Augen zu und durch

Bohren & der Club of Gore „Patchouli Blue“ Pressefoto
Bohren & der Club of GoreFoto: Kim von Coels

Christoph, wenn man sich eure Promotexte durchliest, scheint es ein etabliertes Thema zu sein, dass die Musik von Bohren & der Club of Gore sehr gleichförmig ist. Ist eure Motivation dabei heute die gleiche wie zum Beispiel vor zehn Jahren?

Christoph Clöser: Die Musik hat sich total verändert! Die einzige Konstante ist, dass sie langsam und instrumental ist. Die Instrumentierung hat sich oft verändert, Instrumente sind dazugekommen oder weggefallen. Klar, wenn man alles von Elvis bis zu den Sex Pistols als Rock bezeichnet, machen wir natürlich auch immer das gleiche. Aber wir empfinden das anders, für uns ist jede Platte etwas Neues und eine Herausforderung. Es ist sehr schwer, das hohe Level zu halten, das wir von Anfang an hatten. Und ansonsten ist das auch einfach die Art von Musik, die wir gerne machen und die uns nach wie vor Spaß macht. Ob die Welt um uns rum jetzt schnelllebig oder langsam ist, ist uns egal.

Für mich ist eure Musik durch die Entschleunigung viel unmittelbarer als Popmusik, es stellt sich ganz direkt eine Stimmung ein. Reizt euch das auch?

Clöser: Letztendlich haben wir damit angefangen, sowas zu machen, weil es sonst keiner gemacht hat. Wir hören privat ganz unterschiedliche Stile, auch schnelle Musik, aber wenn es darum geht, selber Musik zu machen, reizt es uns total, diese Atmosphären zu schaffen, da tun sich halt Bilder auf. Ich bin jetzt nicht zu musiktheoretisch bewandert, was das angeht, aber möglicherweise passiert das auch, weil die Zeit dafür da ist, so ein Bild entstehen zu lassen. Das ist bei einem Uptempo-Stück womöglich schwieriger, und wenn es passiert, dann geht es auch schneller vorbei.

„Ich finde, Sunn o))) haben was bei uns abgekupfert.“

Ihr hattet das Gefühl, niemand macht so etwas? Ihr habt ja Mitte der 90er angefangen: Habt ihr schon mal von Sunn o))) oder Earth gehört?

Clöser: (lacht) Klar, Earth kennen wir, und Sunn o))) haben ihre ersten Konzerte mit uns gespielt. Wir haben denen damals sogar einen Teil unserer Gage abgegeben, wir finden die auch gut. Aber die machen trotzdem was Anderes. Ich fand sogar teilweise, die haben so ein bisschen was von uns abgekupfert, von „Geisterfaust“ oder so. Letztendlich macht aber niemand sonst Musik wie wir. Das wundert mich eigentlich auch, dass niemand versucht, uns nachzuahmen, oder wenn man’s versucht …

Dann erkennt man es nicht mehr wieder?

Clöser: Dann denkt man sich „ohwei …“ (lacht) Klar, es gibt Instrumentalmusik wie Gore, auf die wir uns in unserem Namen beziehen, aber in der Art und Weise wie wir das machen, hab ich noch nichts anderes gehört. Sunn o))) und so klanglich ja auch nicht. Vielleicht ähneln wir uns in der Konsequenz, mit der wir unser Konzept durchziehen, wobei das Konzept von Sunn o))) ja noch wesentlich redundanter ist als unseres.

Bei Bands wie Sunn o))) zum Beispiel ist Improvisation ein sehr großer Bestandteil des Songwriting-Prozesses. Ich kann mir das bei eurer Musik nur schwer vorstellen.

Clöser: Seit „Sunset Mission“ schreiben Morten (Gass, Anm. d. Red.) und ich die Musik, und wir nehmen sie auch gemeinsam auf. Wir arbeiten aber erstmal getrennt, und ab einem gewissen Punkt werfen wir unsere Sachen zusammen. Das ist ein Weg von der Improvisation zur Komposition. Improvisation ist so ein Mythos, das ist ein ganz großer Unterschied von unserer Musik zum Jazz, auch wenn unsere Instrumentierung da eine Nähe vermuten lässt: Wir spielen verbindliche Stücke. Wir haben eine klare Form, die Stücke haben einen Aufbau, eine Dramaturgie, einen Anfang und ein definiertes Ende. Bei der Entstehung improvisieren wir natürlich schon, aber im Endeffekt läuft es auf eine Komposition raus.

