A serious Man
von Volker Sievert
Ein ernstzunehmender Mann – das ist alles, was Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg) sein möchte. Allerding erst, nachdem der Liebhaber von Larrys Frau sich selber so bezeichnet, bevor er Larry an sich drückt und ihm verspricht, dass alles gut werde. Larry, ein Physikprofessor Ende der 1960er-Jahre in Minnesota, geht von Beginn des Films an das bürgerlich-jüdisches Leben entzwei: Ein südkoreanischer Student versucht ihn zu bestechen, seine Frau will die Scheidung, die Tochter eine Schönheits-OP, der dauerkiffende Sohn, kurz vor dem Bar Mizwa, ein besseres Fernsehbild, der labile Bruder schläft auf dem Sofa und arbeitet an einem Code, mit dem man beim Glücksspiel abräumt, die Uni erhält anonyme Schmähbrief, die Larrys Verbeamtung verhindern sollen, und die laszive Nachbarin bringt mit Oben-ohne-Sonnenbädern Larrys Hormonhaushalt in Aufruhr.
Joel und Ethan Coen zelebrieren in ihrer pechschwarzen, mit unbekannten Schauspielern gedrehten Komödie die zwingende Logik des Scheiterns. Natürlich ist Larry Lehrbeautragter einer Wissenschaft, die sich ausschließlich auf mathematische Beweise und Belege verlässt. Dass gerade ihm, der sich die Welt mit Zahlen, Gleichungen und Formeln erklärt und erfasst, der Einbruch des Irrationalen in ein berechenbares System die Existenz zerbröselt, ist nur logisch. Larry wittert Synchronizität, doch es gibt keine Hinweise auf inhaltliche Zusammenhänge für das, was ihm zustößt. Es ist einfach das Chaos, etwas, mit dem Larry qua Professur regelmäßig zu tun hat – aber eben nur mit Kreide auf einer Tafel, nicht als faktischen Zustand. In Larrys Fachsprache ausgedrückt: Die Systemvariablen des Prozesses divergieren zu einem beliebigen Zeitpunkt mit exponentieller Geschwindigkeit.
Der Film beschäftigt sich mit der Frage, warum guten Menschen Böses zustößt. Larry ist ein moderner Hiob, der Gott anruft und fragt, warum in seinem Leben alles schief läuft und zur Antwort nur die Antwort bekommt, dass es keine Antwort geben wird. Er ist auch ein gutmütiger Wiedergänger von Jerry Lundegaard, dem wieseligen, mit dem Schicksal haderndern Autohändler aus „Fargo“. Doch wo Jerry selbst verantwortlich für das war, was ihm widerfuhr, lassen die Coens auf Larry alles Furchtbare der säkularen und religiösen Welt hinabfahren wie auf ein Opferlamm und dekonstruieren lustvoll sein Dasein.
Larry wendet sich verzweifelt an die Rabbis der Gemeinde, doch die bieten ihm nur Schweigen, seltsame Analogien über Parkplätze und sinnfreie Geschichten über Gois, Nichtjuden an. Und je weniger Land Larry sieht, je mehr er seine Contenance verliert, desto mehr gleitet seine weiche, wohltemperierte Stimme – zumindest in der Originalfassung – in zitterige, hysterische Höhen ab, wälzt sein sorgenzerfurchtes Gesicht die Hornbrille quer durch sein Gesicht, hüpfen die Augenbrauen über seinen nervös umherhuschenden Augen auf und ab wie Flummis. „Ich habe doch gar nichts getan“, beklagt er sich wiederholt, und „Ich habe versucht, ein ernsthafter Mann zu sein“, erklärt er der Sekretärin des Oberrabbiners, als wäre das schon genug, um von Gottes Launen verschont zu bleiben. Larry, das wird bald klar, steht nicht für ein jüdisches Dilemma, er ist kein Schmock , dafür behandeln ihn die Coens – im selben Umfeld wie ihre Figur aufgewachsen– trotz aller Grausamkeiten viel zu zärtlich. Larry Gopnik steht stellvertretend für uns alle, wir, die Marionetten in einem Spiel, dessen Ziel und Sinn wir genauso wenig kennen wie den Puppenführer und den Grund für das, was uns passiert.
Michael Stuhlbarg, ein New Yorker Bühnendarsteller, liefert als aufrichtiger, aber chancenloser Gopnik die beste Schauspielleistung in eine Coen-Film seit William H. Macy als Jerry Lundegaard vor 13 Jahren. Sein leidgeprüfter Physikprofessor ist ein Spielball von Kräften, die er nicht durchschaut, und Stuhlbarg spielt das so präzise, sanft und auf den Punkt, das man wegen ihm allein den Film mehrfach sehen könnte, um noch ein weitere gestische oder mimische Nuance zu entdecken, die das Leiden Larrys kongenial wiedergeben. Die Coens verstärken diese Wirkung, indem sie Stuhlbarg und die anderen Schauspieler in den von ihrem Stammkameramann Roger Deakins sorgfältig komponierten Bilder platzieren und streng komponiert agieren lassen. Niemand rennt in diesem Film, nicht einmal gehen tun die Figuren viel, und doch wirkt das alles nie statisch. Im Gegenteil: Alles scheint immer in Bewegung, jede Szene greift die vorherige auf und geht in die folgende über wie bei einem spannenden Krim. Die Coen-Brüder spielen auf der Klaviatur der Kinosprache eine perfekte Sonate ein; die Virtuosität, mit der sie ihr Können unter Beweis stellen, erschließt sich einem viellleicht erst längere Zeit, nachdem man „A serious Man“ gesehen hat. Dann aber mag man kaum glauben, was man da gesehen hat. (vs)