Die besten Bücher 2026: Empfehlungen für den Mai
Endlich wieder im Stadtpark und im Freibad lesen: Die besten Bücher im Mai 2026 mit Percival Everett, Joanna Bator und Markus Orths.
Das beste Buchcover 2026? Geht ganz klar an das Debüt des Franzosen Simon Chevrier. Aber wie weit kommt „Foto auf Anfrage“ auf unserer Liste der besten Bücher im Mai 2026? Percival Everett geht ganz locker mit einem Taschenbuch ins Rennen: „Ausradiert“ ist im Original bereits 2001 erschienen, und jetzt steht der Roman auf unserer Liste der besten Bücher im Mai 2026. Der seit 1998 in Paris lebende marokkanische Schriftsteller Abdellah Taïa hat sich 2006 öffentlich geoutet und gilt als erster offen schwuler Autor seines Landes. Mit „Die Bastion der Tränen“ ist auch er auf unserer Liste der besten Bücher im Mai 2026 dabei. Ebenso ein Debüt ein Deutschland: „Puver“ von Johann Reißer über den Pulverfabrikanten Max Duttenhofer.
KI kills the novel-star? Natürlich darf Markus Orths Roman „Die Enthusiasten“ auf unserer Liste der besten Bücher im Mai 2026 nicht fehlen. Egal, ob „Die Flucht der Bärin“ nun Roman oder Kurzgeschichtensammlung ist – Joanna Bator wird mit ihrer Neuveröffentlichung auf unserer Liste der besten Bücher im Mai 2026 ganz weit nach oben kommen. Auf unserer Krimiliste war Dror Mishani schon einige Male vertreten, nun steht er mit der Liebesgeschichte „Nicht“ auf unserer Liste der besten Bücher im Mai 2026. Und schließlich ist da noch David Vajda: Wenn sich dessen Figuren in Dialogen verheddern, dann nur, um nicht über den Tod reden zu müssen. Sein Debüt „Diamanten“ ist auf unserer Liste der besten Bücher im Mai 2026 also eher ein Außenseiter. Ist doch so, oder?
Die besten Bücher im Mai 2026
8. Johann Reißer: Pulver
1858, irgendwo im Schwarzwald. Jeder im Ort kennt den frechen Max, Protagonist von Johann Reißers Debütroman „Pulver“: Statt in der elterlichen Apotheke treibt er sich lieber beim alten Pulvermüller rum. Dass er dessen Mühle einmal übernehmen und zu einem international agierenden Konzern aufbauen wird, ahnt da noch keiner. Seine Erfindungen revolutionieren die Kriegsführung und machen ihn zu einem der mächtigsten Männer des Kaiserreichs. Doch nicht allen gefällt, wie Industrialisierung und Nationalismus die Gesellschaft verändern – bis Max zum Opfer jenes schwarzen Geistes wird, den er einst beschwor …
Ein skrupelloser Turbokapitalist und einer der mächtigsten Männer des Kaiserreichs, der geradezu manisch nach Geld und Einfluss gierte, auf der anderen Seite mysteriös bis hin zu den Umständen seines Todes – das war Max Duttenhofer (1843-1903), Pulverfabrikant aus Rottweil. Über die historische Person gibt es, abgesehen von einigen kurzen Einträgen in bayerischen und nationalen Biografieverzeichnissen, dementsprechend wenig. Reißer hat die Chance gesehen und den schwäbischen Industriellen mit reichem Innenspiel ausgestattet. Sein Duttenhofer ist längst kein Sympath, aber doch Mensch. Als Teenager wissbegierig und pubertätsgeil; als junger Fabrikant skrupellos und einem dogmatischen Fortschrittsglauben anhängig; als Senior schließlich morphingebeutelt, paranoid. So entsteht auf knapp 500 Seiten ein dichtes Porträt, das mit Fabulierfreude wettmacht, was es an Tempo nicht hält. Das ist gutes Handwerk, für die Historie des Kapitalismus im Großen aber kaum relevant.