Was ist das perfekte Setting, um „Patchouli Blue“ zu hören? Ich würde sagen:  Bei Nacht auf einer verlassenen Landstraße Fahrrad fahren.

Clöser: Die Musik gibt jedem, uns wie auch den Zuhörern, die Möglichkeit, seinen eigenen Film laufen zu lassen. Wir hören das natürlich öfter, dass man unsere Musik gut bei Nacht hören kann, aber man kann das auch beim Kochen hören. In meiner Nähe gibt es ein Reformhaus, da läuft den ganzen Tag lang Bohren & der Club of Gore, sieben Tage die Woche.

„Man kann Bohren & der Club of Gore auch beim Kochen hören.“

Welches Reformhaus ist das, wenn ich fragen darf?

Clöser: Das ist das Reformhaus Fischer in der Landmannstraße hier in Köln. Die Besitzerin hat unsere Platten irgendwann mal kennengelernt, jetzt ist sie begeistert und versorgt auch die umliegenden Eisdielen und Wäschereien mit unserer Musik. Man kann unsere Musik natürlich auch nachts im Taxi hören, aber für mich gibts da kein spezielles Setting, einfach auch, weil ichs jetzt in der Entstehungsphase zu jeder Tages- und Nachtzeit gehört habe; zum Beispiel um den richtigen Mix zu finden, oder das das richtige Tempo zu finden. Das ist bei langsamer Musik ein ganz wichtiger Punkt: Ist das jetzt 40 bpm oder 42 bpm? Man sollte denken, das ist egal, ist ja beides lahm, und das ist es auch, aber mit solchen Sachen beschäftigen wir uns ziemlich lange.

Sind die Stellschrauben bei euch sensibler als bei schnellerer Musik?

Clöser: Alles ist sensibler. Wenn ich schneller spiele, kann ich mir auch mehr Fehler erlauben. Wenn man aber so lahm spielt wie wir, dann hört man es, wenn das Tempo nicht stimmt; man hört jeden Fehler. Man kann uns ja praktisch beim Komponieren zuhören.

Dadurch wird aber auch die Wirkung der einzelnen Momente wahnsinnig verstärkt.

Clöser: Ja, natürlich. Man ist ja auch froh, dass mal was passiert. Und ich will mich nicht beschweren, ich brock es mir ja selber ein, aber Tempo ist eine sehr wichtige Stellschraube, das kann man sehr gut so sagen. „Patchouli Blue“ ist in unserem Kosmos so was wie eine Prog-Rock-Platte, aber trotzdem sind da teilweise sehr wenig Töne, also ist das Tempo enorm wichtig.

Seid ihr deswegen vorsichtig damit, Brüche in eure Musik zu schreiben?

Clöser: Brüche finden wir alle blöd. Das ist so die billigste Nummer. Breaks, nö. Wenn es sich jetzt wirklich um musikalische Brüche handeln soll, finden wir das uninteressant – zumindest in unserer Musik. Das bringt gar nichts. Wie sollte denn ein Break bei uns aussehen? Dass wir auf einmal in so einen Uptempo-Part fallen und danach wieder ins Halftime gehen? Das kann ich mir im Moment nicht vorstellen.

„’Patchouli Blue‘ könnte Hardcore-Fans irritieren.“

Aber ein Bruch kann ja auch sehr bewusst und subtil gesetzt werden, so etwas wie ein disharmonischer Akkord zum richtigen Zeitpunkt.

Clöser: Okay, also ich bin großer Freund von Disharmonien. Und mein musikalischer Background ist jetzt, im Gegensatz zu meinen beiden Mitstreitern, weniger Metal als Free Jazz. So schräg kann Musik nicht sein, dass ich sie mir nicht anhöre. In unserem Zusammenhang wüsste ich aber nicht, wie das aussehen sollte. Vielleicht fällt uns mal nichts ein, und dann machen wir was Schräges, aber noch haben wir ja genug Ideen. Auf „Patchouli Blue“ haben wir zum Beispiel ein Stück mit einem Drumcomputer, das ist für unsere Verhältnisse schon revolutionär. Hardcore-Fans von Bohren & der Club of Gore könnten das als Irritation wahrnehmen, so eine Art von Veränderung finden wir interessant.

