URBANE KULTUR

Auf den Brettern, die die Welt bedeuten: Skateboard-Kultur

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Die 2021er Olympischen Sommerspiele in Tokio waren auch deshalb etwas Besonderes, weil sie einer sportlichen Szene den Ährenkranz aufsetzten, deren erste Superstars längst das Rentenalter erreicht haben. Doch zeigen auch die vielen szeneinternen und -externen Diskussionen darüber, ob Skateboarding überhaupt in die Reihe olympischer Disziplinen aufgenommen werden sollte (oder dürfte), wie stark sich manche weiterhin schwertun damit, diesen kunstvollen Tanz auf den vierrädrigen Brettern als seriösen Sport wahrzunehmen – und andere sich sträuben, ihrem Sport diesen evolutionären Schritt zu gewähren.

Doch so leidenschaftlich viele Debatten rings um das Boarding auch geführt wurden und werden, für die meisten Mitglieder der Szene sind sie nur ein weiterer Anlass unter vielen für ein lässiges Achselzucken. Denn für sie ist schon seit Jahrzehnten klar, wo ihr Herz schlägt – und dass ein Skateboarder, zumindest in der hintersten Ecke seines Herzens, immer ein wenig rebellisch sein wird und muss. Folgen Sie uns auf den folgenden Zeilen in einen Sport, der vielleicht wie kein anderer so geschickt darin ist, ständig auf der Lip zwischen unangepasster Subkultur, Hochkommerz und Leistungssport zu grinden und sich dabei immer treu zu sein. Und wer sich in den Begrifflichkeiten nicht auskennt, dem sei zuvor empfohlen, sich in die Technik hinter den Brettern einzulesen und auch einen Blick auf die unterschiedlichen Disziplinen zu werfen.

Von einem, der auszog, um zu rollen

Das Skateboarding, so wie wir es kennen, ist ein Kind jener faszinierenden Ära Ende der 1940er, Anfang der 1950er. Genauer: Ein Ableger der damals in den USA enorm populären Surf-Kultur. Was heute so unsagbar vielfältig ist, war damals schlichter Pragmatismus: Irgendwie auf einem Brett stehen, den Flow genießen, auch wenn die Brandung ungünstig ist. Man nehme dazu ein Surfbrett, säge es deutlich kleiner, schraube Rollschuhrollen daran, fertig ist der Sidewalk Surfer.

Angesichts so vieler Jahrzehnte ist es gar nicht einfach, einen Eingang in diese Kultur zu finden – denn das Skaten der frühen 1960er ist in mancherlei Hinsicht kaum mit dem Skaten der mittleren 1990er zu vergleichen und das wiederum kaum mit dem heutigen Sport.

Vielleicht muss an dieser Stelle deshalb jemand erwähnt werden, der all über Jahrzehnte mitgemacht hat: Titus Dittman, geboren im Jahr vor Gründung der Bundesrepublik, Skater seit 1977 und Lichtgestalt der deutschen Skateboard-Szene. Kaum ein anderer im deutschsprachigen Raum könnte so gut erklären, was die Faszination der Kombination eines Stücks Sperrholz und vier Rädern ausmacht:

„Das Skateboarding hat eine geniale, positive Lernspirale. Und alles läuft selbstbestimmt, in Freiräumen, ohne dass einem ein Erwachsener reinredet. Skateboarder entwickeln ganz selbstverständlich Mut, einen festen Willen, Leistungsbereitschaft, Ausdauer und Frustrationstoleranz. Alles Dinge, die man auch im restlichen Leben sehr gut gebrauchen kann.“

sagte er einst in einem Interview über die von ihm gegründete Jugendstiftung skate-aid. „Alles selbstbestimmt, in Freiräumen“. Das ist vielleicht der wichtigste Satz, den jemand mitnehmen sollte, der wissen will, was diese Kultur wirklich ausmacht. Denn tatsächlich ist es das starke, alterslose Herz der gesamten Szene.

Ohne Regeln – oder doch; ganz wie du magst

Was ist der Kern einer Sportart? Es sind Regeln, sind Gremien, Vereine, Ligen, Verbände und Funktionäre. Fast überall verhält es sich so. Nur beim Skateboarden und, der Vollständigkeit halber, artverwandten Street-Sportarten, sieht es völlig anders aus – und doch gleich.

Natürlich, auch Skateboarding hat seinen deutschen Dachverband. Und jeder der rollenden Olympioniken musste zahllose Regeln einhalten. Die Magie des Boardings besteht jedoch darin, dass hier alles kann und nichts muss. Eine wunderbare Attitüde des kategorisch Optionalen:

