Der Nabel der Welt

Vielleicht wird die Musikerin Rebecca Heinrich aus Hannover ein Star. Oder sie geht in die Geschichte ein als Conny Kujau des Funk. Ein Porträt. Von Matthias Wagner

Die Bedienung kommt, und Rebecca Heinrich starrt ihr grinsend auf die Brüste. Da steht „Pussy Posse Skateboard“. Sie starrt zu lange, und die Bedienung wird verlegen. „Verrückt! Klasse! Fantastisch!“ juchzt Rebecca dann, „so eins will ich auch!“ Doch der Privatdruck ist längst aus. Also kriegt Funky Taurus, wie sie sich als Musikerin nennt, nur einen Cappuccino.

Trotzdem geht‘s ihr gut. Immerhin enterte sie im Alleingang die berühmteste Funk-Gang der Welt, die von George Clinton. Dabei hat die singende, komponierende Funknudel aus Hannover außer überlangen Fingernägeln nichts vorzuweisen, womit man gemeinhin protzt in der Branche – eine CD zum Beispiel. Doch die soll es bald geben, Produzent: George Clinton himself, der Pate des P-Funk! Verrückt. Klasse. Fantastisch.

Funky Taurus ist dünn. Wenn sie dasitzt im schwarzen Riffeltop, das den Nabel freiläßt, wirkt sie drahtig. In ihr glüht die Energie der frustrierten Provinznuß, die sich in die Welt hinaus sehnt. Wenn sie als Kind abends aus dem Fenster lugte, sah sie kleine Teufel tanzen. Irgendwann fing sie an, sich mit Funk und Physik zu beschäftigen – kleine Fluchten in fremde Universen. Und sie tröstete sich mit Weisheiten wie „Bleibe an einem Ort, und es zieht alles an dir vorüber“. So kam George Clinton zu ihr. Zumindest nach Hannover zum Konzert, und Rebecca kämpfte sich backstage. „Wir haben uns nur gesehen und schon verstanden“, gluckst sie und streicht sich mit den Krallen gefährlich flugs eine Strähne aus dem Auge. Bald hatte Clinton ein Tape von ihr – und lud nach Detroit.

Sie spreizt genüßlich die Hände zum papageienbunten Hexenfächer und erzählt, wie sie ihr Zehnjahresvisum ergatterte. Sie also rein in die US-Botschaft, die fragen, was sie vorhat drüben, da sagt sie: „George Clinton hat mich eingeladen, ich arbeite da mit George Clinton“ – und schwups: Zehnjahresvisum. In Detroit akklimatisierte sie sich in Null Komma nichts. „Bin gelandet, habe die Lichter gesehen und gesagt: Pfttt, alles klar! Keine Probleme. Yeah! Klasse! Fantastisch!“ Und eine wie Rebecca, mit diesem Spirit, dieser Energie, die bleibt nicht im Hotel. Die streunt durch die Straßen, haut die Boys an, und statt sich ausrauben zu lassen, läuft sie abends heim und hat Tapes voller Street-Styles dabei. Als sie nach vier Monaten zurückkehrt, ist Clinton ihr Mentor. Das beweisen Fotos. Sie zeigt sie herzlich gern.

Früher war Rebecca Übersetzerin (Englisch, Französisch), jetzt hat Funky Sponsoren und, wie die hoffen, eine große Zukunft – dank der Taurus-Methode: hingehen, loslegen, begeistert sein. Und vor allem zäh.

Damit umschifft sie ein eisernes Gesetz der Musikbranche, das braves Demo-Schicken an die Plattenfirma vorschreibt und das Wegstecken entmutigender Aufmunterungsabsagen. Es kann doch nicht sein, daß eine daherkommt und von George Clinton in den Arm genommen wird. Ein Prinz heiratet ja auch keine Bürgerliche.

Manchmal eben doch, und Rebecca könnte rundum happy sein, klebte nicht Hannover an ihr wie schlechtes Parfüm. Deshalb liebt sie den Klang-Glamour von Worten wie „Detroit“ – und nicht den des Peppermint-Studios in Hannover, wo der Stallgeruch von Fury in den Ecken hängt. In Hannover wird sie gönnerhaft getätschelt. „Nichts als Neid“, grummelt sie, „was die mir ankreiden, sind ihre eigenen Grenzen.“

Doch es nagt an ihr, daß die Geschichte mit Clinton keiner richtig glaubt. Funky Großmaul? Prompt holt sie Faxe aus der Tasche, auf denen eine komplette Promi-Riege bestätigt: Ja, ich habe mit Funky Taurus gearbeitet. Ja, ich werde weiter mit ihr arbeiten. Das hier ist ein Interview, aber sie bringt Referenzen wie beim Bewerbungsgespräch. Und fast flehentlich schwärmt sie von „George“, immer wieder. Wegen des Ruhms, der für sie abfällt?

Nein, um Ruhm, sagt sie, gehe es ihr null. Nur darum, ihre „Freak-Frequenzen“ auszuleben. Wie George und Bootsy Collins, diese Typen mit den komischen Hüten, den Brillis und Glitzerkleidern, die tun und lassen, was Laune macht, und nebenbei noch Musik abwerfen, die Standards für ein ganzes Genre setzt.

So will auch Rebecca sein. Darum die Dolche an den Fingern. „Sind die echt?“ frage ich ordnungsgemäß. „Ja“, sagt sie schnell und stolz. Und wie spielt man damit Keyboard? „Och, das klappert halt, und alle Leute gucken. – Hey, ich habe Tapes mitgebracht, hörst du mal rein?“ Man hört Kirchenglocken und einen Bass, der den Mount Rushmore zerbröseln könnte. „Fett, was?“ grinst sie. Fett aus Detroit. Klasse. Fantastisch.

Rebecca platzt vor Glück, zumal neuerdings der Manager von Ryuichi Sakamoto auch ihrer ist. Gerade plant sie eine Foto-Ausstellung – Thema: Funky Taurus, Nabel ihrer Welt. „Und wenn ich ein Problem mit der Studiotechnik habe, klar, dann ruf‘ ich bei Prince an. Der hat einfach das beste Equipment.“

Mann, gibt die an! Doch sie ist halt mitgerissen von sich und den Chancen, die herumliegen für den, der zugreift. Sie, Funky Taurus, ist Roman Herzogs Ruck. „Weißt du“, sagt sie, als sie auf quittegelben Plateauschuhen über den Rummel zum Fototermin stakst, „alles, was sich Menschen vorstellen können, kann auch wahr werden.“

Fotosession am Auto-Scooter. Die Säulen spiegeln einen dünnen Freak mit Gepardenhut und schrillen Krallen. Kinder gucken und tuscheln. Ein Mädchen, das mutigste, muß ran. „Sind die Fingernägel äähächt?“ fragt es, und hinter ihr wird es mucksmäuschenstill.

„Ja“, sagt Rebecca schnell und stolz. Noch ein letztes Foto im Riesenrad? Oh, nein, bloß nicht.

Der Freak hat Höhenangst. Verrückt.

Matthias Wagner

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