Yann Tiersen: Die unstillbare Lust auf das Leben

Der 49-jährige Komponist und Avantgarde-Musiker Yann Tiersen hat 25 Stücke aus seiner Karriere neu aufgenommen – und plötzlich standen all seine Exfreundinnen vor der Tür. Interview: Steffen Rüth

Yann, du lebst und arbeitest auf Ouessant, einer Insel im Atlantik mit 842 Einwohnern. Wie ist es da so?

Yann Tiersen: Im Moment sehr, sehr stürmisch. Ich wohne schon so lange dort, seit 1997, dass ich total verwoben bin mit der Insel. Mein kleiner Sohn ist jetzt zwei, für den ist die Natur auf der Insel natürlich mörderspannend.

Bekommt ihr viel vom Klimawandel mit?

Tiersen: Wir machen uns große Sorgen, ja. Bevor das mit dem Stürmen plötzlich losging, war bis praktisch Mitte Oktober noch Sommer. Die Zugvögel, die sonst immer bei uns Rast gemacht haben, waren dieses Jahr noch nicht da. Denen scheint es in Mittel- und Nordeuropa warm genug zu sein, sie haben kein Interesse mehr am Süden.

Sind die Menschen auf Ouessant besonders knorrig?

Tiersen: (lacht) Du meinst, man sollte bei uns dringend mal so einen Bretonen-Krimi mit seltsamen Charakteren drehen? Nun, ich würde sagen, die Menschen hier sind direkter, auch ein bisschen rau und immer durstig – nicht nur im wörtlichen Sinn, sondern auch übertragen auf das Leben als solches. Wir haben eine unstillbare Lust auf das Leben und auf das Sammeln neuer Erfahrungen. Abends sitzen wir gern bei Bier oder Wein zusammen und planen große Weltrevolutionen.

Gibt es einen speziellen Grund, warum du deine alten Stücke jetzt neu aufgenommen rausbringt?

Tiersen: Die Leute brauchen Weihnachtsgeschenke – und was gibt es Schöneres als eine Doppel-CD oder eine Dreifach-Vinylplatte mit meinen Liedern? Superkenner mal ausgenommen: Mir war wichtig, dass man beim Hören nicht weiß, ob die Songs alt oder eher neu sind. Es sollte alles wie aus einem Guss klingen. Und für mich ist so eine Wiederbeschäftigung mit meinem Werk auch nicht uninteressant.

Inwiefern?

Tiersen: Normalerweise nehme ich ein Stück auf, und es ist raus aus meinem Kopf – abgesehen von Live-Konzerten natürlich. So konnte ich mich aktiv mit meiner musikalischen Vita auseinandersetzen. Teilweise habe ich erstaunt davor gesessen, wie sich meine Musik mit den Jahren gewandelt hat. Das ist irgendwie so, als würden plötzlich alle deine ehemaligen Freundinnen auf einmal vor der Tür stehen.

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