Digger im Kino: Iñárritu + Cruise = Film des Jahres
Der Film der Stunde mit der wildesten Wendung: „Digger“ von Alejandro González Iñárritu mit Tom Cruise ist eine furios-fröhliche Dystopie.

kurz gesagt
„Digger“, man hätte es nicht für möglich gehalten! Dass das Kinojahr 2026 einen ebenso am tobenden Puls der Gegenwart lauschenden Film hervorbringen könnte, wie es letztes Jahr Paul Thomas Anderson gelang mit „One Battle after another“. Und während es dort um Faschismus und Rassismus in einem autoritären Staat ging, in den sich gerade viele demokratische Länder verwandeln, verhandelt Alejandro González Iñárritu in seinem ersten englischsprachigen Film seit „The Revenant – Der Rückkehrer“ von 2015 den Untergang der uns bekannten Welt durch Umweltverschmutzung, Gier und die rücksichtslose Ausbeutung natürlicher Ressourcen (genauer gesagt: Öl! Öl! Öl!).
Die Hauptrolle hat er dabei an den Weltstar Tom Cruise vergeben, den Iñárritu zum fetten, alten Mann umschminkt und ihn dann von der Leine lässt. Und wo Cruise sonst alles, was er anfasst (zuvorderst die von ihm in Geiselhaft genommene „Mission: Impossible“-Reihe), in größter Egomanie in ein Tom-Cruise-Projekt verwandelt, so versucht er das auch hier – doch der kreative, visuelle, akustische und narrative Orkan, in dessen Zentrum Iñárritu Cruise stellt, in diese Mischung aus Kubrick, Lars von Trier, Fiebertraum und Iñárritus eigenem „Birdman“, fängt Cruise in seinem unermesslichen Ego-Ausdehnungswillen ein. „Digger“ bleibt ein Alejandro-González-Iñárritu-Film.

Wir sehen, offenbar einige Zeit in der Zukunft, den ultrareichen Öl-Tycoon Digger Rockwell (Digger wie in „to dig“, graben) in seinem Riesenbett vor einer riesigen, digitalen Naturkulisse erwachen. Vergeblich versucht Digger (Cruise) seiner Katze, der es wirklich, wirklich nicht gut geht (wir werden später erfahren, warum), mit ein wenig Thunfisch zu füttern. Dann geht der weißhaarige, furchtbar unsympathische und clowneske Elon Musk des Öls an die Arbeit. Er wimmelt seine Schwester (Sandra Hüller) ab, telefoniert in der Welt herum, erwartet den besten Tierarzt auf dem Globus für seine geliebte Katze. Dann jedoch ereilt Digger eine für ihn anfangs belanglose, dann doch massiv bedeutsame Nachricht von einer seiner riesigen Ölbohrstationen in Alaska (er bohrt auch auf Grönland und in allen anderen empfindlichen Ökosystemen nach dem letzten bisschen Öl, Kontakte in die Politik machen’s möglich).
Dort hat sich der Spalt in einem Gletscher auf neun Meter vergrößert, aus dem Meeresboden tritt dazu massiv Methangas aus. Bevor Digger in Ruhe mit dem Tierarzt die Lebenserwartung seiner maladen Katze besprechen kann, explodiert die Ölbohrstation und – und ein Gletscherteil, so groß wie fünf US-Großstädte, treibt mit hoher Geschwindigkeit auf Norwegen zu, wo „Judy“, so wird das Riesending getauft, in flacheren Gewässern umkippen und einen gigantischen Tsunami verursachen wird, der droht, die gesamte Nordsee-Küstenlinie zu überfluten. Dr. Ganedh (Riz Ahmed), Diggers Sicherheitsberater für Umweltfragen, wird von hier an vom Subalternen zur moralischen Nemesis des Multimilliardärs.
Das ruft nach einer Krisensitzung! Mit dem US-Präsidenten! Und seinem Kabinett! Aber nicht im Weißen Haus, sondern – ja, die Macht hat sich verlagert in der Diggerschen Zukunft – bei Digger in der Bibliothek. Dann wird debattiert, was zu tun ist. Das Narrativ kapern und alle diese Situation betreffenden Worte im Internet zensieren? „Judy“ mit Raketen und Bomben zu Leibe rücken? Gar nichts tun, ist ja Europas Problem? Intensiv Beten und Gott anrufen, dies ist schließlich eine ultrareligös Regierung? Und als man sich als Zuschauer gerade anfängt zu fragen, warum der Potus (irre wie Trump, dösig wie Biden: John Goodman) so dermaßen grimassiert, als sei er eine Mischung aus Muppet-Puppe und Elektroschock-Opfer und warum er und alle anderen aus so großer Nähe und aus der zusätzlich verzerrenden Untersicht gefilmt werden, was alle zu grotesken Karikaturen ihrer selbst macht – da macht dieser Film eine Wendung, die beispiellos ist und die man hier auf gar keinen Fall verraten darf.

