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„All the Sins“: Die Idylle Nordfinnlands – tödlich

Die finnische Krimiserie „All the Sins“ läuft bei Arte und kann in der Arte-Mediathek gestreamt werden.
Die finnische Krimiserie „All the Sins“ läuft bei Arte und kann in der Arte-Mediathek gestreamt werden. (Foto: Arte / © Hannele Majaniem)

Morde in der nordfinnischen Kleinstadt Varjakka: Die Serie „All the Sins“ bei Arte und in der Mediathek ist viel mehr als nur ein Thriller. Hier treffen Mitglieider der Glaubensgemeinde der Laestadianer auf Antitheisten und Unternehmer auf Geflüchtete. Nur: Wer ist der Mörder?

Das Böse lauert überall, vor allem aber in den Herzen der Ungläubigen. In der finnischen Thrillerserie „All the Sins“ – die erste von drei Staffeln aus dem Jahr 2019 ist jetzt in der Arte-Mediathek und auf Arte zu sehen – steigen wir nicht nur tief in die christliche Sekte der Laestadianer – einer Erweckungsbewegung der Lutheranern – im Norden Finnlands ein. Wir erfahren auch sehr viel über deren Gegenspieler, einer militanten Gruppe von Antitheisten, die im Gegensatz zu den Atheisten eine Kampfansage an alle Gläubigen nicht nur aussprechen, sondern sie auch umsetzen. Gleichzeitig wird die von irakischen Exilanten betriebene Pizzeria von exiltükischen Konkurrenten bedroht. Nur: Wer hat die beiden älteren Laestadianer an den Beinen aufgehängt und ausbluten lassen? Die Ermittlerin Sanna Tervo und ihr Kollege Lauri Räihä werden aus Helsinki in den Norden beordert, damit sie rund um Mittsommer bei 24-Stunden-Helligkeit Licht in das Dunkel der seltsamen Kleinstadt Varjakka bringen.

Die ersten drei Folgen kommen noch fast ohne dramaturgische Höhepunkte aus, so dass die Defintion „Thriller“ kaum gerechtfertigt scheint, doch ab Folge 4 zieht die Handlung gewaltig an: Kühe sterben, Maihuannaplantagen fliegen auf, Ketamin spielt sowohl bei den Morden als auch sonst eine immer größere Rolle, die Antitheisten erklären den Gläubigen und dem Kapitalismus den Krieg und fordern darüber hinaus, dass alte Menschen wegen des Klimas und der Überbevölkerung sich möglichst früh umbringen sollen . Und dann startet die Polizei aus unterschiedlichen Gründen eine große Verhaftungsaktion. „All the Sins“ lässt sich viel Zeit beim Blick in eine äußerst konservativ und repressiv aufgestellte christliche Gemeinde. Die einzelnen Charaktere werden zu keiner Zeit vorgeführt, sondern nuanciert gespielt und gefilmt. Auf der anderen Seite der Antitheisten herrscht hingegen nicht diese Tiefe, ihre Aktionen sind Provokation, vor allem ihr Chef wird als selbstgerechter, harter und genadenloser Verfechter seiner Ansichten gezeigt, obwohl er mit seinem Blick auf die Funktion des Glaubens in der Gesellschaft in Teilen sicher absolut richtig liegt. Dass in der Kleinstadt weitere Dissonanzen walten, kriegen Sanna Tervo und Lauri Räihä sehr schnell raus. Vor allem der schwule Lauri (hervorragend gespielt von Johannes Holopainen), vor vielen Jahren aus Varjakka geflohen, dringt wieder tief nicht nur in die christliche Gemeinde, sondern auch in seine eigene traumatische Vergangenheit ein. Beim ersten Anblick der Grundschule muss er an Ort und Stelle erst mal kotzen. Lauri hat sich längst von seinem Vater losgesagt, wird von diesem aber noch immer verfolgt: Er wurde als Kind von diesem geschlagen und ist jetzt selbst gewalttätig gegenüber seinem Partner und deshalb in Therapie. Seine Eltern sehen ihn als Verdammten, der sich vom einzig wahren Glauben losgesagt und aufgrund seiner sexuellen Präferenzen eine Todsünde auf sich geladen hat. Lauris Ermittlungspartnerin Sanna Tervo (Maria Sid) lebt offensichtlich promisk. Schon in den ersten beiden Nächten holt sie zwei Männer in ihr Hotelbett, einer davon ist der zugezogene Supermarktbesitzer mit Expansionsplänen und bald schon der Hauptverdächtige in den Mordfällen. Was ihr natürlich irgendwann auf die Füße fallen wird. Das Drehbuch von Merja Aakko und Mika Ronkainen spielt in „All the Sins“ keine Gruppe gegen die andere aus. Wer nicht gläubig ist wie Sanna („Ich hatte mit etwa 5000 Männern Sex“), hat sein Leben genauso verbockt: Ihre Tochter hat sich vor Jahren von ihr losgesagt, ihre Mutter stirbt, während sie sich weigert, nach Hause zu fliegen, und ihr Leben mutet an wie ein Trümmerhaufen. Regisseur Mika Ronkainen hat mit „All the Sins“ eine Serie nach typischen Nordic-Noir-Muster gedreht, aber mit Tiefang. Nicht nur die Ermittlungen, alles droht irgendwann zu implodieren. Wie er in der letzten Folge alle Handlungskurven hin zu einem Ende meistert, ist dashalb so erstaunlich wie konsequent und plausibel durchgeführt. Nur ganz kurz meint man ein bisschen zu viel Versöhnlichkeit wahrzunehmen, aber das ist ein flüchtiger Eindruck. Diese Serie ist wirklich gelungen.

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