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Hape Kerkeling: „Ach, Sie armer Franke!“

Hape Kerkeling als er selbst in seiner Komödie „Horst Schlämmer sucht das Glück“. Der Film startet in dieser Woche in den Kinos.
Hape Kerkeling als er selbst in seiner Komödie „Horst Schlämmer sucht das Glück“. Der Film startet in dieser Woche in den Kinos. (Foto: Leonine Filmdistribution)

Am Donnerstag startet sein Film „Horst Schlämmer sucht das Glück“ in unseren Kinos. Höchste Zeit, mit Hape Kerkeling zu sprechen, auch wenn man den Film noch nicht gesehen hatte.

Herr Kerkeling, was ist los? Der Film „Horst Schlämmer sucht das Glück“ wird noch immer fertiggestellt. Das war auch beim neuen Stromberg-Film so, als ich mit Ralf Huesmann sprach. Warum haben komische Filme oft die Neigung zum Zu-spät-Kommen?
Hape Kerkeling: Wissen Sie, Humor ist wie ein guter Hefeteig oder ein ordentlicher Sauerbraten: Er muss gehen. Wenn Sie eine Pointe zu früh aus dem Ofen holen, bleibt sie hocken wie ein nasser Sack. Und beim Horst … nun ja, da muss man auch technisch viel nachbessern. Die Schnappatmung im Dolby-Surround-Sound so abzumischen, dass das Kinopublikum nicht kollektiv zum Inhalator greift, das dauert eben seine Zeit! Ralf Husmann und ich, wir sind da wie zwei alte Uhrmacher – nur dass unsere Uhren manchmal rückwärts laufen.

Ihr Held Horst Schlämmer war 2009 das letzte Mal im Kino – mit dem Film „Horst Schlämmer – Isch kandidiere!“. Damals ging der Journalist Schlämmer in die Politik und scheiterte. Jetzt sucht er in Deutschland nach dem Glück. Wird er wieder scheitern?
Kerkeling: Hören Sie mal, Schlämmer und das Glück, das ist wie ein Mops und ein Marathon. Es sieht von weitem ambitioniert aus, aber nach zwei Metern wird gehechelt. Scheitern ist beim Horst ja eigentlich Dauerzustand. Aber das Schöne am Schlämmer ist: Er merkt es gar nicht! Er hält ein grandioses Scheitern für einen Teilerfolg mit Potential nach oben. Er sucht das Glück in Deutschland – wahrscheinlich findet er es am Ende in einer lauwarmen Frikadelle an einer Raststätte bei Castrop-Rauxel. Und ist er damit gescheitert? Für ihn ist das der Gipfel der Glückseligkeit!

Noch mal zu Stromberg und Christioph Maria Herbst, mit dem Sie gemeinsam der FAZ ein Interview gaben. Beide Figuren – Stromberg wie Schlämmer – verlangen einem beim Zuschauen sehr viel ab. Stichwort „Fremdscham“. Und doch scheint mir Horst Schlämmer derjenige zu sein, der mehr auf mich zugeht. Wie sehen Sie das?
Kerkeling: Der Stromberg ist ein chirurgischer Eingriff ohne Betäubung, da zuckt man zusammen. Der Horst hingegen … der Horst ist wie ein Onkel, den man auf der Goldhochzeit am liebsten unter dem Tisch verstecken möchte, der einem aber trotzdem ungefragt den Arm um die Schulter legt und „Schätzelein“ ins Ohr haucht. Er geht auf die Leute zu, das stimmt – meistens jedoch über die Distanzzone hinaus, die das Grundgesetz vorsieht. Er ist eine „Distanz-Unterschreitungs-Maschine“. Das macht ihn nahbarer, aber auch geruchsintensiver.

