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Anthony Marra: Die niedrigen Himmel

Die Schrecken eines Krieges einzufangen, ist eine Sache. Zu zeigen, wie sie vom Bewusst- ins Unterbewusstsein der Menschen vordringen, um dort zu mutieren, eine andere. Wenn Anthony Marra das kriegsgebeutelte Tschetschenien zum Schauplatz seiner Geschichte macht, schafft er beides. Föderale, Rebellen der tschetschenischen Unabhängigkeitsbewegung, Splittergruppen: Die Motivationen, zu den Waffen zu greifen, sind vielfältig, klare Fronten sind kaum noch erkennbar. Inmitten des gewaltsamen Chaos’ wird Achmed Zeuge, wie die Föderalen mitten in der Nacht seinen Nachbarn und besten Freund Dokka abholen. Er wird nicht wiederkehren, Achmed weiß das. Dokkas Tochter Hawah, die eigentlich gemeinsam mit ihrem Vater hätte abtransportiert werden sollen, konnte indes wider Erwarten fliehen, und für Achmed gibt es ab sofort nur noch ein Ziel: die Sicherheit des Mädchens.

In Ermangelung einer Alternative wendet er sich an Sonja, die letzte Ärztin im nächstgelegenen Krankenhaus, die dem Krieg noch nicht den Rücken gekehrt hat. Dabei hatte sie bereits eine medizinische Karriere in London – wegen ihrer Schwester kehrte Sonja an diesen Ort der Plünderungen, Bombenexplosionen und abgetrennten Gliedmaßen zurück. Marra dringt bis in die finsteren biografischen Winkel von Haupt- und Nebenpersonen vor; es offenbart sich ein hässliches Netz aus Lügen, Verrat, körperlicher und emotionaler Gewalt.

In „Die niedrigen Himmel“ verhandelt Anthony Marra in präziser, kraftvoller Sprache große Themen wie Schuld, Verantwortung und Selbstaufgabe. Er hat einen Roman geschaffen, der zugleich zeitgeschichtliche Mahnung und Ode an die Menschlichkeit ist – und als beides gleichsam eindringlich.

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