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Fack ju Göhte? Entdecke hier eine ganz neue, großartige Dichterin

Karoline von Günderrode ist viel unbekannter als Dichterfürst Goethe – zu Unrecht, wie Regisseurin Elsa-Sophie Jach am Münchner Residenztheater zeigt.

Fack ju Göhte? Residenztheaster München: Werther
Regisseurin Elsa-Sophie JachFoto: Sandra Then
  • Fack ju Göhte? Regisseurin Elsa-Sophie Jach bringt am Residenztheater Johann Wolfgang Goethes „Werther“ auf die Bühne.
  • Das Stück heißt Werther – Ein theatralischer Leichtsinn von Johann Wolfgang Goethe mit Texten von Karoline von Günderrode
  • Die Story des verliebten Selbstmörders ergänzt Jach mit Texten einer vergessenen Dichterin. Im Interview erklärt sie, warum wir Karoline von Günderrode heute für uns entdecken sollten.
  • Premiere ist am 22. Juni.

Elsa-Sophie Jach, Goethe hatte seinen Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ erst als Bühnenstück geplant, das holen Sie jetzt nach – und erweitern den Stoff um Texte von Goethes Zeitgenossin, der Dichterin Karoline von Günderrode, einer frühen Feministin und Kämpferin für Gleichberechtigung. Wozu diese Ergänzung?

Elsa-Sophie Jach: „Dies Zeitalter deucht mir schal und leer,“ schreibt Karoline von Günderrode, „wir sind jetzt in einer Zeit der Ebbe.“ Dieser Satz klingt in unserer Gegenwart nach, doch sie schreibt ihn zu Goethes Zeiten. Der „Werther“ steht für Liebes-Sucht, Todes-Sehnsucht, Sprachwut, er verliert sich in seiner unerfüllten Liebe. Aber uns interessiert nicht nur das Psychogramm eines manisch und tragisch Liebenden. Günderrodes Worte werfen Schlaglichter auf das Bild einer aus der Zeit gefallenen Generation von Fragenden, Sehnsüchtigen, Zweifelnden, die sich weder im aufkeimenden Nationalismus ihrer Zeit noch in der fortschreitenden Rationalisierung und Nutzbarmachung der Welt wiederfinden können. Die nur noch in der Natur und der Poesie eine Wahrhaftigkeit zu finden glauben. Oder in der Liebe. Aber wo „Werther“ sich verliert, beginnt die Günderrode ihre Suche erst.

Eine tragische Volte ist, dass sich von Günderrode aus Liebeskummer umbrachte – genau wie Werther …

Der „Werther“ löste nach der Veröffentlichung ein regelrechtes „Werther-Fieber“ aus: zahlreiche junge Menschen begingen nach der Lektüre Selbstmord, während sie das Buch bei sich trugen oder sich sogar wie die Romanfigur kleideten. Eine von ihnen war ebendiese Karoline von Günderrode, wie „Werther“ gefangen in einem unglücklichen Liebesdreieck, wie er eine Außenseiterin ihrer Zeit. In ihren Briefen und Gedichten schreibt sie an gegen die unerfüllte Liebe, gegen das Gefühl, von der Gesellschaft an den Rand gedrängt zu werden. Sie schreibt an gegen das Vergessenwerden, das ihr als Autorin droht, und das gleichzeitig durch ihren Selbstmord eingeleitet wird. Hier treffen Fiktion und Realität brutal zusammen.

Goethe schrieb an Karoline von Günderrode: „Diese Gedichte sind eine wirklich seltsame Erscheinung.“ Was meinte er damit?

Vielleicht scheinen sie seltsam, weil sie verstören, statt zu erklären. Sie stoßen im Lesen etwas an. Auch in unserer Arbeit: Weil „Werthers“ angebetete „Lotte“ immer Projektionsfläche bleibt, kaum selber eine Sprache bekommt, war es uns wichtig den Stoff um diese weibliche Stimme zu erweitern. Sie war Goethe vielleicht darin voraus, dass sie Liebe nicht als Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern, als bloßen Spiegel eines männlichen Künstlers ansah („Werther“ ist passenderweise Maler), sondern als lebendigen, tatsächlich stattfindenden Dialog, der sich gerade in den Briefen mit ihren Liebsten – Männern wie Frauen – und in ihren Gedichten an diese als utopischer Versuch vollzieht.

Warum ist Karoline von Günderrode uns heute nicht so ein Begriff wie ihre Zeitgenossin Bettina von Arnim?

Ihre Gedichte sind sinnlich, politisch, unheimlich, alles zugleich. Das wurde Frauen zu ihrer Zeit natürlich nicht zugestanden, weshalb sie auch zunächst unter einem männlichen Pseudonym veröffentlichte: „Tian“. Sie wusste um die Brüchigkeit ihres Versuches des Anschreibens gegen die Wirklichkeit.

Ein Satz von Karoline von Günderrode hat mich nicht wieder losgelassen: „O, welche schwere Verdammnis, die angeschaffenen Flügel nicht bewegen zu können!“

… und dennoch ermutigt es mich, wie sie sich selber auffordert: „Drum wehre nicht solchen Reiz, der Dich zum Schreiben treibt, sondern lerne mit Schmerzen denken …“

Interview: Volker Sievert

Werther – Ein theatralischer Leichtsinn von Johann Wolfgang Goethe mit Texten von Karoline von Günderrode hat am 22. Juni Premiere. Weitere Aufführungen sind am 29. Juni sowie am 19. und 25. Juli.

Karten gibt es hier.

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