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Vielversprechende Neuerscheinungen – Was läuft so in den Charts?

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Was läuft eigentlich momentan so in den Charts? Wir haben uns mal umgehört

tru. ist gerade erschienen (Chimperator Productions / Groove Attack)

HIPHOP  „Tru.“ – der Albumname ist Programm: Wer glaubt, dass Cro auf seinem dritten Album wieder einen Balanceakt vollziehen würde ob der Entscheidung, welche Hörergruppe er denn nun beeindrucken wolle, liegt erstaunlicherweise falsch. So reif, vielseitig, reflektiert und ehrlich – eben tru – klang der Mann mit der Pandamaske noch nie. Die Songs seiner neuen Platte fesseln durch die Bank weg. Treffende Beispiele für den Cro-2017-Sound sind die ersten beiden Singles „Baum“ und „Unendlichkeit“, in denen er über den Sinn des Lebens philosophiert. Schnell gelangt der Teeniestar zu der ernüchternden Erkenntnis: „Doch wozu Girls, Cash, pretty things, ’n wunder-schönen Benz in Weiß? / Und all der ganze fancy Scheiß? / Du stehst vor hundert-tausend Fans und weißt: irgendwann ist der Moment vorbei / Und ich wollt‘ eigentlich Unendlichkeit“ – ein treffender Beleg dafür, dass der gereifte Cro sich durchaus selbst reflektiert und in der Realität angekommen ist. Bemerkenswert ist auch die gemeinschaftliche Produktionsleistung mit Shuko, die zwischen leichtem Pop à la „Bye bye“ oder tightem Doubletime-Rap ein breites Klangspektrum abdeckt. Die Texte sind nicht minder facettenreich: Egal ob zweifelnd wie in „Unendlichkeit“ oder bodenständig wie im Titelsong („Und alle Hoes riechen, dass dieser Boy jetzt rich ist / Money ändert alles, aber glaub mir, mich nicht“) – die Neuausrichtung des Rappers hat ihn nach dem Flop seines Kinofilms „Unsere Zeit ist jetzt“ (2016) zurück in die Erfolgsspur gebracht. Schleierhaft bleibt auf der neuen Platte jedoch der Einsatz von GastmusikerInnen, denn auch verheißungsvolle Namen wie die Hamburger R’n’B-Sängerin Ace Tee oder Rapperin Ivy Sole verblassen hinter dem zu Höchstform auflaufenden Cro. Einen ebenbürtigen Featurepartner gibt im Song „Todas“ nur Fugees-Mitglied Wyclef Jean ab, dessen entspannter Gesang im wirkungsvollen Kontrast zu den lebhaften Rapparts steht. Mit „tru.“ gewährt Cro erstmals Einblicke in den Mann hinter der Pandamaske – abnehmen tut er sie dennoch nicht.

 

Verehrt & Verdammt ist gerade erschienen (Seven One Music / Sony)

FOLKROCK  Verehrt und verdammt: Der Titel des neuen dArtagnan-Albums ist Programm. In ihrer zweiten Studioproduktion setzen die drei selbsternannten Musketier-Rocker aus Nürnberg in erster Linie auf Altbewährtes: Die CD startet, sofort ertönt der schon vom Debüt bekannte Mittelalter-Sound zu volkstümlichen Lyrics. Getreu dem Motto „never change  a winning team“ rocken sich die drei Freunde mit ihrer extrem auf Hooks fokussierten Musik in unser Gedächtnis. Doch genau hier liegt das Problem: Das, was zunächst vertraut und liebgewonnen erklingt, verkommt allzu schnell zur wiederkehrenden Phrase. Schade also, dass das zweite Album mehr nach sicheren Gefilden, denn nach innovativem Wagnis klingt – das Potential wäre allemal vorhanden gewesen. Nichtsdestotrotz liefert dArtagnan ein solides Werk ab – man kann die Fans quasi schon hören, wie sie belustigt das Schicksal des „Schinderhannes“ besingen oder in der deutschen Fassung des Evergreens „Should auld aquaintance“ dahinschwelgen.

