MUSIK

Duett mit der Zahnbürste

Hubert von Goisern 2020 Zeiten und Zeichen
Stefan Wascher

Hubert, du hast beim Schreiben deines Romans „flüchtig“ für eine längere Zeit keine Musik gemacht. Wie war das?

Hubert von Goisern: Im ersten halben Jahr des Schreibens, als ich noch nicht den nötigen inneren Druck aufgebaut hatte, habe ich meinen Gedanken noch freien Lauf gegeben. Immer, wenn nichts hergekommen ist, habe ich, anstatt weiter über meine Figuren nachzudenken, die Gitarre, die Trompeter oder die Flöte genommen oder am Klavier vor mich hingespielt. Irgendwann habe ich mir dieses Ventil versagt.

Das war dann aber ein harter Griff. Immerhin sagst du von dir, dass du durchtränkt bis von Musik.

Hubert von Goisern: Wenn ich kreativ sein möchte, ist es oft so, dass die Kreativität in Form von Musik rauskommt. Meist ist das nicht schlimm – wie jetzt, wo ich Interviews gebe. Aber wenn ich schreiben will, und das Ventil heißt Musik, dann muss ich das abdrehen, damit beim Literaturventil was rauskommt.

Hast du wirklich immer und überall einen Soundtrack im Ohr zu dem, was du gerade siehst? Wie muss ich mir das vorstellen?

Hubert von Goisern: Wenn du’s nicht selber hast, kannst du’s dir nicht vorstellen. Aber stell dir halt vor, du hast nen Stöpsel im Ohr und es läuft die ganze Zeit eine Musik, die du dir wünschst. Es ist nie was dabei, das du nicht magst. Manchmal – jeder kennt das – ist ein Ohrwurm dabei. Das ist dann auch mal etwas, das ich nicht zwei Stunden lang hören möchte. Wenn ich nicht gerade spreche oder andere Eindrücke mich ablenken, habe ich Ohrwürmer nonstop. Ich höre immer etwas, aber es ist etwas, das es nicht gibt oder noch nicht gegeben hat. Die Melodien gehen endlos dahin. Das sind lang hingezogene Melodien, die wie Sinfonien durch den Kopf wabern.

Ist das Musik, die einfach aus dir herausströmt, oder ist sie eine Reaktion auf deine Umwelt?

Hubert von Goisern: Es ist beides. Es gibt ja oft Töne, die du hörst. Oder ein Rhythmus. Der klassische Rhythmus ist der des fahrenden Zugs (macht ihn nach). Oder du fährst in einer Straßenbahn und hörst so einen surrenden Ton, der ich weiß nicht woher kommt, vom Motor oder von den Gleisen. Und dann singe ich zu diesem Ton. Oder die (steigert sich rein) elektrische Zahnbürste! Wenn ich mir die Zähne putze, singe ich mit der Zahnbürste ein Duett, singe was drüber oder drunter und höre mir die Harmonien an. Singe ne Terz dazu, ne große Terz, ne kleine Terz, und finde das alles wahnsinnig spannend. Oder die Glocken läuten und … (reißt sich wieder zusammen) – ja, das geht in einer Tour so dahin! Das ist halt so.

Kamen dir auch Ideen beim Schreiben des Romans?

Hubert von Goisern: Nein, da war ich ganz in der Literatur.

Immerhin! Literatur konnte die Musikproduktion stoppen.

Hubert von Goisern: Literatur ist, wenn sie gut ist, Musik in Worte gefasst.

Über den ungemein wichtigen und politischen Song „Freunde … (das Leben ist lebenswert)“ auf deinem neuen Album haben wir bereits im letzten kulturnews-Interview gesprochen. Lass uns deshalb zu zwei anderen Liedern kommen. Du beschreibst mit „Dunkelrot“ und „Dunkelblau“ zwei Seiten der Liebe: einmal die bedingungslose Liebe, und dann die absolute Negation von Liebe. Hast du beide Lieder gleich als Gegensatzpaar geschrieben? Wie entstanden sie?

Hubert von Goisern: Ich hab die Musik zu „Dunkelblau“ geschrieben und wusste, worüber ich singen möchte. Über die Liebe, über Zweisamkeit, über die Zuneigung. Ich wusste nur das Thema, und die Musik war fertig. Ich bin dann in Klausur gegangen für eine Woche und hab die Texte geschrieben, auch die anderen. In dieser Woche habe ich nichts gemacht als essen, schlafen und schreiben. Dann bin ich nach Hause gekommen, und meine Frau sagte zu mir: Wie ist es dir ergangen? Ich: Super, ich habe alles fertig. Sie: Magst du mir was vorlesen? Ich habe ihr unter anderem den Text zu „Dunkelrot“ vorgelesen. Sie sagte: Wahnsinn, so ein schöner Text! Wie geht die Melodie? Da hab ich ihr das Playback eingeschaltet und den Text dazu gesungen.