FVA, 2026, 480 S., 26 Euro
7. Markus Orths: Die Enthusiasten
Markus Orths kennt seinen Laurence Sterne in- und auswendig und hat dessen „Tristram Shandy“ zum Zentrum seines Romans „Die Enthusiasten“ gemacht. Dessen Erzähler heißt Vincent Bär und ist ein Literaturwissenschaftler, der sein Steckenpferd zum Beruf machen konnte, über Sterne zu forschen. Bärs These: Es gibt ein nicht veröffentlichtes zehntes Buch des neunbändigen Werks, das als Grundstein aller modernen Literatur gilt. Als er sich mit weiteren Sterne-Enthusiasten – Bianca Barbosa und Ole Andersson – zum 250. Todestag Sternes im Jahr 2018 an dessen vielbesuchtem Grab im englischen Coxwold trifft, geschieht Ungeheuerliches: Ein Unbekannter zeigt den Dreien Auszüge aus Sternes angeblichem zehnten Band. Noch ungeheuerlicher: Alle drei sind als Experten überzeugt von der Autorschaft des Meisters.
Markus Orths nutzt diesen sensationellen Ausgangspunkt nicht nur für die Entwicklung eines Krimis, der später noch gewaltig eskalieren wird. Sein Roman, dessen Handlung exzessiv durch die Zeiten springt, erzählt auch von der Familie Bär – Vincent und seine Schwester, die Teilchenforscherin Elfi, sowie sein Bruder Marcellus, ein äußerst experimenteller Filmemacher – wurden von Eltern aufgezogen, die leidenschaftliche Leser waren und in deren Haus sich Bücher in jedem Zimmer regelrecht stapelten. „Die Enthusiasten“ hat mit dem Ende dieser familiären Struktur auch das Ende des gedruckten Buches zum Thema, und nicht nur das: Orths verhandelt die innere Notwendigkeit, bei entsprechender künstlerischer Veranlagung unbedingt zu schreiben, und stellt diesem Drang der Künstlerin und des Künstlers eine aufkommende KI entgegen, die der menschlichen Kunst den Boden unter den Füßen wegzuziehen droht. Manchmal wirkt „Die Enthusiasten“ zu überladen mit den vielen Ideen Orths, und doch wird man beim Lesen nicht müde, viel zu verrückt und originell ist diese ausufernde Geschichte.
Galiani Berlin, 2026, 368 S., 24 Euro
6. Dror Mishani: Nicht
Dror Mishani ist als Krimiautor nicht nur in Israel, sondern auch international bekannt. Nach seinem Tagebuch „Fenster ohne Aussicht“, in dem er seine Zeit nach dem palästinensischen Massaker vom 7. Oktober 2023 an israelischen Staatsbürgern verarbeitete, kehrt Mishani wieder zur Fiktion zurück, aber nicht zum Krimi. Obwohl: Ein bisschen Krimi ist der Roman „Nicht“ durchaus. Eli ist knapp über 50 und lebt als Witwer zurückgezogen, nur von seiner Tochter erhält er regelmäßig Besuch. Als der Übersetzer von Krimis auf einer Party die Cellistin Lia kennenlernt, unternimmt sie den ersten Schritt, die beiden kommen sich näher und werden lose ein Paar.
Doch dann geschieht Ungeheuerliches: Als Lia für ein Konzert ihres Quartetts nach Wien fliegt und Eli ihren Hund übernimmt, läuft ihm der Hund beim Gassigehen weg und vor ein Auto. Dror Mishani lässt jetzt alle literarischen Muskeln des Krimiautors spielen und einen völlig neben der Spur agierenden Eli eine Lüge auf die andere aufbauen, die einander zu widersprechen drohen, sodass man beim Lesen immer mehr verzweifelt: Wann wird Elis Kartenhaus der Lügen krachend in sich zusammenfallen?
