Emmanual Peterfalvi: „Versöhnen, nicht vergessen“
Mit seinen Programmen „Klasse!“ und „Jetzt noch deutscherer“ ist er schon lange auf Tour, jetzt singt Alfons auch noch „Plötzlich Chansons!“. Doch Emmanuel Peterfalvi, der ernste Mann hinter dem Komiker, hat im Interview mit kulturnews noch viel mehr zu erzählen – über die Shoa, seine Großmutter und deren Wunsch nach Versöhnung.

Herr Peterfalvi, Sie reisen – ich glaube, bereits übermorgen – in der Delegation des Bundespräsidenten mit nach Frankreich.
Emmanuel Peterfalvi: Sogar schon morgen.
Ich würde jetzt mal mit dem Denken der Neuen Rechten sagen, dass Sie damit zum System gehören und damit zu Feind gehören. Was antworten Sie denen auf eine solche Aussage?
Peterfalvi: Sowas passiert mir selten. Und wenn, dann bekomme ich es eher nicht direkt ins Gesicht gesagt, sondern per Mail oder auf Social Media. Und meistens anonym. Dass die Kommunikation zwischen Menschen immer rauer wird, das merke ich aber natürlich, und das macht mir Sorgen. Ganz besonders, weil man dabei spürt, dass viele in ihrem Gegenüber gar keinen Menschen mehr sehen, sondern eben einen Feind oder „das System“. Diese Entmenschlichung halte ich für sehr gefährlich. Das kann nur zur Katastrophe führen. Das müssten wir eigentlich alle aus der Geschichte wissen.
Aber was würden Sie denn nun antworten?
Peterfalvi: Wenn mir das passiert – und dann ist es meistens schlimmer als diese Wörter – dann antworte ich: Das, was Du mir geschrieben hast, verletzt mich. Ich weiss nicht, ob das Deine Absicht war, aber Du hast mich verletzt. Und dann passiert manchmal Überraschendes. Zum Beispiel Antworten wie: „So war das nicht gemeint! Lass Dich nicht unterkriegen! Du bist ein Guter, mach weiter so!“ Und so weiter.
Ist das die Regel?
Peterfalvi: Es ist mir zumindest mehrmals passiert. Es ist immer gut, in Dialog zu kommen. Aber das geht nur mit gegenseitigem Respekt. Manchmal kommt als Begründung auch so etwas wie: „Ich bin nicht einverstanden mit dem, was die Regierung macht!“ Gut, das kenne ich auch! (Peterfalvi lacht). Aber wenn man fragt, mit was genau man denn unzufrieden ist, dann kommt als Antwort meist ein Allgemeinplatz wie „Migration!“ Und warum? „Ja, das sind alles Kriminelle!“ Na klar, Kriminelle gibt es sicherlich. Die gibt es in jeder Menschengruppe. Aber ist das ein Grund, die riesige Mehrheit zu übersehen, die sich integrieren, die arbeiten, sich einbringen, sich etwas aufbauen und etwas für die Gesellschaft und unser Land tun will Was ich immer wieder höre ist: „Alles raus, dann haben wir wieder ein sicheres Deutschland!“ Aber glaubt Ihr wirklich, dass, wenn die Ausländer alle weg sind, auch die Kriminalität verschwindet? Wenn alle Ausländer weg sind, dann gibt es zu wenige Ärzte, keine Gemüseernte mehr, keinen Tiefbau, zu wenig Pflegepersonal im Krankenhaus, und auch Dein Amazon-Päckchen kommt nicht mehr pünktlich. Aber Kriminalität, die gibt es immer noch.
Letztes Jahr haben Sie die Grand-Mère-Stiftung gegründet, die auch ein Weg ist, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Sie ist nach Ihrer Großmutter benannt, die sich durch Flucht vor der Ermordung durch Deutsche im Konzentrationslager Auschwitz retten konnte. Die Stiftung hat ihrem Einsatz für mehr Menschlichkeit und Demokratie aus meiner Sicht genau dieses Ziel.
Peterfalvi: Absolut. Grand-Mère heißt Großmutter auf Französisch. Meine Großmutter war eine großartige Frau. Sie hat Auschwitz überlebt, weil sie sehr viel Glück hatte, aber auch, weil sie sehr, sehr stark war. Und sie hat sich bis zu ihrem Lebensende gegen Extremismus und für Demokratie und Menschlichkeit engagiert. Der Name für meine Stiftung war mir sofort klar: Sie würde Grand-Mère Stiftung heißen. Der Impuls für die Gründung war, dass ich irgendwann gelesen habe: 40 Prozent der Jugendlichen ist die Demokratie egal. Da war mir klar, auch ich muss etwas machen.
Was mussten Sie machen?
Peterfalvi: Zuerst habe ich mit Argumenten für Demokratie begonnen und eine Liste mit Fakten angelegt. Dann habe ich gemerkt, dass wir mit Argumenten alleine nicht weiterkommen bei Jugendlichen. Aber nicht nur bei ihnen.
Was ist, wenn die Shoa geleugnet wird? Das ist die Leugnung einer Tatsache, die sogar die Grundlage Ihrer Stiftung leugnet.
Peterfalvi: Auch da glaube ich, dass Fakten alleine nicht mehr ausreichen. Wenn es heißt: „Das sind doch maximal 50 000 Juden, die da ermordet wurden.“ Dann hilft es wenig, mit „nein, das waren sechs Millionen“ zu antworten. : Das reicht nicht, da lautet die Antwort: Deine Beweise glaube ich nicht.
Was greift dann besser als Argumente?
Peterfalvi: Ich gehe oft in Schulen, aber ich will nicht das wiederholden, was der Geschichtsunterricht sagt. Das heißt nicht, dass die Fakten nicht wichtig sind, im Gegenteil! Aber meine Erfahrung ist, dass die Menschen sich für Fakten öffnen, wenn sie eine Geschichte, ein Gesicht, ein Gefühl dazu bekommen, etwas, an das sie anknüpfen können, das sie bewegt. Was ich dazu beitragen kann, ist, von meiner tollen Großmutter zu erzählen. Ich habe sie als Kind sehr geliebt, aber es gab eine Sache, die ich einfach nicht verstanden habe. Sie sagte mir immer, dass sie die Deutschen nicht hasst. Das fand ich verrückt: Mit dem, was du erlebt hast, musst du sie doch hassen! Sie sagte, ja das kann sein, aber ich will die Deutschen nicht hassen. Ich will niemanden hassen. Das einzige, was ich will ist, dass sowas nie wieder passiert. Dafür braucht es Versöhnung, nicht Vergessen! Aber Verstehen, dass es wieder passieren kann. Davon war sie überzeugt. Was können wir also den nächsten Generationen geben, damit das alles nicht wieder passiert? Oder dass zumindest bei einigen die Alarmglocken angehen? Das liegt nicht nur in der Verantwortung der Politik, sondern in der Verantwortung von uns allen.
Ich interviewe einen Komiker und kriege ein absolut ernstes Gespräch. Was passiert da?
Peterfalvi: In meinem Programm „Alfons – jetzt noch deutscherer“ geht es um meine Einbürgerung, und Sie können sich vorstellen, dass es dazu sehr viel zu erzählen gibt. Und obwohl ich darin viel von meiner Großmutter erzähle, auch von Auschwitz, wird in dem Stück sehr viel gelacht. Das ist mit sehr wichtig, lachen tut gut und öffnet. Es gibt aber auch Momente großer Stille. Es ist wie das Leben: Mal weint man vor Freude, mal weil man tief berührt ist. Ich liebe es sehr, dieses Programm zu spielen.
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