Regina Schilling: „Ingeborg Bachmann war ihrer Zeit voraus“
Regina Schilling hat mit Sandra Hüller einen tollen Film über die Lyrikerin Ingeborg Bachmann gedreht. Wir sprachen mit der Regisseurin.
Regina Schilling, Sie haben sich mit Ingeborg Bachmann sehr lange und intensiv auseinandergesetzt, das vermittelt Ihr Film „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ sehr eindrücklich. Was hat Ihr nachhaltiges Interesse ausgelöst?
Es ist tatsächlich ihr Werk und hier in erster Linie ihre Prosa. Gefeiert wurde sie ja vor allem als Lyrikerin. Gerade ihr Roman „Malina“ war für mich augenöffnend. Ich hatte mich in meiner Jugend durch den literarischen Kanon, von Camus über Kafka bis Dostojewski gelesen, aber erst durch dieses Buch habe ich erlebt, dass es auch einen weiblichen Blick gibt und hier jemand schreibt, in dessen Literatur ich mich auf besondere Weise wiedererkannt habe. Natürlich hat mich auch ihre Biografie, insbesondere das tragische Ende fasziniert. Aber wie radikal sie bereits in den Sechzigern über den Kampf zwischen Männern und Frauen geschrieben hat, bleibt beeindruckend.
Bachmanns Privatleben, ihre gescheiterten Beziehungen zu den Schriftstellerkollegen Max Frisch und Paul Celan, sind nicht zuletzt durch die umstrittenen Veröffentlichungen der Briefwechsel öffentlich seziert und von Margarethe von Trotta zu dem Biopic „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“ verarbeitet worden. Sie hingegen halten sich bei diesen Aspekten in Bachmanns Leben auffallend zurück.
Das war eine bewusste Entscheidung. Ich hatte mir vorgenommen, das Werk von Ingeborg Bachmann sprechen und leuchten zu lassen. Ich möchte, dass die Menschen sie als Schriftstellerin wiederentdecken und nicht allein als schwierige, verschrobene Autorin kennenlernen. Wer mehr über diese Intimitäten und ihrer „Männergeschichten“ erfahren möchte, kann das in Bachmann-Biografien oder den Briefwechseln nachlesen. Mir war wichtig, Respekt und Distanz zu ihrer Person und damit auch ihr Geheimnis zu bewahren.

Sie kombinieren Archivmaterial wie Interviews und Fotografien mit eigens gedrehten Spielszenen, in denen Sandra Hüller gewissermaßen in die Rolle der Ingeborg Bachmann schlüpft. Wie sind Sie auf dieses Konzept gekommen?
Es gibt eher wenig Filmaufnahmen von Ingeborg Bachmann. Ich musste zudem eine Form finden, mit der ich ihre Literatur im Film lebendig werden lassen kann. Sandra Hüller kannte ich durch meine Arbeit für das Literaturfestival Lit.Cologne. Sie ist nicht nur ein großer Bachmann-Fan wie ich, sondern war für diesen Film ein Glücksfall. Sie hat die ausgewählten Textpassagen vorab im Studio aufgenommen, und wir haben dazu bei den Dreharbeiten in Rom frei improvisiert. Hüller hatte dabei einen Knopf im Ohr und konnte ihre eigene Stimme hören – und so direkt auf Bachmanns Texte reagieren.
Wie würden sie diese Form des Spiels bezeichnen? Reenactment trifft es ja nicht.
Ich habe dafür selbst auch noch keinen passenden Begriff gefunden. Vielleicht haben wir hier gemeinsam etwas geschaffen, für das wir erst noch ein Wort erfinden müssen.
An einer Stelle im Film sind Zitate zur Prosa Bachmanns aneinandergereiht, ausschließlich von männlichen Kritikern. Es sind erschreckend abschätzige, frauenfeindliche Urteile.
Diese Sätze stammen von damals großen und bedeutenden Literaturkritikern; der bekannteste war Marcel Reich-Ranicki, der sie als „gefallene Lyrikerin“ bezeichnete. Die Misogynie hat mich schockiert. Eines der für mich schlimmsten Urteile ist der Satz von einem anderen Kritiker: „Diese Erzählung hat den Geruch vom Klimakterium.“ Das haut mich immer wieder um.
Diese Fehlurteile liegen nun rund 60 Jahre zurück. Was macht für Sie Ingeborg Bachmann immer noch oder wieder aktuell?
Ihre Radikalität und das Visionäre ihres Denkens und Schreibens. Sie hat sich in ihrer Literatur bereits mit Themen auseinandergesetzt, die heute selbstverständlich diskutiert werden und für die es damals noch keine Begriffe gab: Femizid, Mansplaining, Gender und Identität. Sie war eine Feministin, ohne dass sie sich selbst so bezeichnet hätte. Sie war ihrer Zeit voraus, nur hatte man das aufgrund der gesellschaftlichen Zustände zu ihren Lebzeiten nicht verstanden.
Der Film
In diesem Jahr wäre Ingeborg Bachmann 100 Jahre alt geworden. Regina Schillings Film ist allerdings alles andere als ein pflichtbewusst-routinierter Schnelldurchlauf durch Leben und Werk anlässlich dieses Jubiläums. Manches, wie etwa die intensive (Arbeits-)freundschaft mit dem Komponisten Hans Werner Henze, bleibt ganz außen vor; die bereits häufig genüsslich skandalisierte, selbstzerstörerische Beziehung zu Max Frisch wird von Regina Schilling erfreulich zurückhaltend thematisiert. Die Dokumentarfilmerin („Igor Levit – No Fear“) lässt vor allem Bachmann selbst und ihr Werk sprechen. Dokumentarisches Material, Fotografien und Interviews, montiert sie mit improvisierten Spielszenen. In diesen atmosphärischen Passagen imaginiert sich Sandra Hüller in die Gefühlswelt der Bachmann während ihrer Lebensphase Anfang der 1970er in Rom. Hüller und Schilling entwerfen dabei ein vielschichtiges Porträt der 1973 verstorbenen Schriftstellerin, die von Ängsten, gescheiterten Lieben, aber auch von einem misogynen Literaturbetrieb geschädigt und gezeichnet ist. Zugleich vermittelt der Film schlaglichtartig die Sprachmächtigkeit und bisweilen fast visionäre Gegenwärtigkeit des Bachmann’schen Werkes. Immer wieder gelingt im Zusammenspiel von pointiert ineinander geschnittenen Spiel- und Dokumentarbildern mit den von Sandra Hüller eingesprochenen Textauszügen und der Originalmusik von Soap&Skin eine Reihe enorm ausdrucksstarker Momente. ascho