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Glücksfall Leben – Im Park

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Redakteur Falk ist im Park unterwegs

Die Menschen kommen einfach nicht miteinander aus? Blödsinn. Falk Schreiber entwirft eine Utopie der Trägheit.

Ein Mädchen macht Gymnastik, das Mädchen ist, no offence, nicht ganz schlank, es legt seinen leicht pummeligen Körper in die Brücke, es macht einen Kopfstand, es schlägt ein Rad, und das sieht ganz
wunderbar aus.
Ein türkischer Vater spielt mit einem Baby. Das Baby brüllt, der Vater spielt Flugzeug, kurz ist das Baby überwältigt von der Bewegung, es ist still, aber kaum dass der Vater es absetzt, fängt es wieder an zu schreien. Also läuft der Vater hilflos brummend über die Wiese, das Baby gluckst überglücklich.
Ein alter Mann trinkt ein Bier. Und dann trinkt er noch eines.
Eine sehr zarte junge Asiatin sitzt mit zwei Mädchen auf der Wiese. Das Ältere sitzt im Rollstuhl, anscheinend ist sie gelähmt. Die Frau schiebt den Rollstuhl den Hang hinauf, es ist eine Qual, der High-Tech-Rollstuhl tut sich schwer auf Gras.
Ein paar Jungs sind auf einen Baum geklettert. Jetzt sitzen sie in der Krone, begeistert von der eigenen Leistung, aber auch ein bisschen unsicher: Wie kommen sie da wieder runter?
Zwei ältere Frauen knutschen.
Ein orthodoxer Jude wandert über die Wiese, mit fünfköpfiger Kinderschar. Die Kinder wollen ins Wasser, der Vater findet das nicht so toll, argwöhnisch beobachtet er, was da vor sich geht, dann jagen die Kinder jubelnd durch den Teich, die Kleidchen werden nass, das ist nicht okay, aber die Kinder spritzen und planschen und schreien vor Freude. Der Vater lacht.
Der alte Mann trinkt ein drittes Bier.
Ein Mädchen trägt einen scharzen Rock. Sonst nichts, aber sie ist stolz auf ihren Rock, der Rock muss sein.
Ein Betrunkener stolpert über die Wiese. Er schimpft vor sich hin, dann geht er ins Wasser. Er stiefelt in Socken, Schuhen, Hose durch den
knöcheltiefen Teich, den direkten Weg, und am anderen Ufer brabbelt er leise weiter.
Zwei junge Frauen sonnen sich. Sie sind schön, und sie wissen, dass sie schön sind.
Ein Hipsterpärchen sitzt unter einem Baum. Er liest einen Reiseführer, „Visiting Russia“, sie hat ihren Laptop aufgeklappt und versucht verzweifelt, eine Position zu finden, in der die Sonneneinstrahlung zumindest ein paar Konturen auf dem Bildschirm erkennen lässt.
Auf der Freilichtbühne hat die Trommelgruppe ihren Betrieb aufgenommen. Das nervt schon ziemlich.
Ein Brite versucht, ein kleines Kind in die Kunst des Fußballspielens einzuführen. Er rollt ihm den Ball zu, das Kind aber nimmt den Ball in den Arm, dreht sich um und läuft davon. „No! You have to kick it back!“, ruft er verzweifelt, aber wahrscheinlich versteht das Kind gar kein englisch.
Ein paar Skater kiffen.
Eine Frau meint, dass von Bäumen eine ungeheure Energie ausgehen würde. Dann scannt sie den Baum mit ihrem Smartphone, sie scheint eine Baumenergie-App zu haben.
Der alte Mann trinkt noch ein viertes Bier.
Kinder jagen sich johlend über die Wiese. Ein Hund, eine wunderbar zerrupfte Promenadenmischung, hüpft aufgeregt um die Kinder
he­rum.
Und immer so weiter.

Mancher meint, die Menschen kämen einfach nicht miteinander aus. Mancher meint, die Menschen würden sofort aufeinander losgehen, sobald der eine was anderes glaubt als der andere, anders liebt, anders spricht oder anders aussieht. Mancher meint, deswegen wäre es sinnvoll, die Menschen voneinander zu separieren, Grenzzäune hochzuziehen, Kontakte zu verunmöglichen. Wenn man sich die Ereignisse von Silvester in Köln oder vom Karneval der Kulturen in Berlin anschaut, mag man glauben, dass da was dran sein könnte. Aber wenn man sich diesen sommerlichen, trägen Nachmittag so anschaut, die Menschen im alten, unspektakulären Park mitten in der Großstadt, dann kann man sich nicht vorstellen, dass hier irgendwer sich nicht mit seinem Gegenüber arrangieren könnte. Und nicht nur Köln, auch der Park ist ein Teil der Wahrheit, vielleicht der wichtigere. (Falk Schreiber)

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