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Hasan Hadi: „Nichts am Krieg ist gut, nur sein Ende“

Regisseur Hasan Hadi bringt mit „Ein Kuchen für den Präsidenten“ ein Drama in die Kinos, das im Irak Anfang der 1990er spielt. Das war auch die Zeit von Hadis Kindheit.
Regisseur Hasan Hadi bringt mit „Ein Kuchen für den Präsidenten“ ein Drama in die Kinos, das im Irak Anfang der 1990er spielt. Das war auch die Zeit von Hadis Kindheit. (© Vuelta Entertainment)

Regisseur Hasan Hadi schaut in „Ein Kuchen für den Präsidenten“ mit den Augen von Kindern auf einen vom Krieg zerrütteten Irak Anfang der 1990er Jahre. kulturnews sprach mit ihm über Kindheit in Zeiten des Terrors, aber auch über das Filmedrehen heute im Irak.

Hasan Hadi, Sie haben mit „Ein Kuchen für den Präsidenten“ einen Film gedreht, der im Irak spielt, als Irak 1991 Kuweit überfallen hatte und deshalb neben den USA, Israel und Iran zum ersten Mal auch von anderen arabischen Staaten angegriffen wurde. Wie erlebten Sie den Krieg? Sie waren damals Kind.
Hasan Hadi: Ich habe mich unter der Treppe versteckt, bin aus der Stadt in die Dörfer geflohen und bin anstelle des Weckers vom Luftalarm geweckt worden. Meine Kindheit war voller Momente des Schreckens und der Gefahr. Es ging ums Überleben. In Kriegen entwickelt man ein viel besseres Gehör, auch das Sehvermögen verbessert sich. Man kann Gefahren erkennen, bevor man ihnen zu nahe kommt. Hinzu kam das Gefühl, dass die ganze Welt gegen uns war. Wir wurden kollektiv durch Sanktionen bestraft, die normalen Irakern den Zugang zu lebensnotwendigen Lebensmitteln und Medikamenten verwehrten. Ich habe diese Sanktionen selbst erfahren und habe gesehen, wie sie die Seelen der Menschen erfassen, sie veränderten und ihre Herzen verhärten. Nichts am Krieg ist gut, nur sein Ende.

Dem Film merkt man den Krieg ständig an – Militärjets brettern über die Szenerie, in der Stadt Basra treiben Inflation und Nahrungsknappheit die Menschen zu Diebstahl und Raub, aber auch in die Prostitution. Dass Saddam Hussein gleichzeitig groß gefeiert wird, macht den Film oft zur Satire. Kann manchmal nur noch Lachen helfen?
Hadi: Für mich hat Lachen die unbestreitbare Kraft, die Seele zu heilen und Menschen zu helfen, ihre Tragödien und Schmerzen zu überwinden. Lachen verspottet den Schmerz. Es gibt einen Hoffnungsschimmer. Wir haben ein arabisches Sprichwort, das besagt: „Wie eng wäre das Leben, gäbe es nicht den Raum der Hoffnung“, und Humor gibt uns diese Hoffnung. Lachen ist ein mächtiges Werkzeug. Es heilt die Seele, verscheucht den Diktator. Es kommt nur darauf an, wer lacht.

Wie sind Ihre Erinnerungen an Ihre Kindheit in den mesopotamischen Sümpfen, in denen auch der Film spielt? Brachte der ländliche Raum Distanz?
Ich komme aus einer Gegend in der Nähe der Sümpfe, bin aber nicht direkt in den Sümpfen aufgewachsen. Aber ich erinnere mich an meinen ersten Besuch in den Sümpfen, da war ich noch ein Kind. Es ist ein Ort, an dem Menschen ihre Häuser mitten im Wasser gebaut haben, Häuser aus Schilf. Boote sind ihr einziges Transportmittel, Büffel werden als Haustiere gehalten. Wie würden Sie diesen Ort beschreiben? Vielleicht als magischen Ort? Vielleicht mythisch oder sogar biblisch. Alles und jeder befanden sich in Harmonie miteinander wie eine Symphonie. Die Menschen lebten friedlich mit der Natur und den Tieren zusammen. Es war, als würde man den Himmel erblicken.