Eure Songtitel erinnern mich sehr an Filmsoundtracks. Wenn ich zum Beispiel „Verwirrung am Strand“ auf der Rückseite einer Soundtrack-CD sähe, würde ich mich nicht wundern. Erzählen eure Titel eine Geschichte?

Clöser: Man könnte meinen, bei instrumentaler Musik spiele der Titel keine Rolle, könnte quasi willkürlich gewählt werden. Für uns gehört das aber genau so dazu, wie, dass wir uns Gedanken über die Musik machen. Es fliegen auch schon mal Stücke von einer Platte, weil die nicht zum Rest passen, und genau so ist es auch mit den Titeln. Darauf kommt es für uns nicht zwingend an, aber wenn alles zusammenpasst, ergibt sich eine kleine Geschichte, die auf dem Rücken der Platte erzählt wird.

Ihr hattet bis jetzt, mit „Patchouli Blue“, auch noch nie einen Titelsong.

Clöser: Ja, das ist das erste Mal.

War das eine schwere Entscheidung?

Clöser: Nein. (lacht)

Habt ihr den Schritt denn bewusst gemacht?

Clöser: Nein, das darf man jetzt nicht …

Nicht überinterpretieren?

Clöser: Ja, genau. Wir haben in der Regel zuerst den LP-Titel. „Patchouli Blue“ hatten wir schon, da war „Piano Nights“ (das letzte Bohren-&-der-Club-of-Gore-Album von 2014, Anm. d. Red.) entweder noch nicht draußen, oder gerade erst draußen. Das ist meistens so. Nur einmal haben wir den Titel im Nachhinein nochmal geändert, weil die Musik sich in eine andere Richtung entwickelt hat, das war bei „Dolores“. Alle anderen Titel standen fest, bevor Morten oder ich den ersten Schlag gemacht haben. Ein guter Titel hat uns immer inspiriert, denn man zweifelt ja viel, wenn man eine Platte macht. Wenn man dann so einen lapidaren Titel hat, den man auch scheiße findet, dann wird das nichts.

„Wenn man einen Titel hat, den man scheiße findet, wird das nichts.“

Bei uns war das immer so, dass der gute Titel uns daran hat glauben lassen, dass es auch eine gute Platte wird. Dazu hat ein guter Titel ja auch immer noch so eine Aura, macht hat so einen bestimmten Raum auf, egal, ob das jetzt „Piano Nights“ war, oder „Geisterfaust“. Bei „Piano Nights“ wäre „Patchouli Blue“ als Titel einfach weggeworfen worden, weil die Musik ganz anders war. Aber für dieses Album fanden wir ihn gut, gerade, weil er auch albern klingt. Die ganzen komischen Assoziation, die man dazu haben kann: ein Parfüm aus den 70ern, Räucherstäbchen, damit waren wir super zufrieden. Im Laufe der Arbeit hat sich dann rausgestellt, dass wir ein Stück „Patchouli Blue“ nennen, fertig. Warum auch nicht. Uns ist dann erst im Nachhinein aufgefallen, dass wir jetzt das erste Mal einen Titelsong haben.

Ein Redaktionskollege hat mir erzählt, dass er mal bei einem eurer Konzerte eingeschlafen ist, das Konzert aber sehr schön fand. Ist das ein Lob, mit dem ihr euch identifizieren könnt?

Clöser: Absolut, er hat alles richtig gemacht. Das ist der Sinn und Zweck dieser ganzen Unternehmung. Wir empfehlen den Veranstaltern immer, dass die Leute sitzen können sollten. Das ist einfach netter, denn es passiert ja nicht viel: Wir spielen und trinken. Die Leute sollen es bequem haben, auch was trinken, sich nach hinten lehnen, Augen zu, und ab. Das ist die beste Art, unsere Musik zu hören. Wir spielen, die anderen sitzen da, nicken irgendwann ein und träumen irgendeinen komischen Quatsch.

Interview: Jonah Lara

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