  • Wir haben auf der einen Seite zahllose festgelegte Tricks und die Übereinkunft darüber, was jemand tun muss, damit sie sauber aussehen. Jedoch wird garantiert niemand ausgebuht, weil er einfach nur entspannt durch die Gegend rollt oder einen Trick nicht sauber durchführt; auf keiner Halfpipe, in keinem Skatepark sitzen Menschen und halten Notentafeln hoch.
  • Wir sehen auf der einen Seite einen Sport, der eine riesige Industrie an Sportgeräten, Kleidung, Videospielen und noch vielem mehr hervorgebracht hat und in Form des Skatepunk sogar seine eigene Musikrichtung nebst Stars hat. Auf der anderen Seite jedoch sind die allermeisten Beteiligten in ihrer Einstellung meilenweit weg vom Kommerz und einer Haltung, wonach derjenige besser skatet, der die bessere (lies: teurere) Ausrüstung besitzt – und selbst Profis von Weltklasse rollen auf Geräten, deren Gesamtpreis bestenfalls an den eines Smartphones der unteren Mittelklasse heranreicht.
  • Wir erleben Wettbewerbe von Weltrang wie die X Games oder den World Cup of Skateboarding, dazu etwas wie eine Rangliste der weltbesten Fahrer. In der Skate-Kultur führen derartige Leistungen jedoch niemals zu einem so eklatanten zwischenmenschlichen Gefälle wie in den meisten anderen Sportarten. Es gibt keine großen Teams und das Ligasystem ist so rudimentär, dass man es problemlos ignorieren könnte, ohne dadurch weniger hochklassiges Skateboarding zu erleben.

Um dies zu verstehen, ist wiederum ein Blick in die Geschichte dieses Straßensports vonnöten. Lange Zeit und bis heute hatte Skateboarding mit teils extremen Akzeptanzproblemen jenseits der Szene zu kämpfen. In den 1980ern und 1990ern wurde es vielerorts sogar kriminalisiert. Es prägte sich der politische Schlachtruf „Skateboarding is a Crime“ – den die Szene in ihrer eigenen Art postwendend kaperte und zum unendlich bekannteren „Skateboarding is NOT a Crime“ ummünzte.

Diese Gegnerschaft, die vor allem in manchen US-Metropolen in regelrechte Unterdrückung ausartete, schuf den Nährboden für eine Haltung, die bis heute die Szene bestimmt: Skateboarding als gelebte Freiheit, als Lebensgefühl, als Kunst- und Kulturform und auch Abwehrhaltung zu anderen Disziplinen und den meisten Elementen, die einen organisierten Sport ausmachen. Für viele ist Skaten sogar eher nur am Rande ein Sport, sondern mehr eine Identifikationsform für das gesamte Ich.

Skateboarder versuchten, sich einen Platz im öffentlichen Raum zu schaffen, der vielfach von Fußgängern besetzt war und von Polizei und anderen Wachleuten scharf geschützt wurde. Ihnen schlug vielfach eine völlig überzogene Abwehrreaktion entgegen. Ein prägendes Erlebnis, an dem sich bis heute nur wenig getan hat.

Eine Kultur weitgehend außerhalb jeglicher Refugien

Was müsste jemand tun, der nach dem Genuss dieses Artikels befindet, dass er sich das Skaten näher anschauen möchte? Sicherlich wäre es die beste Methode, einfach das Internet zu bemühen, um einen Skatepark in komfortabler Nähe zu finden. Doch auch hier zeigt sich abermals die bereits skizzierte Dualität dieses Sports, die einen so großen Teil zu seinem Charme beiträgt:

Volleyball wird immer nur auf Volleyballplätzen funktionieren; Skifahren läuft nur auf Pisten ab; kein Sportschütze wird außerhalb eines gutgesicherten Schützenplatzes anlegen können und über Golf muss man wohl gar nicht erst anfangen. Sehr viele Sportarten finden auf ähnliche Weise ausschließlich in „Biotopen“ statt. Abgeschottet, fernab von Straßen, Plätzen und oft auch deshalb mit hohen finanziellen Einstiegshürden versehen.

Ja, auch Skateboarding hat solche Areale; besagte Skateparks beispielsweise. Nur ist deren Benutzung absolut optional. Der Reiz dieses Sports besteht nicht zuletzt darin, die gesamte öffentliche Umgebung zu seinem persönlichen Skatepark zu machen. Jeder Bordstein lädt zum Grinden ein; jede Parkbank verführt dazu, einen Ollie zu machen. Und wie schnell sich ein leerer Swimmingpool mit wohlgerundetem Verhältnis zwischen Wänden und Boden zur Skateboard-Arena machen lässt, beweisen unzählige Skater-Videos von damals und heute.

Nur wenige andere Sportarten können hierbei mithalten, weil ihr Terrain niemals gänzlich deckungsgleich mit der öffentlichen Bebauung ist – und egal ob Inlineskating, BMX-Biken oder Parcours: Sie alle haben exakt denselben soziokulturellen Background und sind in hohem Maß davon bestimmt, auch in finanzieller Hinsicht unsagbar niedrigschwellig und dadurch zugänglich zu sein. Jedoch darf man dem Skateboarding durchaus attestieren, die größte Kontinuität vorweisen zu können. Seit jenen Tagen, an dem die ersten professionellen Boards verkauft wurden, kann der Sport jede Jugendgeneration aufs Neue begeistern, fällt nie aus dem Trend und bietet eine ausreichend lange Lernkurve, um jahrzehntelang zu fahren und dennoch nicht alles zu können – all das sorgt dafür, dass Boarding so viel mehr ist als eine reine Fun-Sportart oder Jugendkultur und manche bis ins höchste Alter begeistert.

Und wer zum Ende dieses Textes vielleicht noch wissen möchte, wie es sich wirklich anfühlt, seine Finger auf den Puls dieser Kultur zu legen, dem sei der US-Film „Mid90s“ ans Herz gelegt. Charmanter lässt sich kaum zeigen, wie die skatende Jugendwelt der damaligen Epoche aussah, schmeckte, roch und sich anfühlte – und alles, was in dem Film über das Boarden postuliert wird, hat damals wie heute dieselbe Gültigkeit.

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