Diogenes, 2026, 192 S., 25 Euro
Aus d. Hebrä. v. Markus Lemke
5. Joanna Bator: Die Flucht der Bärin
Weder außen noch innen steht, worum es sich bei Joanna Bators Buch eigentlich handelt: Kurzgeschichten? Einen Roman? Das ist kein Unfall, denn was uns eingangs vorkommt wie eine Sammlung aus 16 für sich stehenden Erzählungen, offenbart bald mal mehr, mal weniger offensichtliche Verbindungen. Im Zentrum: der verstorbene Doktor Polny und sein Haushalt, namentlich seine beiden Töchter, ihre Freund:innen, Nachbar:innen, Angestellten und Bekanntschaften. Beide Schwestern treffen unabhängig voneinander die Entscheidung, zu verschwinden, und auch die anderen Geschichten in „Die Flucht der Bärin“ sind bevölkert mit Menschen am Rande der Gesellschaft: Manche steigen aus und lassen ihre Familien ratlos zurück, andere haben Krankheiten oder entwickeln gefährliche Obsessionen. Gleich mehrere landen im geheimnisvollen Hotel Sudety oder auf dem verlassenen Anwesen der Polnys. Allein die Spurensuche, wie alles zusammenhängt, macht jede Menge Spaß, doch Bators Erzählungen sind weit mehr als eine Schnitzeljagd: Sie sind düster, surreal, erbarmungslos, und doch von einer Albtraumlogik getrieben, bei der sich Menschen in Fledermäuse verwandeln oder sprechenden Schildkröten begegnen. Eine Sammlung, die mehr ist als die Summe ihrer Teile – und schon die Teile allein sind verdammt gut.
Suhrkamp, 2026, 320 S., 26 Euro
Aus d. Poln. v. Lisa Palmes
4. Percival Everett: Ausradiert
Aktuell führt kein Weg an Percival Everett vorbei, wenn es um subtile Auseinandersetzungen mit dem Rassismus der USA geht. Sein Roman „Ausradiert“ ist bereits 2001 erschienen, doch nicht nur dank der Verfilmung „American Fiction“ aus dem Jahr 2023 hochaktuell: Thelonious Ellison, von allen nur Monk genannt, will kein Schwarzer Autor sein, sondern einfach nur Autor. Doch niemand liest seine obskuren, postmodernen Bücher. Als seine Schwester stirbt und seine Mutter an Demenz erkrankt, muss Geld her – und Monk schreibt, eigentlich nur zum Scherz, einen abgrundtief klischeehaften Ghettoroman. Natürlich wird der nicht nur zum Verkaufsschlager, sondern auch für einen Preis nominiert, bei dem Monk in der Jury sitzt. Halb beißende Satire, halb tragische Familiengeschichte, ist „Ausradiert“ selbst der beste Beweis dafür, dass die Welt sehr wohl bereit ist für komplexe, fordernde, tiefgründige Schwarze Literatur.
Hanser, 2026, 352 S., 14 Euro
Aus d. Engl. v. Jens Seeling
TOP 3
3. Abdellah Taïa: Die Bastion der Tränen
Es geht um die Gemeinschaft im Leid: Die Bastion der Tränen, eine alte Befestigungsanlage am Strand von Salé an der marokkanischen Atlantikküste, ist ein Ort der Erinnerung und der Trauer. Auch Youssef steht hier, ein schwuler Lehrer, der seit über einem Vierteljahrhundert im französischen Exil lebt und nun als Besucher seiner Schwestern nach Marokko zurückgekehrt ist. Er erinnert sich, wie er als femininer Junge von den Männern seines Viertels verspottet, missbraucht und vergewaltigt wurde. Youssef trauert um seinen ersten Freund Najib, der ihn damals verlassen hat, um auf die Seite der Machthaber zu wechseln: Als Geliebter eines hohen Offiziers ist Najib mit dem Verkauf von Drogen der Armut entkommen. Und Youssef muss erkennen, wie aus seinen einst so rebellischen Schwestern dann doch unterwürfige Ehefrauen und Mütter geworden sind, die die Traditionen hochhalten. Der seit 1998 in Paris lebende marokkanische Schriftsteller Abdellah Taïa hat sich 2006 öffentlich geoutet und gilt als erster offen schwuler Autor seines Landes. In dem stark autobiografisch geprägten und so eindringlichen Roman lässt er die Zeitebenen zusammenlaufen, er baut seine Prosa aus Dialogfragmenten, um am Ende steht er mit Youssef am Ozean. „Jetzt musste ich eine Entscheidung treffen. Vergeben? Oder nicht?“
