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Etwas ist niemand

Bassistin und Sängerin Sidney Nevermind ist 16 und geht noch zur Schule, ihr Gitarre spielender Cousin Stefan Römisch wurde gerade 19. Das Leipziger Punkpopduo Etwas hat alles, was man braucht, um berühmt zu werden: Wildheit, Jugend und eine große Plattenfirma. Kommen die deutschen White Stripes etwa aus Sachsen …?

_ulysses: Die Leipziger Volkszeitung nennt euch „jung, erfolgreich und supernett“. Sträuben sich euch als Punker nicht die Haare beim Wörtchen „supernett“?

Sidney Nevermind: Mir sträuben sich eher die Haare bei dem Wort „erfolgreich“ – wir können uns nicht mal ‘ne eigene Wohnung leisten! Und was heißt schon supernett? Es ist doch total uncool, wenn man einen auf dicke Hose macht. Im Endeffekt sind wir niemand. Wir stellen uns nicht über die Leute, die uns gut finden.

_ulysses: Aber ihr hattet früher diese Punk-Attitüde. Eure alte Band hieß Suckerface, und ihr habt Songs wie „Fuck!“ gespielt.

Sidney: Wir waren damals nicht dreckiger, sondern einfach nur schlechter. Es war von Anfang an klar, dass wir provozieren müssen, damit uns jemand zuhört. Wenn man achtmal nacheinander „Fuck you!“ ins Mikro brüllt, dann hat man ‘ne Chance, dass jemand nach dem Konzert auf die Website geht und sich den eigentlichen Text ansieht.

_ulysses: Demgegenüber klingt euer Debüt aber viel poppiger und freundlicher.

Stefan Römisch: Kumpel, die Suckerface kannten, sagen jetzt natürlich, das sei Kommerz. Aber früher haben wir nur live gespielt. Jetzt nehmen wir im Studio auf. Das ist natürlich alles sauberer.

Sidney: Jede Band fängt damit an, Songs zu covern. Bei uns waren das genau drei Stück – aber diese drei waren von den Sex Pistols. Insofern haben wir schon diesen Punkhintergrund.

_ulysses: Die Sex Pistols hatten einen politischen Anspruch, ihr gar nicht.

Sidney: Wir haben das Weltverbesserische einfach abgelegt, denn du kannst die Welt alleine nicht verändern. Da helfe ich lieber dem einen Jungen, der keine Freunde hat und Gedichte schreibt – genau wie ich früher. Dem geht es vielleicht mal gut zwischendurch, wenn er in seinem Zimmer sitzt und die Platte hört. Das bringt mehr, als wenn ich hier der ganzen Welt sage, wie scheiße ich George Bush finde.

_ulysses: Würdet ihr euch von Dieter Bohlen produzieren lassen?

Sidney: Wenn er das Studio stellt, genügend Kohle mitbringt und die Schnauze hält … Nee, im Ernst: Was nützt es mir, wenn ich nur der Interpret bin? Ich war auch mal ein kleines dickes Mädel mit Zahnspange, aber ich fand diese Musik schon immer scheiße. Ich lass mich doch nicht künstlich befruchten!

_ulysses: Beim Künstlernamen schon, oder? Du nennst dich „Nevermind“. Stehst du auf Nirvana?

Stefan: Sie hasst Kurt Cobain!

Sidney: Was heißt hassen? Ich kenne den Arsch nicht persönlich. Aber ich finde auch nicht jeden toll, der Drogen genommen hat und tot ist.

Interview: Alexander R. Meyer