Spezial

Digitale Spiele als Kulturgut

Auf einer gelben Steinwand wurde eine rote Pixel-Kreatur mit weißen Pixel-Augen aus dem Computerspiel Space Invaders befestigt.

Die nimmersatte Schlange

Snake auf den alten „unsmarten“ Handys des finnischen Elektronikkonzerns Nokia war für viele der heute 30- bis 50-Jährigen ein erster Kontaktpunkt mit digitalen Spielen. Der Übergang zu einem Gaming-PC oder den Heimkonsolen von Nintendo, Sony, Microsoft und Co. war dann ein logischer, wollte man die volle Bandbreite erleben, welche die virtuellen Welten in grafischer und soundtechnischer Hinsicht zu bieten hatten. Mit den Jahren minderte sich in einigen Genres die visuelle Kluft zwischen Realität und Fiktion, alles wurde echter, lebensnaher und auch die erzählten Geschichten nahmen mehr und mehr die herangezogene und mittlerweile erwachsene Kundschaft in den Fokus. Und genau wie die Welt der Filme und der Comics davor durchlief auch diese Branche einen Zyklus der Selbstverteidigung und Selbstbehauptung. Im Grunde ist es ein immer noch fortlaufender Prozess.

Die Vorwürfe waren vielfältig, das Medium sei verrohend und gewaltverherrlichend, stumpfe die Jugend ab. Dass dabei auch die Eltern verantwortlich waren, ihren Kindern nur Software für ihre Alterskategorie zu geben, wurde oft ignoriert. Auch der Durchblick im Dickicht des noch vergleichsweise neuen Mediums fehlte sicher generationsbedingt ebenso. Langsam kristallisiert sich jedoch eine Anerkennung des Mediums als weltweites Kulturgut heraus, schließlich eröffnete 1997 in Berlin auch das weltweit erste Computerspielmuseum mit ständiger Ausstellung seine Pforten. Doch eine Eigenschaft dieser digitalen Unterhaltung ist dennoch ein Problem, wenn es um die Pflege dieser Kultur geht.

Snake, immer wieder

Ausgerechnet eine das Videospiel definierende Eigenschaft fällt ihm selbst auf die Füße: die Digitalität. Videogames werden programmiert und digital auf verschiedenen Datenträgern gespeichert. Dabei kam über die Jahre einiges zusammen, von Modul, Diskette, CD und DVD bis hin zu schnellen SSD-Speichern und dem Streaming aus der Cloud. Auch die Geräte mit der notwendigen Technik zur Darstellung veränderten sich: Konsolen wurden aus dem Verkauf genommen, vorhandene Geräte verschlissen, Firmen gingen pleite, Quellcode verschwand und mehr. Das Resultat war und ist, dass heutzutage viele alte Spiele nicht mehr oder nur noch mit viel Aufwand spielbar sind. Klassische Medien wie Bücher oder Filme sind weitaus leichter in die Gegenwart zu retten, bei Videospielen sieht das also anders aus. Doch am Beispiel vom bereits erwähnten Snake aus der Handywelt lässt ein Hoffnungsschimmer erkennen. Denn Computerspiele wie dieses sind mittlerweile ins Internet abgewandert und lassen sich quasi als Remix mit besserer Optik bei gleichem Spielprinzip einfach und meist kostenlos auf entsprechenden Webseiten spielen. Und das auch noch weitgehend unabhängig vom Gerät – oft reicht es, dass ein Browser aufrufbar ist. Wenn man schon einmal ins Stöbern gerät, warum dann nicht auch in weiteren Erinnerungen schwelgen, bei einer neuen Runde Minesweeper oder dem guten alten Solitaire?

Nichtsdestotrotz sind viele alte Spiele nicht ohne Weiteres in die Neuzeit zu retten, drohen in Vergessenheit zu geraten. Gut, dass es bei Fans mit Programmierkenntnissen Bestrebungen gibt, das Kulturgut Videospiel durch Emulation zu bewahren, um Klassiker auf neuen Geräten abspielbar und damit unabhängig von alter, langsam erodierender Hardware zu machen. Denn ein Medium, das sich immer und immer wieder im Wandel befindet, sollte auch auf seine Ursprünge zurückblicken und -besinnen können.

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