FILM

„Ich liebe den Verrat!“

Irgendwie wurde es Zeit, dass man aus einer der größten Niederlagen der römischen Armee nicht nur einen Film, sondern gleich eine Miniserie macht. Die Varusschlacht aus dem Jahr 9 nach unserer Zeitrechnung, auch Schlacht im Teutoburger Wald genannt, ist uns überhaupt nur bekannt, weil diese krachende Niederlage gleich dreier Legionen Einzug in römische Schriften hielt. Dass diese Schriften den Blick der Römer überlieferten, kann man sich denken. Die Serie „Barbaren“ versucht, dem Willen vor allem der Cherusker zum blutigen Gemetzel auf den Grund zu gehen. Dabei gibt es auf Seiten der Volksstämme auf dem Territorium des jetzigen Deutschland keinerlei Überlieferung. Das Ergebnis: ein Mix aus anfänglichem Stammeskitsch, vielen dummen Dialogen und viel Brutalität bis zum blutigen Gemetzel der Schlacht. Darüber hinaus ist „Barbaren“ eine Geschichte von Verrat, Verrat, Enttäuschung und Verrat. Politisch bedenklich: Wer für Appeasement plädiert, erweist sich im Laufe des Geschehens schlich als Intrigant.

Barbaren
Thusnelda (Jeanne Goursaud) entwickelt sich von einer widerspenstigen Frau zur treibenden Kraft bei den Cheruskern. Foto: Netflix

Dass Thusnelda, die Frau von Arminius, die in der Geschichtsschreibung nur als Spielball und Opfer vorkommt, in der Serie als Heldin etabliert wird, muss man den Showrunnern Jan Martin Scharf und Arne Nolting nicht übel nehmen, die gemeinsam mit Drehbuchautor Andreas Heckmann auch das Skript verantworten. Schließlich galt es hier ja historische Lücken zu füllen. Warum man deshalb gleich ein Dreiecksverhältnis zwischen ihr und Folkwin auf der einen sowie Arminius auf der anderen Seite erfinden musste, ist die Frage. Auch müsste sie nicht unbedingt Haut zeigend in die Schlacht ziehen, wenn die Männer um sie herum der Situation entsprechend gekleidet sind.

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Folkwin (David Schütter) kämpft in „Barbaren“ gegen die Römer um sein Leben. Foto: Netflix

Folkwin ist derjenige, der leiden muss in „Barbaren“. Gut, er zettelt den ganzen Zwist mit den Römern gemeinsam mit Thusnelda überhaupt erst an. Zudem wurde der Held als Lover Thusneldas extra für die Serie erfunden. Das Dreiergespann Folkwin – Thusnelda – Arminius ist nicht nur die treibende Kraft beim Zusammenschluss der verschiedenen Stämme, den Dreien wird auch noch eine Kindesfreundschaft bei den Cheruskern zugeschrieben. Doch dann wird Armin von seinem Vater, dem Reik der Cherusker, an die Römer weggegeben – eine gängige Methode der Römer, um die eroberten Volksstämme zu erpressen.

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Arminius (Laurence Rupp) ist enttäuscht von seinem Vater und enttäuscht seinen Stiefvater – mit verdammt vielen Toten als Folge. Foto: Netflix

Arminius ist die tragische Figur des Dramas. Von Stiefvater Varus, dem Statthalter von Germanien, großgezogen, hat der als Kind verschleppte Cherusker in der römischen Armee Karriere gemacht und kennt deren Strategien und taktische Kniffs in- und auswendig. Doch Arminius (Laurence Rupp) schwankt in seiner Loyalität. Letztlich gilt sein gesamtes Streben der Suche nach Liebe. Darin wird er im Lauf der Serie sowohl vom Vater als auch vom Stiefvater enttäuscht. Sein Verrat und sein Sieg über die Römer als Reik der Cherusker in der blutigen Schlacht sind der Abschluss einer Serie voller kleiner Verrate, vieler Enttäuschungen und ständiger Intrigen.

Das alles sind erfundene Geschichten rund um den Plot, der im Grunde reine Militärhistorie ist. Aber dass man diese Geschichte mit billigen Dialogen, gestelzten Konjunktiven und ausgestorbenen Verben bestückt, hätte wirklich nicht sein müssen. Beispiele? Okay, drei: „Ihr könnt hier bei uns nächtigen.“ „Wenn du glaubst, du seist ein besserer Reik als ich.“ „Über euren Feuern wird immer eine Speise auf euch warten.“ Zum Glück sprechen die durch die Bank von Italienern und Nikolai Kinski gespielten Römer fließend Latein, das auf Deutsch untertitelt ist. Da kommen dann auch – es ist halt ein Originalzitat und deshalb auch gut – überlieferte Sprüche von Cäsar wie: „Ich liebe den Verrat. Aber ich hassen den Verräter.“ Und wenn zwischen Nebel, Zwielicht und Dunkelheit immer mehr zerbricht: Lebensentwürfe, intakte dörfliche Strukturen, Vertrauen; wenn dann auch immer knapper gesprochen und dafür immer mehr gemordet wird, ist die Serie ganz bei sich angekommen. Jegliches Heldentum liegt am Ende im tiefen Matsch der Varusschlacht. Und einer sagt irgendwann: „Ich scheiß auf die Götter der Unterwelt.“ jw