Zum Inhalt springen

Fatih Akin

Fatih Akin ist ein erfolgreicher Regisseur. Er ist Deutscher. Und Türke. Vor allem aber Hamburger. ulysses_BIG sprach mit ihm darüber, wie es ist, ein deutscher Türke in Hamburg zu sein.

_ulysses: Fatih, du hast Hamburg als schönste Stadt der Republik ausgerufen. Wie ist deine emotionale Bindung?

Akin: Ich bin ein Kind der Stadt. Ich weiß, in welche Kneipen ich gehe und in welche nicht, ich kenne die Türsteher von bestimmten Läden und weiß, wo ich umsonst reinkomme. Ich weiß, welche Restaurants gut sind. Das alles ist Teil meiner Biografie, die sich auch in meinen Filmen wiederspiegelt.

_ulysses: Hamburg-Ottensen ist dein Viertel. Ist das auch deine Heimat?

Akin: Auf einen Stadtteil würde ich das nicht reduzieren. Aber es gibt da ein sehr ergiebiges, kreatives Potenzial. Aus dem Dreieck Ottensen, Altona und St. Pauli kommen viele konstruktive Kräfte. Das sind die multikulturellsten Teile der Stadt, die Club- und Kulturszene ist am stärksten ausgeprägt. Ich bewege mich die meiste Zeit dort.

_ulysses: Multikulti als Bedingung?

Akin: Ja. Ich fühle mich wohl, wenn ich ne Pizzeria habe, nen Chinesen, nen Türken und nen Griechen.

_ulysses: Laut CSU-Chef Stoiber ist die Integrationsfähigkeit an vielen Orten an ihre Grenzen gekommen. Was sagst du dazu?

Akin: Deutsche und Ausländer können sich auf eine so wunderbare und fruchtbare Weise ergänzen, wenn man sich gegenseitig die Ängste wegnimmt. Ich weiß nicht, was Nationalität im Jahr 2004 noch für eine Bedeutung haben soll. 50 Prozent der Menschen leben nicht da, wo sie geboren sind. Es ist ein großer Traum, dass es irgenwann keine Nationen mehr gibt, sondern ein großes Land, wo alle glücklich sind: ein Weltland.

_ulysses: Trotzdem stehen immer noch Omas neben älteren Türken und starren sie an wie Außeridische …

Akin: Vielleicht wird es solche Strömungen immer geben. Vielleicht steckt das in den Menschen. Man mag nicht dran glauben, will das nicht wahrhaben. Man hat das Ideal, das es nicht so ist und dass die ganze Welt wie Ottensen, Altona und St. Pauli sein kann oder wie Kreuzberg. Wie toll wär’ das! Jedem würde es gut gehen.

_ulysses: Mädchen haben in einer türkischen Familie wenig Freiheiten. Wie war das für dich als Junge?

Akin: Ich hätte um mehr Dinge kämpfen müssen, wenn ich ein Mädchen geworden wäre. Ich hatte Eltern, die aus einem Schutzinstinkt heraus streng waren: Bloß, dass unser Sohn nicht in den Knast kommt, kein Krimineller, Junkie oder dumm wird. Das waren ihre Ängste. Dementsprechend gab’s auch strenge Vorschriften. Die Religion hätte ich auch nie wechseln können – das wäre wahrscheinlich nicht gut ausgegangen.

_ulysses: Zu traditionell waren deine Eltern nicht?

Akin: Nein. Man darf aber auch nicht vergessen, dass sie nicht in diesem Land geboren sind und eine ganz andere Sozialisation erfahren haben als ich. Daher kann ich viele Dinge jetzt verstehen, die ich mit 16 nicht verstanden habe.

_ulysses: Was bedeutet dir Tradition?

Akin: Da gehöre ich zu den Realos. Es gibt vieles, was ich ganz toll finde, und es gibt vieles, was ich weniger gut finde. Ich erwarte von keinem, die Tradition aufzugeben. Es wäre toll, wenn Tradition konstruktiver wäre, aber wenn sie destruktive Formen annimmt, wehre ich mich dagegen.

_ulysses: Gibt es einen Konflikt zwischen der ersten und zweiten türkischen Einwanderergeneration?

Akin: Sicher. Aber Kinder der 68er-Bewegung haben auch Probleme mit den Idealen ihrer Eltern gehabt. Und die haben wahrscheinlich wiederum Probleme mit ihren Eltern gehabt. Jeder Generationswechsel beinhaltet Widersprüche und Kämpfe.

_ulysses: Junge Türken scheinen zerrissen zu sein – gefangen zwischen deutscher und türkischer Kultur.

Akin: Glaube ich nicht. Das ist für Männer aber auch anders als für Frauen. Wenn konservative Eltern sagen: Kein Sex vor der Ehe, dann empfinden türkische Frauen Zerrisssenheit. Aber sie akzeptieren es. Im Großen und Ganzen habe ich das Gefühl, dass meine Generation sich nicht zwischen den Kulturen fühlt, sondern mit den Kulturen. Dafür muss man aber auch ein bisschen aufgeweckt sein. Je weniger Druck eine Gesellschaft ausübt, desto freier ist diese Gesellschaft auch. Davon bin ich überzeugt.

Interview: Volker Sievert