Was man verraten darf: „Digger“ kann durch diesen erzählerischen Kunstgriff nahezu alles zu seinen Themen mit krasser, fast herzzerreißender Direktheit ansprechen, ohne jemals auch nur ansatzweise nervig, bekehrend oder preachy zu sein. Der Film klagt mit Vehemenz die verlogenen, manipulierenden, ressourcevernichtenden Ölmultis an. Er nimmt sich uns zur Brust, unsere Verlogenheit und unsere Sünden gegen Mutter Natur: unser steter Wunsch nach Billigflügen in warme Urlaubsländer, unsere irre Verbrennerauto-Manie, unseren unstillbaren Energiehunger für Smartphones, Social Media und Streaming, unsere selbstverständliche Erwartung, Onlinekäufe am Folgetag geliefert zu bekommen, unsere ewige Fleischgier und, und, und – und alles stimmt. Alles. Die Welt, in der der fett-fetzige Digger wandelt, ist unsere jetzige Welt, weitergedacht in die zukünftige Apokalypse. Es ist ein absurdes Theater, das Iñárritu aufzieht, und wir sind die eigentlichen Hauptdarsteller – wir, die wir von Nachhaltigkeit labern, damit wir nicht danach leben müssen.
„Verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre“, liest sich ein Zitat des Soziologen Ulrich Beck (er meinte in den 80ern die Rollenbilder von Mann und Frau, aber hier passt das auch wie Plastikmüll in den Ozean) – dies ist der Film dazu. Und es ist gerade Digger, der uns diese wahren Worte in einer furiosen Rede vor dem Europäischen Rat um die Ohren haut. Durch den genialen Twist des Films gelingt es Iñárritu auch, dass wir darüber hinwegsehen, dass wir hier mit Tom Cruise einem ultrafitten, ultraeitlen 64-Jährigen als unfitten 70-Jährigen sehen, den ohne Probleme auch ein Schauspieler hätte darstellen könnte, der wirklich 70 und wirklich sehr unfit ist. Diese groteske Maskerade dient einem höheren Zweck.
Denn: Iñárritu wollte die manische Energie von Tom Cruise, und diese ist auch das Herz des Films. Der Mexikaner benutzt einfach alles das, was an Cruise furchtbar ist – die Abgehobenheit und Überdrehtheit, die Selbstbesoffenheit, die fortwährende Präsentation von männlicher Stamina, die Gier nach Aufmerksamkeit – für seinen Vorteil und für die Rolle und kitzelt dabei auch noch den talentierten Schauspieler Tom Cruise aus ihm heraus, der meist unter dem Actionstar Tom Cruise verborgen bleibt. Hier darf er, der als Super-Geheimagent Ethan Hunt unzählige Male die Welt rettete, sie genüsslich in die Grütze reiten.
„Digger“ ist ein prophetischer Film (hoffentlich nicht zu sehr!), es ist ein harter, ein kluger, ein drastischer, ein wütender, politischer, ein aktivistischer, ein sakraler, ein todkomischer Film. Er ist der ultimative Film über den Klimawandel und ein immens wichtiger über die Conditio humana des Homo oeconomicus zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Und wie ein englischsprachiger Kollege schrieb, einer der visuell einfallsreichsten, konzeptuell wagemutigsten und unvorhersehbarsten Filme, den ein großes Filmstudio in Hollywood jemals gemacht hat. „Digger“ ist fraglos der Film der Stunde, und dennoch kein Zeitgeist-Werk. Er ist ein Kunstwerk für die Ewigkeit.
Film

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