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Harry Crews: Forever, Florida

Schweiß dringt aus Körperfalten, verfilzte Achselhaare lugen aus löchrigen Mänteln und der Geruch vollgepisster Unterwäsche hängt säuerlich in der Luft. Willkommen in „Forever and Forever“! Der Rentner-Trailerpark in South Florida ist die Endstation für etwa zweihundert White-Trash-Oldies, denen nicht mehr geblieben ist, als mit Sportpistolen in den Sumpf zu ballern und zusammen mit ihren Partnern dem baldigen Tod entgegen zu pupsen. Nach sechzig Ehejahren hat man nun mal mehr Spaß an einem kleinen Plausch über den Morgenschiss als an dem Gedanken, vielleicht doch noch mal mit den schrumpeligen Geschlechtsteilen rumzufeudeln. Nur Stump, der Besitzer des Parks, der sich einst nach einem Unfall selbst einen Arm mit dem Schweinehodenmesser abgetrennt hatte, hat sich den Jackpot geangelt: Die arschjunge Susanna „Too Much“ ist auf der Durchreise hier gestrandet und findet Gefallen daran, regelmäßig seinen Armstumpf zu reiten. Und „Too Much“ juckts bald nach mehr. Selbstlos setzt sie die Säfte ihres prallen Körpers ein, um nach und nach einige Bewohner aus der zahnlosen Lethargie zu führen. Bald erblüht die Idee, ein gemeinsames Fest rund um einen Maibaum zu organisieren, was für die Bewohner des Parks endgültig zum Start in einen zweiten Frühling werden soll. Doch „Too Muchs“ Plan, die Leitung von „Forever and Forever“ zu übernehmen und den Trailerpark nach und nach in einen besseren Ort zu verwandeln, verlangt auch nach Opfern … Harry Crews, der hierzulande leider fast unbekannte „Hieronymus Bosch of Southern Gothic“, schuf mit seinem letzten Buch 1998 eine ätzend bizarre Parabel auf gesellschaftliche Norm- und Moralvorstellungen. Seine hippiehafte Groteske will der älter werdenden Gesellschaft, die nicht vom Jugendwahn lassen kann, noch mal kräftig ins Gesicht rotzen. Das gelingt so atemlos eindrucksvoll, dass man nach dem Buch sofort duschen will und Florida endgültig von seiner Urlaubsliste streicht.

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