 

Evolution ist gerade erschienen (Polydor / Universal)

ROCKPOP  Evolution: Das impliziert einen ausgereiften Wandel, das verspricht Veränderung oder gar Erneuerung. Genug Zeit dafür hatte Anastacia eigentlich, die in beinahe 20 Jahren sechs erfolgreiche Studioalben veröffentlichte. Natürlich ist sie ein alter Hase im Business und weiß genau, welche Knöpfe sie wann drücken muss. Doch genau das wird ihr auch zum Verhängnis: Anastacia klingt wie eh und je. Ihre tiefe, soulige Rockstimme ist nach wie vor beeindruckend, doch ist das auch eine Qualität, die niemanden mehr überraschen dürfte. Wer hofft, dass wenigstens die Songs Kontrapunkte zur Routine setzen, wird aber auch hier bald eines Besseren belehrt: „Evolution“ enthält in erster Linie aufgeplusterte Pop-Arrangements ohne Soul („Caught in the middle“), abgedroschene Melodiephrasen, die man so oder so ähnlich schon x-fach gehört hat („Redlight“, „Boxer“), und zum unrunden Abschluss gibt es dann mit „My Everything“ noch eine vor Kitsch triefende Pianoballade. Einziger Lichtblick ist und bleibt Anastacias charakteristisches Organ – auch wenn das Warten auf die in Aussicht gestellte Entwicklung vergebens bleibt. Wer gerne kurzweiligen Mainstream-Rockpop von der Stange möchte, wird mit der Platte seine Freude haben. Unerwartete Töne oder herausstechende Momente sind allerdings Mangelware. Die Rocksängerin wäre gut beraten gewesen, beim ursprünglichen Albumtitel „Stamina“ zu bleiben. Denn Durchhaltevermögen beweist sie im Gegensatz zum Veränderungswillen allemal.

 

Heartbreak Century erscheint am 06. Oktober (Polydor / Universal)

ROCKPOP  Ziemlich genau vier Jahre sind vergangen, seitdem die Band aus Suomi mit „Unholy Ground“ ihr letztes und bisher erfolgreichstes Studioalbum veröffentlicht hat. Mit der neuen Platte „Heartbreak Century“ ruhen sich Sunrise Avenue aber nicht auf ihrem Erfolgsrezept aus. Stattdessen ist Sänger Samu Haber mit seiner Akustikgitarre durch die Welt gereist, um Eindrücke für das neue Album zu sammeln – und auch um wieder zu sich selbst zu finden. Zurück im heimischen Finnland, hat er dieses bunte Potpourri an Impressionen zusammen mit seinen vier Mitstreitern zu starken Songs geformt, in denen sich nicht nur Habers emotionale, sondern auch seine geografische Reise nachvollziehen lässt: Nach dem Titelsong „Heartbreak Century“, einer volumi-nösen Hymne, verbleibt die Band nicht etwa in der finnischen Tundra, sondern versetzt einen mit dem lebensfrohen Sambarhythmus-Intro der Single „I help you hate me“ sinnbildlich mitten in den brasilianischen Karneval. Neben diesem atmosphärischen Wechselspiel lebt die Platte vor allem von dem sonoren, charismatischen Bariton Samu Habers. Das ist jetzt vielleicht keine musikalische Revolution – wenngleich diese Assoziation keineswegs abwegig ist, wenn man den Sänger auf dem Cover die rote Fahne schwenken sieht. Doch „Heartbreak Century“ wird trotz oder gerade wegen seines universellen Sounds nicht nur die Herzen der treuen Fans höher schlagen lassen.

Hörbeispiele

Cro – Album Medley

dArtagnan – Neue Helden / Jubel

Anastacia – Album Medley

Sunrise Avenue – I Help You Hate Me / Heartbreak Century (Acoustic)

Design und Rezensionen: Christoph Platzek

 

↓ Alle Alben gibt es auch live on Tour ↓

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