Bernd „Burnt“ Friedmann

Der Dub- und Elektronikmusiker Bernd Friedmann hat es echt gewagt, sich den Künstlernamen „Burnt Friedman“ zu geben. Doch wer sich erst mal entschieden hat, als Kalauer herumzulaufen, dem verrutscht auch leicht mal das Weltbild – …

_ulysses: Bernd, man kennt dich bisher als umtriebigen Avantgarde-Elektroniker. Auf deinem neuen Album wird plötzlich gesungen, und mit Patrice ist sogar einer aus der Pop-Ecke dabei. Was ist passiert?

Bernd Friedmann: Es überfordert mich einfach als Schlagzeugmensch, mit einem Instrumentalstück über eine lange Strecke etwas zu erzählen. Spielte ich ein Melodieinstrument, wäre das Komponieren viel einfacher. So aber muss ich mir einen abbrechen – mit Melodiestimmen, die von einer Software kommen oder vom Sythie. Mit dem Begriff „Avantgarde“ kann ich übrigens nicht viel anfangen. Meines Wissens kommt er aus der bildenden Kunst und bedeutet, dass künstlerische Gewohnheiten aufgesprengt werden. Ich hingegen benutze ganz traditionelle Aufnahmemethoden. Nichts, was irgendwie avantgardistisch wäre. Ich versuche nur, mir keine Grenzen zu setzen.

_ulysses: Findet man dich also bald im Mainstream wieder?

Friedmann: Das nicht gerade. Trotzdem denke ich, die interessanten Dinge werden in Zukunft im Mainstream abgehen. Es macht keinen Sinn mehr, dass man Mainstream und Independent trennt, wenn man damit eine Wertung verbindet. Heutzutage kann man auch mit völlig kranker Musik in die Charts kommen – du musst dir die nur Sachen anhören, die Timbaland macht. Das haben die kleinen Labels noch nicht begriffen. Die hängen alle noch in ihrem Subgenre und gucken nicht über den Tellerrand.

_ulysses: Das kann man dir nicht vorwerfen: Du gondelst viel in der Weltgeschichte rum. Wo bist du eigentlich zu Hause?

Friedmann: Keine Ahnung. In Deutschland fühle ich mich jedenfalls nicht zu Hause. Ich bin halt überall hingezogen, und das macht mir jetzt zu schaffen. Eine Heimat finde ich wohl nicht mehr, und damit fühle ich mich nicht sehr wohl.

_ulysses: Was stört dich an Deutschland? Das Wetter?

Friedmann: Natürlich, das Wetter ist scheiße. Hauptsächlich aber stört mich, dass auf uns Deutschen eine Art kollektiver Schuldkomplex lastet. Man hat hier nicht mehr die freie Entscheidungsgewalt, weil einem schnell was übel genommen wird. Wenn ich mich in Südamerika zum Essen verabrede und nicht komme, weil ich es mir anders überlegt habe, ist es in Ordnung. Niemand ist deswegen schlecht auf mich zu sprechen. Hier muss ich mich immer gleich rechtfertigen. Das geht so weit, dass man einen Impuls, den man hat, nicht mehr frei äußern kann. Das bereitet mir Probleme. Muss ich jetzt das Glas in den Container schmeißen? Muss ich den Wasserhahn zudrehen, um sparsam zu sein? All diese Repressionen. Und das alles nur, weil die Autoritäten bei uns den Bach runtergingen, die Väter nicht mehr an ihrem Platz sind. Sie sind mittlerweile die Schwächlinge und die Frauen die Helden.

_ulysses: Die Zeit der Helden ist noch nicht lange her – und die hat nicht viel Gutes gebracht.

Friedmann: Damals waren wir ein Volk der Untertanen, nicht der Helden. Und ein Volk, das einmal in einem Käfig war, wird nicht frei herumrennen, wenn der Käfig geöffnet wird, sondern sich weiterhin im Kreis bewegen.

_ulysses: Heute gibt es die Medien, denen viele blindergeben folgen …

Friedmann: Das Schlimmste daran ist, dass sich keiner mehr die Meinungen von Repräsentanten anguckt, die sich auskennen. Es gilt nur noch der Grauwert der Meinung aller. Und darunter gibt es eine Menge Hirnverbrannte. Man stückelt sich die Welt zusammen. Da wird irgendjemand auf der Straße gefragt und dann noch einer. Die schlimmste Form von Demokratie: Irgendein Alkoholiker hat dieselbe Stimme wie ich, wenn es beispielsweise ums Radioprogramm geht. Nur dass es vermutlich mehr Alkoholiker gibt als Leute, die sich ernsthaft eine Meinung gebildet haben.

Interview: Karsten Witthoefft

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