MUSIK

Cristóvam: Liebe, Heimat und Fernweh in „Setting Sun“

Cristóvam
Foto: Timothy Lima

Der portugiesische Singer/Songwriter Cristóvam hat prominente Bewunderer: 2018 hat der auf den Azoren geborene Musiker mit der Single „Faith & Wine“ aus seinem Debütalbum „Hopes & Dreams“ den ersten Preis bei der International Songwriting Competition in der Kategorie „Unsigned Only“ erhalten. Verantwortlich für diese Würdigung zeichneten sich unter anderem so renommierte Künstler*innen wie Tom Waits, Keane, Bastille und Lorde.

Doch Cristóvam hat sich nicht etwa auf seinem Erfolg ausgeruht: Der Singer/Songwriter veröffentlichte weiter Singles, etwa „Red Lights“ mit Mariana Domingues, und tourte als Support von Scott Matthew und Boy & Bear. Wieder zuhause angekommen hat er sich nun an die Arbeit gemacht, um sein zweites Album aufzunehmen. Vorab gab es von Cristóvam bereits den Song „Andrà tutto bene“ zu hören, der weltweit von über 400 Radiosendern in die Heavy Rotation genommen wurde und sich zur globalen Quarantänehymne gemausert hat.

Mit „Setting Sun“ kündigt Cristóvam nun sein zweites Studioalbum an. Das bisher noch unbetitelte Album soll 2021 erscheinen. Den Song samt Video könnt ihr allerdings schon jetzt unten auf unserer Seite hören. Wir haben vorab schon mal mit dem Singer/Songwriter aus Portugal über sein Songwriting-Prozess, Liebe und Geborgenheit und das bewegte Leben als Musiker gesprochen.

Cristóvam, „Setting Sun“ ist die erste Single aus deinem zweiten Studioalbum: Was hast du als Songwriter aus deinem ersten Album gelernt, und lässt sich an der neuen Single schon erkennen, wie sich deine Musik verändert hat?

Cristóvam: Oh, ich habe sehr viel aus meinem ersten Album gelernt. Vor allem, weil wir etwa zwei Jahre lang an „Hopes & Dreams“ gearbeitet haben. Das war eine gute Erfahrung für mich, und ich glaube, ich bin mittlerweile besser darin, schnell zu erkennen, wohin meine Songs gehen sollen und wie ich sie produziert haben möchte.

Ich denke, wenn man ein Album macht, ist das besonders wichtig: Je schneller du deine Songs aufnimmst, desto weniger kaust du auf ihnen rum. So vermitteln sie eher die Gefühle und Gedanken, wegen denen sie überhaupt geschrieben worden sind. Ich glaube nicht, dass sich für „Setting Sun“ mein Songwriting verändert hat, aber ich glaube schon, dass sich meine Einstellung gegenüber der Produktion verändert hat.

Der Song beschreibt eine Beziehung, die Sicherheit und Trost spendet, und durch die die beiden Partner das Schlimmste überstehen können, das um sie herum geschieht. Dagegen eröffnet das Video mit einer Spoken-Word-Performance, die die Hörer*innen dazu ermahnt, sich mit ihrer Umwelt auseinanderzusetzen, und sich nicht davor zu verstecken, wie sie sich als Menschen verändert haben, wie sich ihr Platz in der Welt verändert hat. Geht es in dem Song vielleicht auch darum, wie man sich in Sicherheit verstecken kann, um die Welt, in der man lebt, nicht konfrontieren zu müssen?

Cristóvam: Hm… Das Spoken-Word-Segment hat mehr mit dem Konzept und dem Narrativ  des Videos zu tun, und weniger mit meiner eigenen Perspektive, als ich den Song geschrieben habe. Ich würde natürlich sagen, dass die Message des Songs und die des Videos verbunden sind, aber so weit würde ich nicht gehen.

Ich denke schon, dass das eine Facette des Songs ist, aber für mich geht es darin mehr um das Gefühl, bewusst aus der Welt zurückzutreten, und nicht aus einer Angst heraus, die aus diesem Trost gewachsen ist.

Cristóvam Setting Sun Cover

Woraus hast du die Inspiration für „Setting Sun“ gezogen? Basiert das Stück auf persönlichen Erfahrungen, die du mit engen Beziehungen gemach hast, oder ist das alles mehr so etwas wie eine idealisierte Fantasie?

Cristóvam: Es ist ein bisschen so was wie eine Mischung aus beidem, um ehrlich zu sein. Ich habe auf Sardinien angefangen, das Stück zu schreiben, als ich dort mit meiner Freundin Urlaub gemacht habe. Ich glaube, es war das erste und einzige Mal in meinem Leben, dass ich mich gänzlich von der echten Welt trennen konnte. Ich konnte ganz abschalten und diese Tage in der Sonne genießen. Normalerweise rasen meine Gedanken sehr viel vor sich hin, und es passiert nur sehr selten, dass ich auch nur für eine Stunde lang irgendwo hundertprozentig bleibe.

In dieser Woche auf Sardinien war ich in der Lage, das zu tun, und da war so ein Gefühl wahrhaftigen Friedens, das ich vorher noch nie gefühlt habe. Ich habe angefangen, mir vorzustellen, wie es wäre, so ein ganzes Leben zu leben, und ich denke mal, das ist der fantastische Teil. Das Gefühl war echt, die Vorstellung, dass es bleibt, war mehr Fantasie, würde ich sagen.

Würdest du dir wünschen, dass deine Hörer*innen aus „Setting Sun“ dasselbe ziehen können?

Cristóvam: Ja. Ich denke, wenn die, die mir zuhören, sich einen Moment lang aus der Welt fallen können, und eine gute Zeit haben, wenn sie sich meinen Song anhören – dann habe ich meinen Job als Songwriter getan. Ansonsten finde ich, das Magische an Musik ist, dass alle etwas anderes aus ihr ziehen und dass ein und derselbe Song ganz unterschiedliche Bedeutungen haben kann, je nachdem, wer ihn gehört hat.

Als Musiker reist du sehr viel, und „Setting Sun“ ist ein Song, der die Idee feiert, ein Zuhause zu haben, einen Ort, an den man gehört. Ist es für dich eine Gratwanderung, zwischen Life on the Road und deiner Heimat vermitteln zu müssen?

Cristóvam: Ja, absolut. Ich liebe es, hier auf den Azoren zu leben. Der Ozean ist der Ort, an dem ich mein Gleichgewicht finde, und ich liebe es, hier ein einfaches Leben zu haben, weg von der Unruhe der großen Städte. Aber ich liebe auch das Leben unterwegs, und es gefällt mir, für ein paar Wochen oder Monate zu verschwinden und dann mit dem Gefühl zu meiner Familie und meinen Freunden zurückzukehren, etwas erreicht zu haben; das getan zu haben, was ich liebe, nämlich Musikmachen, neue Leute treffen und andere Kulturen kennen zu lernen. Was das angeht, bin ich ein Hybrid!