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Doro

Sie ist die berühmteste Rockröhre Deutschlands – und den Ruf untermauert sie mit ihrem aktuellen Album „Love me in black“ (WEA)

Klein und zierlich, mit blondgefärbter Wallemähne und H&M-Dress sitzt sie lasziv-locker im Sessel. Von Härte, von Coolness nichts zu spüren. Sieht so eine Frau aus, die sich seit über 15 Jahren in der Hardrock-Szene durchsetzt, wo wild pogende Männer überschüssige Aggressivität in Lärm verwandeln?? „Ich glaube, es gibt toughe Seiten an mir und gleichzeitig super-sensible Seiten. Ich versuche, die Waage zu halten. Es gibt immer Yin und Yang, danach ist mein ganzes Leben ausgerichtet. Auch meine Musik: auf der einen Seite sehr aggressiv, auf der andern sehr soft, zärtlich und sanft.“ Im täglichen Leben zarte Frau, auf der Bühne die männliche Rockkanone. Trotzdem: Eine Karriere zwischen „Harten Kerls“ ist sicherlich schwieriger als in anderen Metiers. „In der ganzen Zeit“, erwidert Doro, „bin ich nie diskriminiert worden. Schon gar nicht, weil ich eine Frau bin. Allerdings sehe ich mich auch eher als Kumpel, als neutrale Person. Die Musik verbindet uns, wir sind wie eine große Familie.“ Die heile Welt des Rocks also? Für Doro gibt es sie wirklich, mit der Musik als perfektem Katalysator, um Frust abzulassen. Wenn sie sich in der Szene nicht als Frau, sondern als „neutrale Person“ sieht, was hält sie dann von Frauen? Verdammt viel: „Alice Schwarzer fasziniert mich sehr, seit ich sie kennengelernt habe, genauso wie Madonna. Beide wissen genau, was sie wollen, und haben ein bewundernswertes Selbstbewußtsein.“

Ihr großes Vorbild aber ist jemand anderes: Muhammed Ali! Um ihn boxen zu sehen, ist sie einst mitten in der Nacht aufgestanden. Es waren aber weniger seine Muskeln, die Doro faszinierten, sondern seine Ehrlichkeit und Fairness – so wollte sie auch mal werden. Nach der Schule beginnt sie aber erst mal eine Lehre als Schriftsetzerin; Singen ist schließlich kein ordentlicher Beruf. Doch noch in der Probezeit wird sie schwer krank. „Es stellte sich heraus, daß ich Lungentuberkulose im Endstadium hatte. Ein Jahr lag ich im Krankenhaus, die Ärzte hatten mich schon aufgegeben. Damals habe ich mir geschworen: Wenn du jemals hier rauskommst, machst du was aus deinem Leben!“

Und drei Monate nach der Entlassung hatte Doro ihre erste Band Snakebite. Das war 1982. Die Band wandelte sich schnell vom Geheimtip zum chartfähigen Special Guest fast aller Metal-Größen. Die Zeit im Krankenhaus prägte ihren Stil: „Dort haben sich so viele Aggressionen, Wut und Traurigkeit angesammelt, ich hatte jeglichen Kontakt zur Außenwelt verloren. Der Heavy Metal war es, der mich langsam wieder hochgebracht hat. Mit so viel Wut im Bauch konnte ich keine sanften Liebeslieder singen.“

Die Zeit im Krankenhaus: für Doro die beste Schule, um kämpfen zu lernen – gegen den eigenen Körper, gegen die Enttäuschung, gegen die Einsamkeit. Sich von nichts unterkriegen lassen. Doro ist ihrem Vorbild Ali sehr nahe gekommen.

Anna Schwan

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