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Alexander Scheer

Eigentlich sollte er Boxer werden. Aber dann kam alles anders. Alexander Scheer wurde 1997 bei einem Casting für die Hauptrolle des verliebten Mischa in der Ostberlin-Komödie „Sonnenallee“ ausgewählt. Im Anschluss lud ihn Leander Haußmann an das Schauspielhaus Bochum ein. Ab 12. April kommt Scheer nun als ehrgeiziger Werbekreativer in der Kinokomödie „Viktor Vogel – Commercial Man“ in die Kinos. Parallel dazu brilliert er weiterhin am Deutschen Schauspielhaus Hamburg als Kolya in Tschechows „Die Möwe“. city.mag sprach mit dem souveränen 24-Jährigen, der derzeit zwischen Berlin und Hamburg pendelt.

Wie er da so reinschlackst in die noble Hotelsuite – Haare bis zum Kinn hin verwuschelt, krummer Rücken, ausufernde Bewegungen der knochigen Glieder … ein Wunder, dass er es bis zum Sofa schafft: „Sorry, Leute, hab’ verschlafen“, sagt er mit diesem ganz besonderen Lächeln, das seinen Hauptsitz zwischen den Grübchen im linken oberen Mundwinkel hat. Scheer puhlt eine – die erste von vielen – Zigarette hervor, und beantwortet ganz locker und munter – mal berlinernd, mal hochdeutsch – alle Fragen:

Geboren wurde Alexander Scheer in Berlin (Ost) Friedrichshain, nicht gerade Berlins Juwelenkästchen. 1992 kam er auf eine Eliteschule für Musiker, nach der 11. Klasse beschloss Scheer: „Ich mache jetzt, was ich will. Das ist das einzige, das Sinn macht, denn es ist sowieso alles chaotisch in diesem Land.“ Scheer machte Off-Theater im TIK (Theater im Kino), er jobbte als Barkeeper, Friedhofsgärtner, Postbote, Darsteller in Werbefilmen („Ich war jung, ich brauchte das Geld.“), drehte Videos und „machte Party“. Video und Musik ist er auch heute noch treu: Mit seinen Kumpels, mit denen er im Sommer in einer Fabriketage in Berlin Mitte zusammenziehen will („einen auf Warhols Factory machen“) spielt er unter wechselnden Namen „Partymucke mit technoiden Soundelementen und zappaesken Harmoniefolgen“. Außerdem ist Scheer an der Video Trash Produktionsfirma 9 O ‘Clock Pictures beteiligt – „Das Logo ist eine Uhr, die auf neun steht, da haben wir zwei mal am Tag Gratiswerbung!“

Mit Werbung, dem Thema in „Viktor Vogel – Commercial Man“ hat Scheer nicht viel am Hut. „Ich bin mit Werbung nicht aufgewachsen, ich brauch’ das nicht. Alles geht in diesem System nur nach dem Profit. Neulich habe ich mir einen Walkman gekauft, und der war nach 14 Tagen kaputt. Das ist der Punkt. Aber der Punkt ist auch, dass es im Osten keine Walkmen gab. Insofern ist es schon besser.“

/8er (sprich:Strichachter) gab’s auch nicht, deshalb hat sich Scheer jetzt eines dieser alten Mercedes-Coupés zugelegt, wie er mächtig stolz erzählt. Was hat sich sonst noch für ihn geändert, seitdem er einen Namen und ein dickeres Konto hat? „Früher haben wir uns bei Parties reingeschmuggelt, uns am Buffet gütlich getan und die schönen Frauen angeguckt, haben uns arrogant und wie Stars verhalten – das habe ich also schon durch. Wenn ich heute zum Filmball eingeladen werde, macht das gar keinen Spaß. Geld ist nicht die Sache.“ Wichtig ist ihm jetzt, nach vier Jahren durchgehender Arbeit, „ein Sommer für mich“. Und dann? „Es gibt zwei Filme, die ich gerne drehen würde. Keine Komödien, das wäre die falsche Schublade.“ Oder er spielt weiter Theater, gerne wieder am Schauspielhaus in Hamburg: „Das ist ein schönes Haus, das gibt dir Sicherheit. Ob Filmdreh oder Auftritt, das ist vom Aufwand her dieselbe Energie. Aber das Live Erlebnis! Theater ist die wahre Sache!“ Und schließlich ist er Live- Schauspieler par excellence – auch bei einem Interview im Hamburger Nobelhotel.

Constanze Rheinholz