URBANE KULTUR

Idil Baydar: Persönliche Daten der Kabarettistin von Polizeirechner abgerufen

Idil Nuna Baydar
Idil BaydarFoto: Cengiz Karahan

Dass die Kabarettistin Idil Baydar Morddrohungen von rechtsradikaler Seite ausgesetzt ist, ist keine Neuigkeit. Erst im November 2019 musste Baydar bei der Möllner Rede im Exil unter Polizeischutz auftreten.

Idil Baydar: 2019 Möllner Rede im Exil

Die Möllner Rede ist eine jährlich stattfindende Gedenkveranstaltung in Erinnerung an den rassistisch motivierten Brandanschlag vom 23. November 1992 in Mölln. Damals wurden die beiden Mädchen Yeliz Arslan und Ayşe Yılmaz ermordet sowie ihre Großmutter Bahide Arslan, die vorher noch dem siebenjährigen Ibrahim Arslan das Leben rettete, weil sie ihn in feuchte Tücher gewickelt hatte. Die Möllner Rede im Exil findet seit 2013 außerhalb Möllns statt, weil Familie Arslan die Perspektive der Opfer bei den Möllner Gedenkveranstaltungen nicht gewahrt sieht. Hier das Video zur Möllner Rede 2019.

Idil Baydar wird, wie die Frankfurter Rundschau weiter berichtet, seit Monaten „mit Schmäh- und Drohschreiben überzogen“. Dass Daten ihres Privatlebens – wie schon die der Frankfurter Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz und der hessischen Linken-Fraktionsvorsitzenden Janine Wissler – von hessischen Polizeicomputern aus abgerufen werden, ist jedoch neu. Auch Basay-Yildiz und Janine Wissler wurden immer wieder bedroht. Die Staatsanwaltschaft geht von einem Zusammenhang zwischen dem Abruf der Daten und den Bedrohungen aus. Die Drohschreiben gegen Basay-Yildiz und Wissler waren mit „NSU 2.0“ unterzeichnet, die gegen Idil Baydar mit „SS-Obersturmbannführer“.

Idil Baydar: Hessens Landespolizeichef Udo Münch zurückgetreten

Inzwischen überschlagen sich die Ereignisse in Hessen. Nachdem auch das Ausspionieren Idil Baydars bekannt wurde, trat Montagmittag der hessische Landespolizeichef Udo Münch zurück. Damit haben die Polizeiskandale im Bundesland erstmals personelle Konsequenzen. Offensichtlich liegt der Grund des Rücktritts aber in der Bedrohung Janine Wisslers. So soll das hessische Innenministerium zu spät darüber informiert worden sein, dass Daten über die Linken-Fraktionsvorsitzende von Polizeicomputern aus abgerufen worden waren.

Das künstlerische Spektrum Idil Baydars ist breit. Neben ihrem Soloprogramm „Ghettolektuell“ spielt sie seit 2018 am Hamburger Schauspielhaus in Falk Richters Elfriede-Jelinek-Inszenierung „Am Königsweg“ mit. kulturnews sprach damals ausführlich mit Idil Baydar, die ihre furchtlose Rampensau-Mentalität nach eigener Aussage vor allem ihrer Zeit in der Waldorfschule zu verdanken hat. Die Kabarettistin setzt sich privat und in ihrem Bühnenprogramm mit Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und allen Ausformungen rechtsradikalen Gedankenguts auseinander.

Gemeinsam mit dem Kabarettisten Ingmar Stadelmann bestreitet Idil Baydar den Podcast „IIS – Die Idil und Ingmar Show“, der mit dieser Ausgabe Mitte Juni in die Sommerpause ging.