„Verflucht normal“: Die Queen beleidigen – und einen Orden erhalten!
Das warmherzige Biopic über das Leben des am Tourette-Syndrom erkrankten John Davidson ist der richtige Film zur richtigen Zeit.
Als im Februar bei der Verleihung der diesjährigen Baftas, des Britischen Filmpreises, die afroamerikanischen Schauspieler Delroy Lindo und Michael B. Jordan, beide Teil des mehrfach nominierten Films „Blood & Sinners“, auf der Bühne den ersten Preis vergeben wollten – da rief plötzlich jemand laut eine rassistische Beleidigung. Dieser jemand war der am Tourette-Syndrom erkrankte schottische Tourette-Aktivist John Davidson, dessen Leben in dem ebenfalls nominierten „Verflucht normal“ (englisch „I swear“) verfilmt wurde.
Das Entsetzten war berechtigterweise groß, die übertragende BBC und die Baftas entschuldigten sich vielmals, Davidson erst recht –und die Sache belegt nur erneut, wie wichtig ein Film wie „Verflucht normal“ ist, der den Leuten die Komplexität der Tourette-Krankheit näherbringt. Davidson leidet nämlich im Rahmen von Tourette auch an der seltenen, aber medial überrepräsentierten Koprolalie, einem vocalen Tic, der ihn nötigt, Flüche, Beleidigungen und Vulgäres zu rufen, die in dem sozialen Kontext, in dem er sich gerade befindet, besonders tabu sind. Regisseur Kirk Jones, mit dem wir auch über seine neuen Film sprachen, hat sein ergreifendes Biopic als späten Nachzügler der britischen Tragikomödien-Hits der 90er-Jahre angelegt: „Ganz oder gar nicht“ oder „Brassed off – Mit Pauken und Trompeten“ handelten in Zeiten der Deindustrialisierung von Arbeitslosigkeit, Krankheit und Tod, aber mit warmem, pointiertem Humor und einer humanistischen Grundeinstellung. Die Filme stellten die Würde des Menschen und die Macht solidarischen Handelns in den Mittelpunkt. Hier gab keiner auf, und wenn das Stahlwerk oder die Kohlegrube dann doch geschlossen wurden, ließen die Figuren das nicht ohne einen trockenen Spruch auf den Lippen und einen letzten Triumph am Schluss zu. Kirk Jones hat in „Lang lebe Ned Devine!“ mit seinem Regiedebüt selber einen Klassiker dieses unnachahmlich britischen Genres gedreht.
„Verflucht normal“ basiert nun auf der Lebensgeschichte von John Davidson (zu 98 Prozent, wie Jones sagt) und ist daher auf festere dramaturgische Gitter gezurrt als ein fiktiver Film, der soziale Umwälzungen als Hintergrund hat. Im südostschottischen Galashiels im Jahr 1983: Der selbstbewusste, zwölfjährige John Davidson (Scott Ellis Watson) steht kurz vor davor, als Fußballtorwart entdeckt zu werden und seinem Arbeiterfamilie-Umfeld idealerweise in eine Profimannschaft zu entkommen. Sein Trainer kündigt einen Scout an – doch plötzlich beginnen bei John Tics und Zuckungen, unwillkürliche Ausrufe und verbale Beleidigungen. Der Scout reist genervt ab, der Schulleiter schlägt mit der Gerte zu, der Vater sucht das Weite, die Mutter ist überfordert, und Johns Leben liegt in Trümmern.

Mitte der 80er ist Tourette den Menschen unbekannt und John nun ein Freak. 13 Jahre später: John (Robert Aramayo, der herausragend spielt), jetzt 25, lebt weiter bei seiner Mutter, hat keinen Job und wird auch mal von der Polizei verhaftet, weil er vorbeigehende Polizisten beleidigen muss. Dann trifft er seinen Schulfreund Murray wieder, dessen Mutter an tödlichem Krebs erkrankt ist. Die handfeste Dottie (Maxine Peake), einst psychiatrische Krankenschwester, lässt sich nicht davon irritieren, dass John beim ersten Besuch den Badspiegel und mehrere Teller zerschlägt und zur Begrüßung sagt: „Du wirst bald an Krebs sterben!“. Sie legt ihm nur eine Regel auf: Entschuldige dich niemals für etwas, für das du nichts kannst – und nimmt John bei sich auf. Warum nicht in der verbleibenden Lebenszeit jemandem helfen?
Von da an bekommt John Struktur in sein Leben. Dottie schickt ihn zum Vorstellungsgespräch beim Leiter des Gemeindezentrums, der einen Assistenten sucht. Tommy (wunderbar: Ken-Loach-Veteran Peter Mullan) stellt John tatsächlich ein, auch wenn der beim Gespräch Tommys Hund schlagen muss. Und Dotties Krebs ist doch nur eine Zyste. Aber der Film wird hier nicht zum Feelgood-Movie; die Rückschläge für John sind hart und schmerzhaft, seine Koprolalie bringt ihm brutale Schläge ein, und Dotties Idee, John eine eigene Wohnung im Sozialwohnblock zu verschaffen, geht schwer nach hinten los. John erinnert sich an Tommys Worte: „Tourette ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass die Leute nichts über Tourette wissen. Bring ihnen was über Tourette bei, klär sie auf!“ Und das macht John dann auch …

„Verflucht normal“ ist ein nahezu perfekter Film und eine Achterbahnfahrt der Gefühle, weil Johns Tiefs echt sind und uns als Betrachter auch umso mehr treffen. Genau wie die Hochs auch mal Tränen fließen lassen, die bei Johns unwillkürlichen, aber urkomischen und originellen, in ihrer Missachtung sozialer Regeln tatsächlich erfrischenden verbalen Ausfällen auch zu Lachtränen werden. „Verflucht normal“ sollte man daher idealerweise im Original mit Untertiteln sehen: Tourette-Flüche auf Schottisch sind einfach unbezahlbar! Souverän und herzlich erzählt Jones die klassische Geschichte vom Außenseiter, der sich über hohe Hürden seinen Weg in die Mitte der Gesellschaft erkämpft. Wie hier Mitmenschlichkeit als zentraler Inhalt des Lebens gesetzt wird – das ist gerade in unseren, von Rücksichtslosigkeit und Hass geprägten Zeiten eine dringend benötigte Infusion an Zuversicht und Hoffnung.
John Davidson wurde 2019 von Königin Elizabeth II. für sein Engagement in der Tourette-Aufklärung mit dem Order of the British Empire ausgezeichnet – obwohl er bei der Zeremonie, das ist wahr, „Fuck the Queen!“ rufen musste. Und Hauptdarsteller Robert Aramayo, von Regisseur Kirk Jones in vollem Vertrauen ohne Vorsprechen besetzt, erhielt den Bafta als bester männlicher Hauptdarsteller.