Feline Lang Feline & Strange
Feline LangFoto: Jörg Merlin Noack

#KulturTrotztCorona | Feline & Strange Berlin

Feline Lang: „Kunst sei nicht systemrelevant, ist ein großer Irrtum!“

Feline Lang ist Sängerin, Pianistin und Producerin der Berliner Wave-Cabaret-Band Feline & Strange. Ihr sechstes Album „Trigger Warning“ ist gerade erst erschienen.

„Das erste, was ich heute morgen las, war ein Zitat von Bundeskanzlerin Merkel. (Edit: heute übrigens dementiert, und bei Reuters und FAZ gelöscht. Seit wann sind die so unzuverlässig? An der Aussage ändert das aber NICHTS. Also:)
Laut der Presseagentur Reuters hieß es bei der gestrigen Sitzung zur Vorbereitung des EU-Gipfels: „Deshalb solle sich die Bundesregierung auf zentrale Bereiche der Wirtschaft konzentrieren, statt immer neue Versprechen zu machen. Wenn etwa auch Künstler mit Steuergeld gerettet werden sollten, werde man dies in Spanien und Italien vermerken und darauf verweisen, dass Deutschland offensichtlich über genug Geld verfüge.“

Im Klartext, Künstler gehören nicht zu den zentralen Bereichen.
Eine Meinung, die die Richtung vorgibt, in der die wichtigste und reichste Volkswirtschaft der EU im Gespräch mit allen anderen Mitgliedsstaaten argumentieren soll. Und nein, es geht nicht um Künstler. Es geht um Eurobonds. Aber „die Künstler“ werden hier im Nebensatz als einfacher Buhmann mißbraucht.

Nein, ich bin nicht angepißt. Nicht mal überrascht. Aber ich fühle mich diskriminiert. Das ist neu.

Ich hätte selbst nie damit gerechnet, daß so ein Satz mich so hart trifft. Trotz all der gehässigen Diskussionen unter jedem Artikel zum Thema in den letzten Wochen.

Denn ich habe schon lange gelernt, damit zu leben, daß mein Beruf belächelt, verachtet und verspottet wird.
Ich komme aus einer Musikerfamilie, meine Eltern und ich haben unser Leben lang ausschließlich von Musik gelebt und von Kindheit an mehrere Stunden am Tag allein mit Üben verbracht. Nicht weil uns das Üben selbst Spaß gemacht hätte – manchmal tut´s das, aber wer sagt, Üben ist immer toll, lügt – sondern weil wir besser werden wollten. Gut genug, damit wir anderen unsere Musik verkaufen können, ohne ein allzu schlechtes Gewissen zu haben. Und mit diesem schlechten Gewissen leben wir permanent, denn es gibt keinen Maßstab für Kunst, außer, ob sie jemand kauft. Aber wer bezahlt schon für Kunst? Musik, Performance, Tanz, alles, was man nicht zur Wertsteigerung in den Tresor legen kann? Also fühlen wir uns mies, wenn wir Eintritt fordern, um Patreons bitten, unsere Werke nicht komplett kostenlos ins Netz stellen. Denn wir machen doch bloß Spaß. Und jede beiläufige Bemerkung der genannten Art verstärkt dieses Gefühl. Gehe ich hier bloß meiner eigenen Leidenschaft nach? Ich tue doch, was ich will, den Streß dahinter sieht ja keiner, also wer bin ich denn, um dafür um Geld zu bitten?
Ich habe gelernt, damit zu leben, wenn mir jemand sagt, ach, ich könnte das doch auch mal machen, und nicht zu antworten: Dann üb. Und promote. Und frag in zehn Jahren nochmal.

Wir haben darüber hinaus die meiste Lebenszeit mit ermüdender Promotion, Administration und sinnlos komplizierten Steuererklärungen verbracht, wie alle Selbständigen, und doch haben wir alle immer wieder gehört: „Was machen Sie denn eigentlich beruflich?“
Ich habe gelernt, damit zu leben, daß die Musik als letztes bezahlt wird. Zuerst die Miete und die Steuern, dann das Barpersonal, zum Mindestlohn oder mehr. Und von dem Geld, das das Publikum an der Bar gelassen hat, bekommen wir nichts. Nur einen Anteil vom Eintritt. Vielleicht sind das mal nur 5 Euro pro Abend. Das ist normal. Damit leben wir alle.
Ich habe gelernt, nicht auf Förderung oder staatliche Unterstützung zu vertrauen. Nicht einmal schon zugesagte. Obwohl ich einiges an Förderungen bekommen habe. Und ich heilfroh bin, daß es die Künstlersozialkasse gibt.
Also habe ich viel Zeit von meiner Musikkarierre abgezwackt, obwohl ich eine Frau bin und mit 23 das erste Mal gehört habe, ich sei zu alt als Berufsanfängerin, und mir ein Standbein aufgebaut. Wie alle anderen auch. Der sogenannte Day-Job. Viele von uns unterrichten. Manche kellnern. Ganz Große wie Rihanna und Pharell Williams haben Bekleidungsfirmen. Nur von Musik LEBEN kann niemand. Dafür gab es früher Subventionen durch Kirche oder Adel, heute durch den Staat oder Werbekunden.
Dummerweise sind die meisten dieser Standbeine jetzt ebenso weggebrochen wie unser eigentlicher Beruf. Wer von anderen Musikschaffenden lebt, wie ich – sogar die meisten meiner Patreons sind selbst Künstler! -, wer unterrichtet oder aber im Gastronomiesektor tätig ist, sitzt jetzt völlig ohne Einkommen da. Und mit der kommenden Pleitewelle werden es noch mehr. Denn ist Kunst nicht immer das erste, was eingestampft wird? Der Musikunterricht? Die Theatersubventionen? Die Clubförderung?

