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André Aciman: Fünf Lieben lang

„Call me by your Name“-Autor André Aciman spricht im Interview mit kulturnews über seinen neuen Roman „Fünf Lieben lang“.

André, spätestens seit der Verfilmung von „Call me by your Name“ wollen alle mit dir über die Liebe sprechen. Du scheinst es aber noch nicht leid zu sein, wenn du jetzt einen neuen Roman mit dem Titel „Fünf Lieben lang“ veröffentlichst …

André Aciman: Ich spreche selten über Liebe, sondern meist über Verlangen oder meinetwegen das Verliebtsein. Das Verlangen ist unmittelbarer und uneindeutig. Wenn ein Autor das Wort „Liebe“ benutzt, macht er eine Tür zu, und alles ist gesagt. John liebt Mary: Wenn wir diesen Satz lesen, wissen wir genau, was vor sich geht – oder zumindest meinen wir, es zu wissen. Viel spannender ist es doch, wenn John es nicht schafft, mit Mary zu reden. Er begehrt sie, weiß aber auch gar nicht so genau, warum. Mich interessieren diese Ambivalenzen. Auch wenn mein neues Buch in der deutschen Übersetzung den Titel „Fünf Lieben lang“ bekommen hat, wird man in dem Roman nicht ein einziges Mal das Wort „Liebe“ finden. Es geht um Besessenheit.

André Aciman im Interview über seinen neuen Roman „Fünf Lieben lang.“
Foto: Sigrid Estrada

Bist du wie dein Erzähler Paul, der jeden Satz der begehrten Person ganz genau analysiert und stundenlang überlegt, wie er gemeint sein könnte?

André Aciman: Eigentlich sind wir doch alle psychologische Stalker. Wir verfolgen die Person, die wir begehren, vielleicht nicht auf der Straße, trotzdem stalken wir sie ununterbrochen in unseren Gedanken. Was macht sie gerade und mit wem? Denkt sie an mich, oder ist mein Sehnen vergebens? Das bin schon ich, und ich glaube, dass jeder so tickt – auch wenn es die wenigsten zugeben.

Du glaubst nicht daran, dass es sexuelle Orientierung gibt, und auch Paul begehrt sowohl Frauen als auch Männer. Dass du immer wieder auf dieses Thema angesprochen wirst, scheint mir ein Hinweis darauf zu sein, dass es vielen Menschen Angst macht.

André Aciman: Viele Menschen brauchen Klarheit, um das Leben mit ihrer Arbeit, den Kindern, den Wochenenden und ihren Urlauben genießen zu können. Ich kann das nachvollziehen und beneide sie in gewisser Weise auch darum, dass sie ganz genau wissen, was ihnen gefällt und was nicht. Für viele ist schwuler Sex ja nicht nur ein Tabu, sondern schlicht undenkbar, und ich kenne viele schwule Männer, für die Sex mit einer Frau das Schlimmste ist, was sie sich vorstellen können. Mein Job als Autor ist es aber, an diesen Konstrukten zu rütteln und zu zeigen, dass es sehr wohl möglich ist, an ein und demselben Tag mit einer Frau und mit einem Mann zu schlafen. Ich kann oft verstehen, woher dieser Wunsch nach einer Festlegung kommt, trotzdem glaube ich, dass niemand so einseitig begehrt. Wir sind alle fluide.

Oft fällt ja die Unterscheidung schwer, ob man sich von einem Menschen sexuell angezogen fühlt oder ihn einfach nur als Freund*in in seiner Nähe haben will. Ich kenne das von mir, dass ich dann lieber abwarte, bis ich meine, mir darüber klar zu sein, statt es aktiv herauszufinden.

André Aciman (lacht): Vielleicht solltest du das nicht. Oft fängt man dann ja an, sich in die eine oder andere Richtung etwas vorzumachen. Oder man schiebt das Problem ewig vor sich her. Wir alle haben doch schon mit jemandem geschlafen und wussten unmittelbar danach, dass es ein Fehler gewesen ist. Deswegen mag ich das erste Kapitel meines Buchs so sehr: Der zwölfjährige Paul fühlt sich von dem jungen Tischler Giovanni angezogen, aber er weiß noch gar nicht, was Sex ist, und kann seine Gefühle nicht verorten. Uns geht es im Erwachsenenalter doch oft ähnlich: Wir finden jemanden attraktiv, wollen aber gar nicht mit der Person schlafen, sondern einfach viel Zeit in ihrer Nähe verbringen und reden. Innerhalb einer Minute kann das kippen, und plötzlich ist das Begehren da. Plötzlich wollen wir mit der Person schlafen – und dann vielleicht auch gar nicht mehr reden. (lacht)

Für Paul ist das ein großes Problem. Sobald er eine Beziehung beginnt, langweilt er sich und sucht die Leidenschaft anderswo.

André Aciman: Paul kann sich nicht mit der Routine abfinden, und er will auch nicht nach der besten aller möglichen Routinen suchen. Er braucht die Leidenschaft und will besessen sein. Beziehungen funktionieren für ihn über einen längeren Zeitraum nicht, weil er die Gleichgültigkeit nicht erträgt, die sich bei ihm einstellt. Immerhin ist er sich dessen bewusst und weiß schon ziemlich genau, wonach er sucht. Ich glaube aber auch, dass eine bewusst beschlossene Trennung nicht das Ende sein muss. Man hat den Expartner vielleicht zehn Jahre nicht gesehen, verliebt sich aber innerhalb für Sekunden ein zweites Mal – und sei es nur für eine halbe Stunde.

Interview: Carsten Schrader

André Aciman Fünf Lieben lang

dtv, 2019, 352 S., 22 Euro

Aus d. Engl. v. Christiane Buchner u. Matthias Teiting

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