Beach House
Am 10. 8. spielten Beach House auf Kampnagel – wir haben uns vor Ort von hypnotischen Melodien und vollkommenen Popmomenten umhüllen lassen.
Aktuell läuft die bahnbrechende Rückkehr von David Lynchs legendärer Serie „Twin Peaks“, in der fast jede Folge mit dem Auftritt einer Band, einer Musikerin oder einem Musiker beschlossen wird – im verhangenen Ambiente des ehemaligen Bikerschuppens Roadhouse, über dessen Eingang jetzt ein rotes Neonschild mit der Aufschrift „Bang Bang Bar“ prangt, traten bis dato schon Au Revoir Simone, die Chromatics oder Nine Inch Nails auf. Beach House waren dort bisher noch nicht zu sehen, aber bereits seit der ersten Episode hoffe ich inständig darauf – wahrscheinlich keine andere Band wäre derart prädestiniert dafür. So stellte auch ein YouTube-Kommentator fest, dass Beach House eigentlich schon immer mehr Twin Peaks gewesen seien als es „Twin Peaks“ jemals war.
Nun erlebe ich das live um einen Drummer ergänzte Dreampop-Duo zum zweiten Mal im Hamburger Kunst- und Kulturzentrum Kampnagel, im Rahmen des Internationalen Sommerfestivals spielen Beach House ein exklusives Clubkonzert im schummrigen KMH-Saal. Damit schließt sich der Kreis: Seit ich hier vor über einem Jahr Xiu Xiu den „Twin Peaks“-Soundtrack interpretieren sah, ist die Location für mich mit der Serie förmlich verwachsen. Die atmosphärischen Voraussetzungen sind also ideal, als Beach House mit „Levitation“ eröffnen, der schon auf dem vorletzten Studioalbum „Depression Cherry“ ein großartiger Opener war. Schicht für Schicht fächert der Song die Qualitäten und Charakteristika der Band auf: Victoria Legrands unverwechselbar tiefe, entrückte Stimmfarbe, die pluckernde Drum Machine, der warme, flächige Orgelsound und die somnambule Melodik, die man beim ersten Hören oft noch nicht ganz greifen kann, die sich dann aber – man merkt es erst sehr viel später – unmerklich ins Unterbewusstsein eingräbt.
Meistens sieht man Legrand, Gitarrist Alex Scally und den Tourdrummer nur umrissweise. Erst als „Levitation“ nach zwei Minuten seine bittersüße Wendung vollzieht, erhellt sich für einen Moment die Bühne, bevor die Band wieder von dämmrigem Halblicht verschluckt wird. Hier funktioniert die Musik von Beach House am besten – all diese Songs, die so unendlich vertraut klingen und trotzdem ihre Geheimnisse bewahren, in denen man sich auf eine tröstliche Art und Weise wie auf Watte gebettet fühlt, während sich nicht nur in Legrandes existenziellen Texten immer wieder Dunkelheit auftut. Das folgende Set konzentriert sich – mit Ausnahme von „Master of None“ und zwei Stücken der kürzlich erschienenen Kompilation „B-Sides and Rarities“, die es bezeichnenderweise mit fast jedem regulären Beach-House-Album aufnehmen kann – ganz auf das 2010er-Meisterwerk „Teen Dream“, den Nachfolger „Bloom“ und die 2015 fast zeitgleich veröffentlichten Platten „Depression Cherry“ und „Thank Your Lucky Stars“.
Während das sehnsüchtige „Walk in the Park“ und der hypnotische Walzer „PPP“ makellos ineinanderfließen, wird mir klar, dass vielleicht keine andere aktive Band dem perfekten Popmoment so oft so nahegekommen ist wie Beach House. „10 Miles Stereo“ mündet schließlich in einen Feedback-Ausbruch, die erhabenen Balladen „Silver Soul“ und „Space Song“ lullen aufs Schönste ein, während – und das wirkt tatsächlich gar nicht kitschig – Sterne auf das Bühnenbild projiziert werden; das ist teils übergroßer Pop, gleichzeitig aber so intim, dass man ihn sich partout nicht auf einer Mehrzweckhallen- oder Festivalbühne vorstellen kann. Im Roadhouse dagegen umso mehr. Die noch verbleibenden vier Folgen werden zeigen, ob das auch der musikalisch verlässliche David Lynch bemerkt hat – denn eigentlich würde sich auch damit ein Kreis schließen: Im Video zur 2013er-Single „Wishes“ war immerhin niemand geringeres in der Hauptrolle zu sehen als Ray Wise, in „Twin Peaks“ der Vater von Laura Palmer. sb
Das Internationale Sommerfestival 2017 findet noch bis 27. 8. statt.
Eine Auswahl weiterer Konzerttermine:
20. 8. Wolfgang Voict presents: GAS (Live)
24. 8. F.S.K.
24. 8. Sophia Kennedy / Die Vögel
25. 8. Rufus Wainwright: Solo Concert with select intimate Judy Songs
27. 8. Deerhoof
Tickets und weitere Termine auf der Homepage von Kampnagel.