Als ich fertig war, hat sie gesagt: Das ist so schade! So ein schöner Text und so eine düstere, traurige Melodie. Und sie sagt nie was, sie sagt normalerweise nie was! Sie kommentiert meine Arbeit einfach nicht, weil sie weiß, ich bin da in meiner Welt drinnen. Aber nachdem sie das gesagt hat! Wenn Hildegard mal was sagt, dann nehm ich das jetzt schon ernst. Ich hab nachgedacht, mich hingesetzt und innerhalb von zwei Stunden eine andere Melodie geschrieben, und das war dann „Dunkelrot“, wie man es jetzt hört. Dann hatte ich aber noch diese Melodie, die keinen Text mehr hatte. Dann habe ich den „Dunkelrot“-Text einfach ins Negative gedreht und gesagt: Das ist einfach die dunkle Seite des Mondes.

Was hat es mit dem Song „Eisbär“ auf sich, der keinen Fleischersatz fressen will? Möchtest du mit hier ausdrücken, dass man manche Menschen in Zeiten von Klimakatastrophe und Massentierhaltung nicht ändern kann?

Hubert von Goisern: Da sind zwei Geschichten drin. Da ist einmal die Klimaerwärmung drin, die das Habitat des Eisbären schmelzen lässt, seine Nahrungskette zerstört und ein Überleben immer schwieriger macht. Auf der anderen Seite ist es unsere Verniedlichung und Vermenschlichung der Tierwelt. Ich habe Menschen kennengelernt, die leider Hunde und Katzen haben und seit Jahren versuchen, diese Tiere zu veganer Ernährung zu zwingen. Das ist einfach krank!

Ein Eisbär braucht sein Futter so, wie er’s g’wohnt ist. Es wird sein Überleben nicht sichern, wenn wir ihm Mangos oder Fleischersatz anbieten. Diese Welt ist sehr bunt und zur gleichen Zeit sehr gefährlich. Nicht nur, weil dir ein Baum auf den Kopf fallen kann, sondern auch, weil der Mensch als Gesamtheit ein Raubtier ist, ein sehr ressourcenverbrauchender Charakter. Das alles ist in dieser Geschichte auf sehr lustige und humorvolle Weise verpackt, aber eigentlich ist damit nicht zu spaßen, weder mit dem Eisbären noch mit dem Klimawandel.

Mit „Novemberpferde“ ist dir meiner Meinung nach ein sehr optimistischer Song gelungen. Aber wieso der Titel? In meinem Kosmos stehen Pferde im November oft im Nebel.

Hubert von Goisern: Sie stehn am See und träumen herbei den ersten Schnee. Wenn du das positiv siehst, ist das sehr gut, aber im Grunde genommen ist es eine Auslöschung der Welt, die sie erträumen, und erst dann kann etwas Neues beginnen.

Auslöschung der Welt: Für mich war das lediglich der kommende Winter …

Hubert von Goisern: Ich habe den Text irgendwann zwischen November und Januar geschrieben. Und dann kam Corona, und als das daherkam, habe ich gedacht, das ist schon irgendwie ein Song, der diese Stimmung wiedergibt. Wo die Welt, wie wir sie kennen, wo schon nicht ausgelöscht, so doch zugedeckt wird. Wir aber haben die Chance, sie uns neu zu erträumen. Natürlich ist das mit Licht verbunden und mit Unschuld, wie alles Neue eben etwas Unschuldiges hat und mit Licht erfüllt ist. Aber es liegt an uns, dass wir diese Unschuld erhalten und uns nicht wieder schuldig machen.

Kommen wir vom Neuanfang zum Einzeller!

Hubert von Goisern: Du meinst den Jodler?

Ja, ich meine den „Jodler für Willi“, den für den Biologen! Die skurrilste Nummer auf dem Album. Ist der Einzeller wirklich nach dir benannt?

Hubert von Goisern: Ja. Der heißt Rigidotrix Goiseri. Und Willi – er ist im März gestorben – Willi Feussner war mein Schwager. Er war ein großer, international anerkannter Forscher. Als ich nach Mali ging, um beim dortigen Festival au Desert zu spielen, hat er mich gebeten, eine Bodenprobe mitzubringen. Er warnte mich auch: Du musst aufpassen, man darf eigentlich kein Erdreich importieren. Dann hat er gesagt, wie viel er braucht und dass ich es in ein Plastiksackerl geben soll und das dann in einen schmutzigen Socken reinstecken, weil dort die Chance, dass es gefunden wird, am geringsten ist.

So hab ich die Erdprobe von einer Insel im Niger bei Bamako rübergebracht. Ein halbes Jahr später hat er gesagt: Hey, ich hab da einen Einzeller gefunden, der noch nicht entdeckt ist. Er ist ein sogenanntes Flagship, also keine Abart eines anderen Einzellers, sondern ganz besonders unique. Ich hab ihm geantwortet: Nenn ihn Kohler, das ist auch ein Jodler, den ich dort in der Wüste gesungen habe und der mir damals am Herzen lag. Darauf er nur: So ein Blödsinn! Und hat mir irgendwann die Unterlagen geschickt, wo drin steht, dass er ihn Rigidotrix Goiseri genannt hat. „Jodler für Willi“ auf dem Album ist meine Geste für ihn, mein Zurückgeben.

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