Die 12-jährige Lamia muss im Film zum Geburtstag des Präsidenten Saddam Hussein einen Kuchen backen: Inflation und Nahrungsknappheit machen daraus ein unmögliches Unterfangen. Wie gut konnten Kinder damals in ihrem Innern eine heile Welt bewahren, obwohl die äußere Welt schon lange zerbrach?
Hadi: In einer Zeit, in der die Gesellschaft dich wie einen Erwachsenen behandelt, war es fast unmöglich, diese Unschuld zu bewahren. Ich würde sogar sagen, dass die Kinder im Film Erwachsene und die Erwachsenen Kinder sind. Es ist der erwachsene Präsident, der den Kuchen will, und es sind die Kinder, die die Verantwortung für das Backen des Kuchens übernehmen. In dieser Zeit war es sogar verpönt, wenn Kinder nicht die Schule abbrachen, um ihren Eltern zu helfen und Essen auf den Tisch zu bringen. Damals wurden alle Vorstellungen von Kindheit und Unschuld völlig umgeworfen.

Sie haben fast durchweg mit Laienschauspielern gedreht, auch die beiden Kinder Baneen Ahmed Nayyef und Sajad Mohamad Qasem standen vorher nie vor der Kamera. Wie kriegt man eine filmische Handlung hin, wenn die Dialoge vorher nicht geprobt werden, wie sie in einem anderen Interview sagten?
Hadi: Ein kleiner Teil davon war improvisiert. Allerdings lernten sie die Texte erst am Tag der Dreharbeiten oder einen Tag davor auswendig. Dann rezitierten sie sie, ohne zu schauspielern. Es war mir wichtig, dass sie die Bedeutung des Dialogs und der Szene verstanden. Sobald sie das verstanden hatten, habe ich ihnen einen gewissen Spielraum zum Improvisieren gegeben, damit sie sich auf den emotionalen Bogen der Szene konzentrieren konnten und sich von der Verantwortung befreit fühlten, auswendig gelernten Text vortragen zu müssen. Improvisation ist dann effektiv, wenn sie aus einem emotionalen Zustand heraus entsteht, der mit dem Verständnis der Szene und der Absicht der Figur und des Dialogs im Einklang steht.

Großmutter Bibi und Lamia in den Marschlandschaften im Süden Iraks. Der Film „Ein Kuchen für den Präsidenten“ läuft im Kino.
Großmutter Bibi und Lamia in den Marschlandschaften im Süden Iraks. Der Film „Ein Kuchen für den Präsidenten“ läuft im Kino. Foto: © Vuelta Entertainmen

„Ein Kuchen für den Präsidenten“ ist ihr erster Kinofilm, der gleich zweifach in Cannes ausgezeichnet wurde und viele weitere Preise errang. Welche Themen in Ihrer Heimat wollen Sie nach diesem historischen Thema filmisch angehen?
Hadi: Die Themen, mit denen ich mich als Nächstes beschäftigen möchte, sollen aus meiner Sicht wichtige Fragen aufwerfen werden. Ich glaube, dass gute Kunst das Ergebnis von Fragen und existenziellen Zweifeln ist, die der Künstler zum Zeitpunkt hat, wo das Werk entsteht. Vor diesem Hintergrund möchte ich Themen behandeln, die unser Verständnis von Menschlichkeit herausfordern, die Gesellschaft hinterfragen und auch mich künstlerisch vorantreiben. Letztendlich hoffe ich, Filme zu machen, die als Bild dienen, das heißt, in gewisser Weise als Bild und Spiegel. Filme, die zeitlos sind und Leidenschaft, Ausdruck und subtile Kritik zeigen und so als Dokument dienen.

