seiner Gitarre von Sofa zu Sofa. Nicht einmal einen Wintermantel hat der vollbärtige Barde im eisig kalten Big Apple, aber immer reichlich Neid und Spott übrig für andere Folkies, die Mainstream machen oder einfach besser ankommen.

Llewyn, der sich nach dem Freitod seines Partners als Solokünstler durchschlägt, singt derweil „Hang me, oh hang me/I’ll be dead and gone“ und nennt das normale Leben seiner Schwester reines Existieren und die Familienplanungen des befreundeten Folkduos Jean (Carey Mulligan) und Jim (Justin Tiberlake) spießig und traurig – auch als Panzer gegen eine desillusionierende Wahrheit: Er ist gut, doch mit seiner Musik kann man kein Geld verdienen, wie ihm ein bekannter Produzent attestiert. Und Llewyns Vater hat im Altersheim nach einem Ständchen zwar Tränen in die Augen – aber eben auch die Hosen voll …

Abhandlung über den Künstler

Die Folkfans Joel und Ethan Coen haben ihren 16. Film lose angelehnt an das Leben des echten Folksängers Dave van Ronk, an Homers „Odyssee“ (zum zweiten Mal nach „O Brother, where art thou?“), auch an Joyce’ „Ulysses“, was das Aufbrechen von Zeitabläufen betrifft. Es ist eine grandiose, zwischen Sarkasmus und Melancholie schwankende Abhandlung über den Künstler im ewigen Zwiespalt zwischen Authenzität und Ausverkauf, Erfolg und Treue zu seinen schöpferischen Idealen. Das eine schließt das andere aus, doch für Llewyn gilt: ohne Hits keine Hütte.

Der vor „Inside Llewyn Davis“ weitgehend unbekannte Isaac singt und spielt nicht nur seine Songs selber (arrangiert vom Dylan-Weggefährten T-Bone Burnett und Marcus Mumford), er fängt auch die Ambivalenz der Figur Llewyn von der ersten Dialogszene an präzise ein. Beeindruckend, wie es der 33-Jährige schafft, hinter Llewyns Spott und Mistkerltum Verletzungen und Empfindsamkeit sichtbar zu machen. Llewyns Irrwege führen ihn quer durch die Stadt, zu Freunden und Fremden, zu Ex-Affären, ins Studio, nach Chicago und wieder zurück.

Immer in seinem spärlichen Gepäck: das Pech und das Schneeballprinzip einer schlechten Entscheidung, die zur nächsten führt, was negative Folgen hat, die mit einer weiteren Dummheit ausgeglichen werden müssen. Die Coens stellen ihrer Hautpfigur mitnichten aus Bosheit bei fast jedem Schritt ein Bein; sie tun es, um die Conditio humana einzufangen: wie vergeblich und verzweifelt wir uns nach Glück und Liebe, Erfolg und Wärme strecken, scheitern, uns noch mehr strecken, auf einen Stuhl steigen, herunterfallen, die Beule kühlen, wieder auf die Zehenspitzen gehen.

Kino in Perfektion – ohne Sterilität

Dabei beweisen die Coens, was für effiziente Erzähler sie mittlerweile sind. Ihr Film ist von Anfang bis Ende in Tonart, Optik, Musik, Dialogen, Schnitten und Schauspielerinszenierung ideal austariert – jede Geste sitzt am rechten Platz, jede Szene hört zum richtigen Zeitpunkt auf, jeder Satz hat die logische Betonung, jede bittere Pointe ihren makellosen Ton, jedes Bild die vollkommenste Auflösung. Das ist wie aus einem Guss, Kino in Perfektion, doch ohne je steril zu sein.

Über die Bilder legt „Amelie“-Kameramann Bruno Delbonnel einen leichten Weichzeichner, der den Erdfarben der Innenräume und dem Blaugrau New Yorks eine nostalgische Patina verleiht. Das Künsterviertel Greenwich Vlilage muss Anfang der 60er nicht so ausgesehen haben – aber man möchte es nur zu gerne glauben. Am Schluss, wenn die mäandernde Geschichte fast unmerklich einen Kreis beschrieben hat, betritt ein kleiner Mann mit Mundharmonika, Zauselhaar und Nölstimme die Bühne, während Llewyn hinterm Club aufs Maul bekommt. So ist das eben: Die einen kriegen den Ruhm, die anderen nur ein paar Schrammen.

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