Und heißt es dann nicht immer, so wie gestern:
Die Kunst fördern? Ja wo kommen wir denn da hin. Das ist doch nicht relevant. Nicht systemrelevant. Ist doch bloß Kunst.

Das ist ein großer Irrtum.

Berlin zum Beispiel lebt von Tourismus. Und die meisten dieser Touristen kommen wegen unserer Theater, unserer Opern, der Galerien, auch wegen der Architektur, sie kommen wegen der Kunst. Denn Deutschland ist doch bekanntlich das Land der Dichter und Denker. Richtig? Aber auch das Easy-Jet-Set, das am Wochenende einfliegt, kein Zimmer braucht und keine Touristensteuer zahlt, aber trotzdem Geld in der Stadt läßt – sie kommen, um in Clubs zu feiern. Dort legen Djs auf. Sie kommen wegen der Kunst. – Und wißt ihr eigentlich, wieviele Arbeitsplätze allein der Musiksektor in Berlin geschaffen hat? Ich weiß es nicht, denn die Daten sind zu unwichtig für eine offizielle Statistik.

Darstellende Kunst IST systemrelevant.
Ohne Kunst würden viele Kommunen über Nacht pleite gehen.
Ohne Kunst würden alle Bundesbürger vor schwarzen Bildschirmen sitzen und unzufrieden ins Leere starren.
Ohne Kunst würden wir uns beim Einkaufen selber reden hören, und wieviel kaufen wir dann wohl noch? Oder durch Werbespots ohne Musik und ohne Schauspieler?
Ohne Kunst würden Webseiten nur aus Text bestehen.
Ohne Kunst können wir keine Verbindung zueinander aufnehmen.

Ich appelliere nicht an die Politik, Künstlern Sonderrechte einzuräumen. Behandelt uns einfach wie alle anderen Dienstleistenden und Firmen auch. Nicht wie Aussätzige.
Ich appelliere auch nicht an Euch da draußen, uns für diesen Stream zu bezahlen. Auch wenn das toll wäre. Denn Ihr hättet zu diesem Zeitpunkt in einer realen Venue nicht nur ein Ticket, sondern auch mindestens ein Getränk an der Bar gekauft. Und ohne meine Patreons hätte ich in den letzten Wochen längst aufgegeben. Aber das war ja immer schon so.

Sondern ich appelliere an Euch, zu widersprechen, wenn jemand im Netz tönt, Kunstschaffende seien Schmarotzer.
Ich appelliere an Euch Musikhörende, darüber nachzudenken, ob ihr diesen Song nicht lieber irgendwo bekommt, wo es den Urhebern auch etwas nutzt, wie bandcamp statt iTunes.
Ich appelliere an Euch alle, zu protestieren, wenn Kunst als irrelevant behandelt wird, oder gar als lästige Schmeißfliege.
Ich appelliere an die Veranstalter, keine freien Karten mehr an Politiker zu verschicken, nicht für Bayreuth, nicht zur Popmesse. Bringt das denn wirklich so viel Presse?
Ich appelliere an die Presse, über Leistungen zu berichten, nicht darüber, wo welcher Nicht-Kunst-Promi sein oder ihr Gesicht hinhält.
Ich appelliere an die Kollegen. Streamt, was das Zeug hält, wenn ihr wollt. Findet neue Fans. Werft Eure Kreativität mit vollen Händen in die Welt. Aber sagt allen, daß das nicht selbstverständlich ist. Wir tun das, weil WIR es brauchen, und wir tun das, weil IHR es braucht.

Wir haben alle schon lange gelernt, damit zu leben, von der Politik mißachtet zu werden. Und auch vom größten Teil der gesamten Gesellschaft.
Wir haben gelernt, damit zu leben, nachts wachzuliegen und uns Sorgen um die Zukunft zu machen.
Wir haben gelernt, mit Depressionen, Impostor Syndrom und Schlimmerem zu leben. Weil wir auf die Bühne gehen und unser Ding machen konnten. Und dabei alles andere plötzlich komplett unwichtig wurde. Denn da ist diese kleine Handvoll Menschen, die uns bitten, weiterzumachen. Die uns auf Patreon oder anderen Supportseiten erwartet haben mit dem Versprechen, für unser nächstes Werk zu bezahlen, egal was es sei. Die uns vertrauen. Und denen wir vertrauen konnten. Die die Verantwortung für unsere Subventionierung vom Staat übernommen haben.

Wir haben gelernt, damit zu leben, täglich viele Male zu hören und zu lesen, daß wir unwichtig seien. Wertlos. Irrelevant.

Vielleicht ist es Zeit, daß wir nicht mehr bereit sind, damit zu leben.“