FILM

Menschen, die auf Pixel starren

Wenn es im Videogame „Kingdom Scrolls“ hoch hergeht, verabschieden sie sich aus dem analogen Leben: Meg, Nicky, Usman und Russell mögen zum Teil Tür an Tür legen, aber kommuniziert wird untereinander nur über das Headset des Computers. Willkommen in der Serie „Dead Pixels“!

„Ich bin so nah dran, ich kann seinen Schwanz förmlich riechen!“ Meg (Alexa Davies) wird von ihrer Freundin gerade beim Badminton-Spiel mit einem potenziellen Lover verkuppelt, als das Handy klingelt uns sie vor den Computer beordert wird: Die Burg stehe in Flammen, man brauche sie. Sofort! Meg lässt den Schwanz sausen. Junk Food, soziale Vereinsamung und Tunnelblick machen das Leben der Helden von „Dead Pixels“ aus, aber nicht mit erhobenem Zeigefinger präsentiert, sondern peinlich und mit einer gehörigen Portion schwarzen Humors inszeniert. Da geht Meg an der Bushaltestelle vorbei und macht vor einer Frau Halt, um sie der kulturellen Aneignung zu bezichtigen. Was war passiert? Die Frau ist wie ein Game-Nerd gekleidet, hat aber keine Ahnung vom Spiel, das sie auf dem T-Shirt durch die Gegend trägt. Besser wurde der Vorwurf der kulturellen Aneignung in der Popkultur noch nicht ad absurdum geführt.

Womit die Übergänge vom digitalen Leben ins analoge schon angesprochen wären. „Dead Pixels“ ist eine Serie, die nicht nur von ihren Nerds deren skurrilen Charakteren á la „The Big Bang Theory“ lebt, sondern weit in die Gesellschaft hineinreicht. Mord und Raum im digitalen Rollenspiel haben berührende Auswirkungen aufs analoge Leben, und als Vince Vaughn bei der Verfilmung von „Kingdom Scrolls“ für die Rolle des Tandaal im Gespräch ist, machen die Helden der Handlung in den Social Media Stimmung gegen den Schauspieler bis hin zu einem Todestribunal. Am nächsten Tag fährt Vince Vaughn mit seinem Auto gegen einen Baum – wenn auch nur mit 60 Stundenkilometern. Vor allem aber: Verhaltensweisen, die im realen Leben von Bedeutung sind und nicht leichtfertig an den Tag gelegt werden, finden im Digitalen keine Kontrollinstanz und werden so ohne Korrektur ausgelebt – mit den bizarrsten Konsequenzen.

Bei alldem verliert „Dead Pixels“ nie das Spielerische der Erzählung, der Handlung und vor allem der Dialoge. Wie schon so oft im ZDF und auf ZDFneo wird die Serie von kurz vor Mitternacht bis in die Puppen am Stück auf ZDFneo gezeigt, was in diesem Fall konform mit der primären Zielgruppe der Nerds gehen dürfte. Danach aber steht sie für genügend Zeit in der ZDF-Mediathek, damit man das Schauen der Satire auch an den eigenen Tagesablauf anpassen kann. jw

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