FILM

Babylon Berlin: „Die Wahrheit des Moments“

Frau Fries, Herr Bruch, was war beim Dreh der neuen Staffel am anstrengendsten?

Volker Bruch: Ich habe den Dreh als nicht ganz so anstrengend empfunden wie die ersten zwei Staffeln. Vielleicht, weil wir diesmal mehr freie Tage zwischendurch hatten.
Liv Lisa Fries: Aber das Pensum war höher. Für mich war es anstrengender, weil ich mehr Drehtage hatte. Und es gibt für Charlotte wieder sehr existenzielle Szenen, diesmal auch mit großem Verlust verbunden. Das war sehr anstrengend, ich hatte teilweise gar keine Stimme mehr vom vielen Schreien. Das ging für mich diesmal wirklich bis auf die Knochen.

Charlotte will als erste Frau den Beruf der Kriminalkommissarin ergreifen, wird aber ständig kleingehalten. Sie wird gemobbt, sie wird sexuell belästigt, sie hat in der ersten Staffel als Hure gearbeitet, um die Familie durchzubringen. Wie steht diese Figur das alles durch?

Fries. Das wird komplizierter. Ich will mal ein Beispiel bringen: Es gibt irgendwann in den ersten Folgen eine Szene mit ihrem Vorgesetzten Böhm, der sie ziemlich runterputzt. Normalerweise hätte sie da einen frechen Spruch gebracht. Das kann sie als Kriminalassistentin aber nicht mehr. Sie ist Funktionsträgerin, sie arbeitet im System und muss sich ein Stück weit anpassen, was für sie gar nicht so leicht ist, weil es gegen ihre Natur geht.

Wird sie erwachsen?

Fries: Sie versucht es. Was ich bei ihr sehe, ist ganz stark das Bemühen, anderen Wärme und ein Zugehörigkeitsgefühl zu geben. Man wird sehen, was da passiert und ob sie damit scheitert. Auf jeden Fall hat sie Steherqualitäten, sie hat viel, viel Kraft.

Kommen wir zu Gereon Rath, Herr Bruch. Traumatisierter Kriegsheimkehrer, drogenabhängig, eventuell wieder clean …

Fries: (lacht)

… und er hat zwei Geheimnisse: Dass sein Bruder noch lebt, weiß nur er. Dass er deshalb seine Liebesbeziehung zu dessen Frau Helga am liebsten beenden würde, ist das zweite Geheimnis. Wie lange kann das noch so weitergehen?

Bruch: Man kann sich an Geheimnisse gewöhnen und sie sogar brauchen, weil man denkt, es geht gar nicht anders. Es gibt dann eine Routine der Verdrängung, mit der das Leben überhaupt erst wieder möglich wird. Das Privatleben von Rath ist eine Katastrophe. Gleichzeitig gibt es im Beruf jede Menge Dringlichkeiten, deren Handlungsbedarf sehr viel konkreter ist als im Privatleben.

Die übliche Methode: Man stürzt sich in den Beruf.

Bruch: Es ist nicht nur der Mord am Filmset, es ist vor allem das Attentat der Nationalsozialisten auf den Chef der Geheimpolizei Benda aus der ersten Staffel, das ihn nicht loslässt. Benda war für ihn eine Art Vaterfigur, es ist für ihn wirklich ein Problem, dass der nicht mehr da ist. Das kann er nicht loslassen, weshalb er immer weiter graben wird, um herauszufinden, wie das passieren konnte.

Die Geschichte steuert ja ganz klar – trotz politischer Umwälzungen und aufzulösender Mordfälle – auf eine Liebesgeschichte zwischen Rath und Charlotte zu. Meine Freundin weiß z. B. ganz genau, wann Rath sich in Charlotte verliebt hat, das war, glaube ich, in der vierten Folge nachts an der S-Bahn.

Fries: Das haben wir tatsächlich kurz vor dem Sonnenaufgang gedreht, das war unglaublich.
Bruch: Wir standen enorm unter Zeitdruck, wir hatten nur einen Take.
Fries: Henk (Regisseur Handloegten, die Redaktion) hat uns total gelassen, hat nur gesagt: Ihr werdet jetzt die Wahrheit des Moments spielen. Und es war dann verliebter, als es gedacht war.

Obwohl über Geld gesprochen wurde.

Bruch: Das ist ja genau das Freche von Charlotte, das sie so charmant macht.

Aber wenn die beiden dann zusammenkommen sollten: Wäre das nicht ein verdammt explosives Gemisch?

Bruch: Das ist doch das, was es so lebendig macht.
Fries: Also ehrlich gesagt: Ob die beiden zusammenkommen, wird nicht verraten.

Was ist in Rath und Charlotte Ritter angelegt, das Ihrer Meinung nach unbedingt noch rauskommen muss?

Bruch: Das Interessante an Rath sind seine Untiefen, und die haben immer etwas mit Geheimnissen zu tun. Davon wird es sicher noch einige geben.
Fries: Ich möchte nicht, dass Charlotte Ritter weiter anschaffen geht. Ich möchte, dass sie glücklich ist und irgendwo ankommt. Gleichzeitig weiß ich: Es gibt etwas Subversives in ihr, etwas, das den ganzen Moka-Efti-Kosmos betrifft und das wichtig ist. Das muss in irgendeiner Form, in irgendeiner Farbe erhalten bleiben.

Interview: Jürgen Wittner

„Babylon Berlin – Staffel 3“ startet am 24. 1. auf Sky 1 und kann über Sky Ticket und Sky Q gestreamt werden.