Ist es die rheinische Natur des Grevenbroichers, das Ranschmeißerische, das mich dann doch wieder etwas mit Horst Schlämmer versöhnt? Ich als eher nüchtern-verschlossener Franke tue mich schwer, das richtig einzuschätzen.
Kerkeling Ach, Sie armer Franke! Ich verstehe das. Für Sie ist ein „Guten Tag“ ja schon fast eine Liebeserklärung. Der Rheinländer an sich – und der Grevenbroicher im Speziellen – nutzt Körperkontakt als Satzzeichen. Das „Ranschmeißerische“ ist beim Horst eigentlich nur der verzweifelte Versuch, Schwerkraft und Gleichgewicht zu halten. Lassen Sie sich drauf ein! Es ist wie bei einer kalten Dusche: Am Anfang schüttelt es einen, aber wenn man den Schock überwunden hat, fühlt man sich irgendwie … lebendig. Oder zumindest froh, dass es vorbei ist.

Die Unzufriedenheit in unserer Gesellschaft nimmt immer mehr zu, aber das allein ist nicht das Problem: Die politische Mitte verliert seit langem ihre Bindungskraft, und vor allem die extremistische Rechte wird immer stärker, nicht nur bei den Wahlen, auch auf der Straße. Sie haben sich dazu immer wieder positioniert. Greifen Sie das Thema auch im neuen Film auf?
Hape Kerkeling: Wissen Sie, der Horst ist zwar ein politisches Leichtgewicht mit dem Tiefgang einer Untertasse, aber er spiegelt natürlich den Wahnsinn wider. Wenn die Ränder lauter werden, muss die Mitte vielleicht mal herzhaft lachen, um nicht vor Angst zu erstarren. Im Film thematisieren wir das Glück in Zeiten der Unzufriedenheit. Wenn alle nur noch wütend sind, ist die Suche nach dem Glück ja fast schon ein revolutionärer Akt. Horst macht das auf seine Weise: Er kandidiert vielleicht nicht mehr, aber er „ischiert“ sich so durch die gesellschaftlichen Gräben.

Hape Kerkeling ist Horst Schlämmern. Sein Film „Horst Schlämmer sucht das Glück“ startet in dieser Woche in den Kinos.
Rudi, Stammgast 1 (Peter Trabner), Horst Schlämmer (Hape Kerkeling), Günni (Norbert Heisterkamp). Die Komödie „Horst Schlämmer sucht das Glück“ startet in dieser Woche in den Kinos. Foto: Foto: Leonine Filmdistribution

Hape Kerkeling: „Der Hape, der joot aussieht“

Schon 2017 sind Sie von Berlin nach Köln umgezogen, weil Sie das homophobe Klima der Bundeshauptstadt nicht mehr aushielten. Kann man einem solchen Klima überhaupt entfliehen, war es wirklich eins Sache der Stadt?
Hape Kerkeling: Man kann dem Klima nicht komplett entfliehen, das Wetter nimmt man ja im Kopf mit. Aber in Köln ist das „Leben und Leben lassen“ zumindest noch in der Satzung verankert – auch wenn es manchmal nur im Karneval richtig klappt. Berlin war mir zu… sagen wir mal: zu „beton-hart“ in der Gesinnung. In Köln ist alles ein bisschen schunkeliger. Da ist man als homosexueller Künstler nicht „der Andere“, sondern einfach nur „der Hape, der joot aussieht“. Das tut der Seele gut.

Können humoristische Filme Menschen ändern?
Hape Kerkeling: Ändern vielleicht nicht, aber sie können Sie für 90 Minuten „ent-panzern“. Und wer einmal gelacht hat, kann danach nicht mehr ganz so verbissen hassen. Das ist doch schon mal was, oder?

Welche Filme schauen Sie persönlich lieber: Komödien oder Dramen?
Kerkeling: Ich liebe das Drama, wenn es im Gewand einer Komödie daherkommt. Das Leben ist sowieso ein Drama, da muss ich mir das nicht auch noch im Kino in voller Länge ansehen, ohne dass zwischendurch mal einer stolpert oder eine unpassende Bemerkung macht. Also: Die Komödie mit Tiefgang – das ist mein Revier!

Interview: Jürgen Wittner

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