Orlanda, 2026, 192 S., 22 Euro
Aus d. Franz. v. Astrid Bührle-Gallet
2. Simon Chevrier: Foto auf Anfrage
Das beste Buchcover 2026 steht fest, ich bin mir sicher, dieses hier wird in den verbleibenden achteinhalb Monaten nicht mehr getoppt werden. Zwei Dinge, zu denen mich dieses Foto des 1987 an Aids gestorbenen New Yorkers Peter Hujar animiert hat: 1. Ich habe die Pose nachgestellt (gut). 2. Ich musste den dahinter liegenden Roman „Foto auf Anfrage“ von Simon Chevrier sofort lesen (extrem gut). Auch der namenlose Ich-Erzähler ist von dem Foto fasziniert, und als er bemerkt, dass der hier abgebildete junge Mann namens Daniel Schook keine Spuren hinerlassen hat, recherchiert er zur Chelsea-Hotel-Bohème im New York der 80er Jahre und schreibt Nachrichten an Nan Goldin und andere Zeitzeugen. Daneben erzählt der Protagonist von seinem Alltag in Toulouse des Jahres 2020: Während der Corona-Pandemie ist er sehr unentschlossen auf Jobsuche. Um Durchzukommen verkauft er seinen Körper an ältere Männer, deren Verhalten er distanziert aber sehr präzise dokumentiert. Doch der Ton seiner Aufzeichnungen ändert sich, wenn er den Tod seines Vaters verarbeitet oder von seiner Sehnsucht nach Liebe schreibt. Vor allem sind es die Verbindungslinien zwischen New York in den 80ern und Toulouse 40 Jahre später, die diesen Roman nicht nur wegen des Covers für die Jahresbestenliste 2026 empfehlen.
Albino, 2026, 160 S., 24 Euro
Aus d. Franz. v. Christian Ruzicska
1. David Vajda: Diamanten
Manch ein Familienroman gönnt sich Hunderte Seiten, bis die Figuren einmal angemessen durchpsychologisiert und ihre Traumata erschöpfend kartografiert sind. Und dann kann er endlich losgehen, der wilde Ritt durch die Dysfunktionalität. In seinem Debütroman „Diamanten“ verzichtet David Vajda auf solch erwartbare Exposition. Gerade einmal 176 Seiten braucht der deutsch-österreichische Autor und Filmregisseur, um das tragik-komische Erbe einer über ganz Europa verstreuten ex-jugoslawischen Bohemefamilie einzufangen. Wo sich Knappheit vermuten ließe, sind es eher verdichtete Beobachtungen des Ich-Erzählers, der gemeinsam mit seinen drei Geschwistern Ada, Benny und Blondie sowie seinem Vater die Kernfamilie bildet, um die sich exaltiert-esoterische Tanten und gefühlsferne Onkels herumarrangieren. Alle sind sie händeringend damit beschäftigt, sich an der eigens behaupteten Intellektualität festzuklammern und mit Gesprächen über Filme von John Cassavetes und den großen Aschenbecher namens Berlin dem auszuweichen, worum es eigentlich geht: den Tod.
So lakonisch-lustig dieser Familienroman von ambitionierten Künstler:innen auf Abwegen und von der ex-jugoslawischen Diaspora erzählt, blickt er eben auch in die Vergangenheit – auf die letzten Jahre der sterbenden Mutter. Und anders als der oft so sarkastische Ton dieses Buches, ist das von einem gefräßigen Hirntumor hinterlassene Leid bitterer Ernst. Die Unfähigkeit, der eigenen Trauer Sprache folgen zu lassen, lässt die vor Nebensächlichkeiten strotzenden und doch tief melancholischen Dialoge nur umso herausragender wirken. Wie der Ich-Erzähler kommt auch Vajda selbst aus einer Familie Filmschaffender, was die Handschrift dieses so szenischen Romans prägt. Mitunter lässt er uns sogar durch die Linse eines Camcorders blicken und darüber vergessen, dass wir bloß Buchstaben auf Papier lesen. Vajda erzählt nicht, er inszeniert. Und zwar eine Familie, die sich – wie jede anständige Familie – ständig als Familie zu inszenieren versucht.
Hanser, 2026, 176 S., 23 Euro
Riskieren Sie auch einen Blick auf unsere Liste der besten Bücher im April 2026!