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Faking Hitler auf RTL+ – Soft News sind Fake News

Lars Eidinger als Gerd Heidemann in der Serie Faking Hitler
Lars Eidinger als Gerd Heidemann in der Serie „Faking Hitler“.Foto: RTL/Martin Valentin Menke

RTL+ bringt den Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher als Serie mit Lars Eidinger und Moritz Bleibtreu in den Hauptrollen. Doch Faking Hitler (Stream ab sofort auf RTL+) ist mehr als das. Die Serie zeigt einen gesellschaftlichen Umschwung der 1980er.

Der Skandal um die gefälschten Hitlertagebücher, die das Hamburger Magazin Stern 1983 veröffentlichte, wurde von Helmut Dietl mit der Satire „Schtonk“ kongenial verfilmt. Doch während „Schtonk“ 1992 in den Kinos noch voll den gültigen Zeitgeist traf, sind wir heute so weit vom Beginn der Helmut-Kohl-Ära Anfang der 80er-Jahre entfernt, wie man damals vom Nationalsozialismus entfernt war.

Und hier kommt die Serie Faking Hitler ins Spiel; sie muss das politisch-kulturelle Klima dieser Zeit atmen. Und das tut sie. Wenn beim Stern die fast durchweg männlichen Journalisten kettenrauchend in ihre Kugelkopfschreibmaschinen hämmern und sexistische Sprüche wie im Stakkato raushauen, kann eine Jungredakteurin wie Elisabeth Stöckel (Sinje Irslinger) sich wegducken oder aufbegehren. Sie tut letzteres und wird ins Team geholt, das den Schauspieler Horst Tappert die Mitgliedschaft in der Waffen-SS überführen soll. Gleichzeitig wird sie selbst von den Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschland eingeholt: Stöckel findet heraus, dass ihr Vater, der renommierte Jura-Professor Hans Stöckel (Ulrich Tukur), als Teenager in der Waffen-SS war.

Genau das sind die Themen, die den Zeitgeist ausmachten: Abrechnung mit dem Nationalsozialismus einerseits, andererseits noch immer kursierende Verehrung der alten Zeiten in Form der Sammlung von Devotionalien. Der Sternreporter Gerd Heidemann (hervorragend größenwahnsinnig gespielt von Lars Eidinger) zahlt die Schulden für die Restaurierung seiner Yacht ab, die im 3. Reich mal Reichspropaganda-Leiter Joseph Goebbels gehört hatte. Als er zum ersten Mal eines der gefälschten Hitler-Tagebücher zu Gesicht in Händen hält, kriegt Heidemann feuchte Augen. Er möchte wie viele andere Journalisten beim Stern die Geschichte umschreiben, freut sich, wenn im Tagebuch menschlich anmutende Aussagen stehen und erschaudert, wenn er liest, dass Hitler im Vorfeld nichts von den geplanten Novemberpogromen 1938 wusste, bei denen in ganz Deutschland jüdische Geschäfte geplündert und zerstört wurden und die den Wendepunkt hin zur systematischen Vernichtung der Juden durch Deutsche markierten. Mit dem Maler und Kunstfälscher Konrad Kujau kriegt er genau den Partner, der dem Affen Zucker gibt. Moritz Bleibtreu spielt den Plagiator mit seinem Wunsch nach einem besseren Leben für sich und seine beiden Geliebten wunderbar ruhig hinter Schnauzbart und schwäbischem Dialekt.

Das Klima des Übergangs war perfekt für die Fälschung. Eine in ihrer Selbstherrlichkeit sich sonnende Journalistenschar ohne politischen Kompass und nur auf Skandale, Ruhm und Geld ausgerichtet, trifft auf eine Gesellschaft, die die Schlagzeile will und der alten Geschichten über die schlimme Vergangenheit Deutschlands müde ist. Soft News über den Nationalsozialismus aber sind Fake News, in diesem Fall sogar wortwörtlich.

Die Regisseure Wolfgang Groos und Tobi Baumann bringen diesen Stoff in „Faking Hitler“ in jeder Szene unter und machen die Serie auf diese Weise kurzweilig und lehrreich in einem. jw

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