„Hamburger Aufstand“ von Disarstar: 102 Jahre später

Den „Hamburger Aufstand“ gab es schon einmal vor über 100 Jahren, doch Disarstar ruft ihn auf seinem neuesten Album erneut aus – und zeigt sich dabei neben aller Politizität so persönlich wie selten.
102 Jahre nach dem Hamburger Aufstand um die KPD und Ernst Thälmann probt ein anderer Hamburger den Aufstand: Disarstar veröffentlicht sein achtes Album in Anlehnung an die Revolte von vor über einem Jahrhundert und schließt damit den Kreis zu seinem 2021 veröffentlichten Album „Deutscher Oktober“.
Denn der besagte Hamburger Aufstand ist Teil des Deutschen Oktobers gewesen, mit dem die KPD zu Zeiten der Weimarer Republik einen Umsturz aufziehen wollte. Schon auf „Regenjacke“ aus 2024 hieß es: „Nein, ich meine nicht Hamburg wie Schmidt/Ich rede von Hamburg wie Thälmann“. Und als wäre das eine Prophezeiung für den kommenden Albumtitel, bezieht sich der 31-Jährige nun auf die Geschehnisse vom 22. auf den 23. Oktober 1923. Vor allem Hyperinflation, rechtes Erstarken und soziale Not sind damalige Beweggründe für den Aufstand gewesen, also Faktoren, die Disarstar heute in großen Teilen genauso in seinen Texten behandelt. Seit 15 Jahren veröffentlicht er bereits Musik, seit 15 Jahren nutzt er diese vorrangig dafür, um gesellschaftspolitische Missstände anzuprangern und linke Standpunkte zu vertreten.
Persönlich wie nie zuvor
Das ist selbstverständlich auch auf seinem neuen Album nicht anders: Ganz der Wut von Thälmann & Co. nachkommend, arbeitet sich Disarstar auch dieses Mal wieder an Kapitalismus, Polizeiapparat, Politiker:innen und rechten Strukturen ab. Doch bei all der Wut über die Zustände einer zunehmend verrutschenden Gesellschaft legt „Hamburger Aufstand“ den Fokus so sehr auf ihn selber wie keins seiner Alben zuvor. Auch wenn Gerrit Falius schon immer offen über sein Aufwachsen in prekären Lagen, frühes Ausziehen, Schullaufbahnsorgen und Suchtproblematik gesprochen hat, so schonungslos wie auf dem nun erschienenen Album hat er sich selten präsentiert.
Denn Disarstar ist vergangenes Jahr Vater geworden und hat neben seiner Rapkarriere nun auch noch eine Ausbildung zum Tischler gestartet, sein Leben also quasi mit 30 noch einmal von vorn begonnen. Diese neue Lebensrealität nimmt er zum Anlass, seine eigene Beziehung zu den Eltern und das damit verbundene Aufwachsen noch einmal aufzuarbeiten und in zahlreichen Zeilen zu thematisieren. Seien es die Alkoholprobleme des Vaters, das Bleiben der Mutter trotz kaputter Strukturen und die damit verknüpften Familientraumata – Disarstar reflektiert die vielen toxischen Faktoren seiner Biographie und nimmt sich dem großen Thema des Generationstraumas an. Songs wie „Familienchronik“, „Tochter“ oder „Monumente“ sprechen Bände über einen Menschen, der in drei Jahrzehnten Entwicklungen für zehn gemacht hat und sich mittlerweile genauestens verorten kann.
Dass auf den 14 Songs des Albums trotzdem noch genug Raum für Thälmannsche Gesellschaftsfragen bleibt, steht dabei außer Frage. Egal, ob es um die immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich, scheinbar unaufhaltbare rechte Strömungen, globale Konflikte und die Querverbindungen zwischen all diesen Themenkomplexen geht, Disarstar bleibt wort- und meinungsstark und zeigt, dass auch 102 Jahre später immer noch viele der damaligen Probleme geblieben sind – oder sich höchstens in neuem Gewand kleiden.
Schaut euch hier das Video zu „Tochter“ von Disarstar & Jassin an: