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Musik

Hoffnung als Akt der Rebellion: Giant Rooks über ihr neues Album

Die Band Giant Rooks stehen im Raum verteilt und schauen in die Kamera.
Giant Rooks kommen mit hoffnungsvollem Sound zurück. (Jakob Furis)

2024 fast durchgehend on tour, 2025 fast komplett offline: Giant Rooks haben sich für ihr neues Album „If Heaven Exists, This Might Be It“ bewusst Zeit genommen  und dabei mit Produzent Jonathan Gilmour eine simple Regel verfolgt: „Alles extremer machen!“ Im Gespräch erzählen Finn Schwieters und Fred Rabe, warum der Albumtitel trotz aller Krisenstimmung ein Statement für Hoffnung ist, wieso sie beim Schreiben schon an die Bühne denken und was sie ihrem jüngeren Ich raten würden.

Eure erste Single „The Future Is Cancelled“ erschien bereits vor einem Jahr. Wie kam es dazu, dass gerade dieser Song der erste Vorbote des Albums wurde?

Fred Rabe: 2024 waren wir fast das ganze Jahr auf Tour. Danach haben wir zum ersten Mal beschlossen, 2025 fast keine Konzerte zu spielen und uns komplett auf neue Musik zu konzentrieren. Für die Produktion habe ich Jonathan Gilmour angeschrieben, dessen Arbeit mit Nothing But Thieves ich großartig fand. Wir schickten ihm unsere Demos und wenige Tage später telefonierten wir. Er war sofort Feuer und Flamme. Die ersten Songs haben wir dann in einem Cottage-Studio auf dem englischen Land aufgenommen. „The Future Is Cancelled“ fühlte sich irgendwann am rundesten an, deshalb wurde er zur ersten Single.

Der Titel „If Heaven Exists, This Might Be It“ klingt im Vergleich zu „The Future Is Cancelled“ fast wie ein Gegenentwurf. Was wollt ihr mit diesem Gedanken ausdrücken?

Finn Schwieters: Wir leben gerade in sehr turbulenten Zeiten. Viele Selbstverständlichkeiten erodieren, und da haben wir uns gefragt: Welche Message wollen wir mit unserem Album in die Welt senden? „The Future Is Cancelled“ passt vielleicht gerade sogar besser zur Zeit. Aber wir wollten einen Titel, der Hoffnung gibt und positiv ist. Auch wenn viel Scheiße passiert und sich die Welt bedrohlich anfühlt, wollen wir an unserer Menschlichkeit festhalten und uns die Freude am Leben nicht nehmen lassen. Für uns ist das auf eine Art ein Akt der Rebellion. Das können Partnerschaften, Freundschaften, Communities oder Konzerte sein. Der Albumtitel ist ein Reminder, diese Momente bewusst wahrzunehmen und nicht einfach an sich vorbeiziehen zu lassen.

Was gibt euch persönlich dieses Gefühl von Freiheit?

Schwieters: Für mich sind es oft Momente mit guten Freunden. Auch die Abende mit unserer Crew nach den Konzerten waren im Sommer unglaublich schön. Oder einfach ein lauer Sommerabend, an dem man um Mitternacht noch draußen sitzt und mit guten Leuten zusammen ist.

Rabe: Bei mir sind es eher diese Flow-Zustände. Wenn ich Musik mache oder ein Buch lese und mich nicht ablenke, sondern komplett in etwas Kreatives eintauche, kann ich manchmal die Welt um mich herum vergessen. Das sind für mich sehr freie Momente.

Denkt ihr beim Schreiben schon an die Bühne? Gerade der Opener des Albums klingt nach einem Song, der live ziemlich groß werden könnte.

Schwieters: Das ist sehr songabhängig. Beim ersten Song hatten wir zunächst die ersten drei Minuten fertig und haben danach ganz viele verschiedene Outros ausprobiert – von sehr rockig bis elektronisch. Irgendwann dachten wir: Was passiert, wenn der Song einfach viel schneller wird? Also haben wir einen Tempowechsel eingebaut. Dadurch bekommt er eine ganz neue Dringlichkeit.

Rabe: Ab da hatten wir tatsächlich schon Bilder im Kopf: Wie könnte das als Musikvideo aussehen? Was verändert sich live im Set, im Licht? Gerade bei musikalisch sehr vielschichtigen Songs denken wir schon beim Schreiben darüber nach, wie sie auf der Bühne funktionieren könnten.

