Susanne Völker: „Nicht immer gibt es ein Richtig oder Falsch“
Wie funktioniert heute Kultur in der Region? kulturnews sprach mit Dr. Susanne Völker vom Kulturfonds Frankfurt Rhein/Main vor dem Hintergrund aktueller politischer Herausforderungen.

Susanne Völker, Sie Sind Kunsthistorikerin, waren Kulturdezernentin der Stadt Kassel und haben als Gründungsdirektorin dort das Ausstellungshaus Grimmwelt mit aufgebaut. Jetzt kümmern Sie sich beim Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main um ein extrem breites Spektrum kultureller Spielarten. Wie groß war die Umstellung?
Dr. Susanne Völker: Wenn man Kunst und Kultur und die Menschen dahinter ernst nimmt im Facettenreichtum ihrer Sparten und Genres, Fähigkeiten und Qualifikationen, Berufswege und Projekte, Anliegen und Haltungen, dann zeichnet sich immer ein differenziertes Bild. Jedes Vorhaben hat seine eigene Struktur und Dynamik, ob in der Ateliergemeinschaft oder am Staatstheater, ob in den großen Metropolen oder der Region. Jedes Kulturprojekt wird von einem Engagement getragen und zielt auf eine Wirkung – zumeist eine öffnende, oft verbindende, manchmal diskursive Wirkung. Vor diesem Hintergrund ist die Umstellung nicht groß, wohl aber das Spektrum an Menschen, Institutionen und Projekten, mit denen wir tagtäglich zusammenarbeiten. Gerade das macht es so reizvoll.
Ein Motto des Kulturfonds lautet „Resonanzräume für die Zukunft gestalten“. Wie lassen sich Resonanzräume schaffen, wie offene Diskurse fördern?
Dr. Susanne Völker: Resonanzräume lassen sich wohl am besten schaffen, indem Räume geöffnet werden: inhaltliche wie physische. Orte wie Museen, Theater, Literaturhäuser, Kinos, Konzertsäle, Kulturzentren und viele mehr sind Einladungen. Sie machen inhaltliche und künstlerische Angebote zur Vertiefung und Reflexion, zur Begegnung und zum Austausch. Wenn es gelingt, dass Menschen dieser Einladung folgen, sich willkommen fühlen und als Teil der kulturellen Erfahrung verstehen, dann können Resonanzräume entstehen, die Austausch und Diskurs ermöglichen. Dort, wo sich Menschen auf Augenhöhe begegnen, entsteht kulturelle Entwicklung – in der Ausstellung ebenso wie im Fachvortrag, in der Lesung, im Konzert, in der Kulturellen Bildung. Kunst und Kultur und ihr Publikum sind insofern untrennbar.
Susanne Völker: „Gleichsam ein politischer und gesellschaftlicher Auftrag“
Die Fragilität des eigenen Lebens und die alltägliche Verunsicherung sind in unserer Zeit starke Auslöser für eine irrationale Suche nach Schutz im Autoritären. Wie kann Kultur und zum Beispiel auch der Kulturfonds Frankfurt / RheinMain hier gegensteuern?
Dr. Suzusanne Völker: Das beste Mittel gegen die Verunsicherung ist vielleicht gar nicht die Sicherheit, sondern die Unsicherheitstoleranz. Wir können in einer komplexen Welt nicht alles kontrollieren, uns aber mittels Haltungen positionieren. In einer freiheitlich demokratischen Grundordnung gehört das zum Grundkonsens und es macht die Demokratie zu einer diskursiven Staatsform. Diskurse inhaltlich, fachlich, sachlich zu führen und ihre Diskursteilnehmer/innen ernst zu nehmen, gehört deshalb zum demokratischen Auftrag. Nicht immer gibt es ein Richtig oder Falsch. Das liegt in der Natur des Meinungspluralismus. Kultur kann hier Perspektiven eröffnen und Sichtweisen nebeneinanderstellen, die zu einem differenzierten Bild und damit zu mehr Toleranz führen. Allein kann Kultur dies nicht leisten – es ist gleichsam ein politischer und gesellschaftlicher Auftrag
Die letzte Frage geht an die Privatperson: Wenn Sie alle beruflichen Interessen hintanstellen und in Ihrer Freizeit Kultur genießen, welche Vorlieben sehen Sie dann bei sich selbst?
Dr. Völker: Ich tauche sehr gerne ein in den Reichtum und die Vielfalt unseres kulturellen Erbes und Potentials – und ich entdecke darin gerne Neues: neue Ideen, neue Verbindungen, neue Perspektiven. Eine Trennung zwischen beruflich und privat fällt mir dabei allerdings schwer.
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