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Black lives matter to him!

Black Lives Matter? Das fand John Brown schon 1850 – und zog gegen Rassisten und White Supremacists in den Krieg. Eine furiose Serie mit Ethan Hawke erzählt nun seine Geschichte.

„Wenn John Brown schon nicht den Krieg beendete, der die Sklaverei beendet hat – so hat er doch wenigstens den Krieg begonnen, der die Sklaverei beendet hat.“ So spricht eine Figur in der Miniserie The good Lord Bird über John Brown, militanter Abolitionist, also Sklavereigegner, fundamentalistischer Christ, Untergrundkämpfer, Verrückter, gehängt 1859 für Hochverrat und seinen Guerillakrieg gegen Sklavenhalter. Und es stimmt: Brown (Ethan Hawke) hat mit seinem humanistischen bis terroristischen Taten den Amerikanischen Bürgerkrieg mit losgetreten, der die Sklaverei – Zitat oben – tatsächlich beendete. Brown war übrigens der einzige (!) Weiße, der zu der Zeit aktiv für die Rechte der schwarzen Bevölkerung gekämpft hat – Black Lives Matter to him!

John Brown: Bürgerrechtler, aber keine Befreierfigur

Nach der Comic-Dystopie „Watchmen“ von HBO beschäftigt sich nun schon die zweite US-Serie in kurzer Zeit dezidiert mit Rassismus. In einer Zeit, in der weiße Rassisten und Nazis unter dem rassistischen Präsidenten Trump geradezu aufblühen und die Nation spätestens nach den Polizeimord an George Floyd zutiefst gespalten ist in Rechte und Linke und implodieren zu scheint– fast so wie damals Mitte des 19. Jahrhunderts. „The good Lord Bird“ nach dem Roman von Charles McBride macht aber nicht Brown zur Hauptfigur; erzählt wird seine Geschichte durch die Augen des jungen Sklaven Henry Shackleton (großartiger Debütant: Joshua Caleb Johnson). Bei einer Schießerei von Brown mit Henrys Besitzer stirbt Henrys Vater, und Brown befreit Henry, den er zu seinem Glücksbringer macht, für ein Mädchen hält und ihn in Frauenkleider steckt. Was Henry dann nicht mehr auflöst, weil es ihm in dem Tohuwabohu, in das er in der Folge gerät, oftmals hilft. Er muss sich als freies Individuum eben in jeder Hinsicht erst einmal selbst finden.

Brown wird nicht zur weißen Befreierfigur verklärt. Mehrfach kriegt er von schwarzen Figuren zu hören, was er sich denn anmaße, für die Schwarzen zu entscheiden, was sie wollen und sich für ihre Zukunft wünschen. Doch während die Ostküsten-Weißen sich damit zufriedengeben, Vorträgen gegen Sklaverei zu lauschen und beim berühmten schwarzen Diasporaführer Frederick Douglass (Rapper Daveed Diggs) zu dinieren, greift Brown zur Waffe und tut etwas – derweil der distinguierte Douglass in Umkehrung der damals normalen Verhältnisse zwischen Weiß und Schwarz vom ungewaschenen, unzivilisierten Wilding Brown eher abgestoßen ist.

Ethan Hawke: eine Augenweide!

Ethan Hawke, Mitschöpfer- und autor der Serie, spielt als Brown unglaublich auf. Mit glühenden Eisaugen und Rauschebart fragt er bei einer Ballerei Henry, ob er auch regelmäßig die Bibel liest und wirft sich im nächsten Moment todesmutig in die Schusslinien, versinkt in Trauer und Depression und explodiert sofort darauf mit grollender Stimme in Bibelversen und Wuttiraden. Die Serie gibt Hawke die ideale Plattform für seinen fiktionalisierten Charakter. Es finden sich Elemente von Mark Twains „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“, eines Schelmenroman wie „Der abenteuerliche Simplicissimus“, es gibt schrägen Humor wie bei den Coen-Brüdern und ihrem „O Brother, where art thou?“, Gewalt aus Pulp-Magazinen und Blaxploitation-Filmen, einen Comic-Vorspann wie bei den Western von Sergio Leone und einen Gospelsoundtrack, der einem die Schuhe auszieht.

John Brown unternahm 1859 den wahnwitzigen und dilettantischen Versuch, eine Waffenfabrik zu überfallen und Tausende von Waffen zu erbeuten – für einen Sklavenaufstand, dem sich kaum einer anschloss. Hatte Brown wieder einmal zu sehr von seiner eigenen wilden Überzeugung auf andere geschlossen? Oder wusste er gar, dass all das nur ein symbolischer Opferakt sein würde? Auf jeden Fall wären die USA heute nicht dieselben ohne sein Wirken. „The good Lord Bird“ weist aus der Vergangenheit der Vereinigten Staaten direkt in íhre Gegenwart und Zukunft.

„The good Lord Bird“: ab 6. November auf Sky Atlantic, Sky Ticket und über Sky Q

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