Das neue Album klingt tatsächlich an vielen Stellen sehr cineastisch. Welche Filme haben euch dabei inspiriert?

Rabe: Wir schauen sehr gerne Filme. Ich finde es immer wieder beeindruckend, wie stark ein Film Emotionen auslösen kann, obwohl man genau weiß, dass das alles gerade nicht real ist. Man lässt sich trotzdem komplett darauf ein. Ich glaube, allein eine gute Geschichte kann unglaublich inspirierend sein. Ein Film, der mir im letzten Jahr besonders im Kopf geblieben ist, war „Sentimental Value“. Ich kann gar nicht genau sagen, was davon dann musikalisch in unsere Songs eingeflossen ist. Aber wenn man eine Geschichte sieht oder liest und lange darüber nachdenkt, bleibt immer irgendetwas hängen. Rückblickend ist dieses Album wahrscheinlich tatsächlich das filmischste, das wir bisher gemacht haben. Gerade Songs wie „The Waves“ oder „The Better Life“ könnte ich mir voll gut in einem Film vorstellen.

Auf „The Waves“ ist erstmals ein Featuregast bei einem Giant-Rooks-Song zu hören. Wie kam die Zusammenarbeit mit Solann zustande?

Rabe: Das ist eigentlich durch Zufall entstanden. Ich war in Paris bei einem Konzert von Patrick Watson, bei dem auch Solann aufgetreten ist. Ich kannte sie vorher nicht und fand ihre Stimme sofort großartig. Danach habe ich ihr auf Instagram geschrieben. Dabei stellte sich heraus, dass sie selbst Fan von uns ist. Wir haben ihr dann die Demo von „The Waves“ geschickt und gefragt, ob sie mitsingen möchte. Innerhalb weniger Stunden hat sie geantwortet und direkt zugesagt. Daraus ist mittlerweile sogar eine gute Freundschaft entstanden. Ich war im Sommer noch einmal in Marseille, wo sie lebt, und wir haben viel Zeit miteinander verbracht. Für uns und das Album war es ein großes Geschenk, sie dabeizuhaben.

Ihr habt im Studio mit eurem Produzenten Jonathan Gilmour offenbar eine neue Arbeitsweise ausprobiert. Was habt ihr dabei gelernt?

Rabe: Er hat uns ganz am Anfang gesagt: „Versucht, alles extremer zu machen.“ Jede Entscheidung, die wir treffen, sollte radikaler sein. Das fanden wir unglaublich inspirierend. Wir haben uns das zu Herzen genommen und dadurch sind Songs entstanden, die viel extremer sind als das, was wir vorher gemacht haben. „Blood on the Dashboard“ ist sehr intensiv und schneller, als wir den Song ursprünglich geschrieben hätten. Bei „The Big Night Out“ geht es ins komplette Gegenteil: Der Song ist auf eine Akustikgitarre reduziert. Diese Zusammenarbeit hat uns viel über Songwriting und Produktion beigebracht. Vor allem haben wir gelernt, Entscheidungen nicht aus Gewohnheit zu treffen, sondern uns immer zu fragen: Was passiert, wenn wir genau das Gegenteil machen?

Ihr macht schon lange gemeinsam Musik. Gibt es trotzdem noch Momente, in denen ihr merkt: Da haben wir uns wirklich weiterentwickelt?

Rabe: Ich glaube, man lernt beim Musik machen nie aus. Man versucht immer, besser am eigenen Instrument und im Songwriting zu werden. Ich hoffe sogar, dass man nie an einen Punkt kommt, an dem man denkt: Jetzt bin ich richtig gut. Dieser Drang, es noch einmal besser zu machen, hält es spannend.

Wenn ihr eurem jüngeren Ich heute einen Rat geben könntet – welcher wäre es?

Schwieters: Viele Dinge, über die ich mir heute Sorgen mache, sind ein Jahr später fast komplett verschwunden. Als ich Anfang zwanzig war, habe ich mir deutlich mehr Sorgen über alles Mögliche gemacht. Auch als Band haben wir heute mehr Gelassenheit und Vertrauen in unsere Fähigkeiten. Früher haben wir zum Beispiel wochenlang vor einer Tour geprobt und trotzdem ständig gedacht: Es reicht nicht. Heute ist es eher: Wir werden das schon hinkriegen. Ich glaube, das ist etwas, das ich meinem jüngeren Ich gerne mitgeben würde: Nicht alles, was sich gerade riesig anfühlt, wird auch riesig bleiben.

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