Sie leben heute in Bagdad. Werden Sie dann thematisch mehr in den gegenwärtigen Irak gehen?
Hadi: Ich möchte mich auf zeitgenössische Themen im Irak konzentrieren. Das erleichtert die Produktion und ist eventuell auch kostengünstiger. Ich habe aber ein Problem mit zeitgenössischen Geschichten: Es kommen kommen iPhones in ihnen vor, und ich verabscheue es, Geschichten mit darin vorkommenden iPhones zu erzählen. Ich habe es versucht, und es hat mir wirklich nicht gefallen. Es funktioniert einfach nicht. Vielleicht muss ich mich ja daran gewöhnen, dass es unvermeidlich ist, Geschichten mit iPhones zu erzählen. Aber vorerst möchte ich es nicht tun. Der Irak ist voller interessanter Geschichten, und ich hoffe, dass ich diesen Geschichten, die ich mit der Welt teile, neue und einzigartige Perspektiven verleihen kann. Das ist mir am wichtigsten.

Großmutter Bibi und Lamia auf dem Weg nach Basra. Der Film „Ein Kuchen für den Präsidenten“ läuft im Kino.
Großmutter Bibi und Lamia auf dem Weg nach Basra. Der Film „Ein Kuchen für den Präsidenten“ läuft im Kino. Foto: © Vuelta Entertainment

Wie bewerten Sie die aktuelle irakische Filmindustrie und wie möchten Sie zu Ihrer Entwicklung beitragen?
Die Filmindustrie befindet sich noch in der Entwicklung und steckt in der Phase des individuellen Ausprobierens. Sie benötigt viel Unterstützung von privater und staatlicher Seite. Die Regierung muss verstehen, dass die Unterstützung von Kunst und Künstlern bedingungslos sein sollte und ohne Einmischung in die kreative Freiheit und den Schaffensprozess der Künstler erfolgen muss. Das wird es unserer Branche ermöglichen, zu wachsen und starke Wurzeln im Land zu schlagen. Ich verstehe jedoch, dass es für staatliche Institutionen und andere Einrichtungen nicht einfach ist, bedingungslose Unterstützung zu leisten. Deshalb bin ich hinsichtlich der Zukunft der Branche im Irak nur bedingt optimistisch. Was mich betrifft: Ich hoffe, durch meine Filme im Irak und die Ausbildung neuer Talente und Crewmitglieder – die neue Fähigkeiten entwickeln und neue Ressourcen erwerben – zur Förderung einer starken Branche im Irak beizutragen. Wir haben mehrere Angebote zur Finanzierung erhalten unter der Bedingung, dass wir diese Filme außerhalb des Irak drehen. Und das Erste, was mir in den Sinn kam, war: Wenn ausländische Filmemacher keine Filme im Irak drehen und irakische Filmemacher ihre Filme nicht im Irak drehen können, wie sollen wir dann eine Branche entwickeln, die internationalen Standards entspricht? Deshalb bin ich das Risiko eingegangen und habe „Ein Kuchen für den Präsidenten“ trotz zahlreicher logistischer, technischer und sogar kreativer Herausforderungen im Irak gedreht. Warum? Weil ich glaube, dass dies der einzige Weg ist, wie wir eine Filmindustrie im Irak entwickeln können.

Was ist Ihre Botschaft: für die irakische Gemeinschaft selbst, aber auch für die internationale Gemeinschaft?
Ich hoffe, dass das Publikum nach dem Ende des Films weiter über die Figuren nachdenkt, die es gerade gesehen hat, und sich fragt: Was wird aus ihnen werden? Werden sie überleben? Und wenn sie überleben: Wie werden sie weiterleben? Das ist das Beste, was ich mir als Filmemacher wünschen kann: Dass mein Film in den Köpfen und Herzen der Menschen weiterlebt.

Interview: Jürgen Wittner

 

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