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Italien im Glas: Was die Regionen ihren Weinen mitgeben
Im Spätsommer 2023 saß ich auf einer Terrasse oberhalb von Castagnole delle Lanze in Piemont, mit einem Glas Barbera vor mir und einem alten Mann neben mir, der seit fünfzig Jahren denselben Weinberg bewirtschaftet.
Er erzählte mir, dass er die Reben kenne wie seine eigenen Hände. Wenn der Sommer trocken sei, müsse er die Trauben anders ernten. Wenn es regne, müsse er die Blätter anders schneiden. Das Wissen, sagte er, sei in seinen Knochen. Es lasse sich nicht aufschreiben.
Das ist die romantische Version. Es ist gleichzeitig die wahre Version. Italienischer Wein hängt mit Geographie, Klima und sozialer Geschichte enger zusammen als kaum eine andere Weinkultur der Welt. Das Land hat zwanzig Regionen, mehr als fünfhundert anerkannte Rebsorten, und der Anbau reicht von den Alpen bis nach Sizilien. Wer italienischen Wein verstehen will, muss sich klar machen, dass man nicht das Land trinkt. Man trinkt einen Ort.
Beginnen wir im Norden. Piemont, das oben erwähnte Castagnole delle Lanze gehört dazu, ist eine der drei großen Weinregionen Italiens, neben Toskana und Venetien. Die wichtigste Rebsorte hier ist Nebbiolo. Aus ihr werden Barolo und Barbaresco gekeltert, zwei der angesehensten Rotweine der Welt. Die Trauben werden spät geerntet, meistens im Oktober, wenn der Nebel, der den Namen Nebbiolo prägt, in den Langhe-Hügeln liegt. Der Wein ist tanninreich, langlebig, mit Aromen von Teer, Rosen, Kirschen und einer typischen Untertonik von Trüffel oder feuchtem Waldboden.
Wer Piemont auf günstigerem Niveau erleben will, sollte zur Barbera oder Dolcetto greifen. Beide sind alltagstaugliche Rebsorten, die in der gleichen Gegend wachsen wie Nebbiolo. Barbera ist säurereich und passt hervorragend zu allem, was mit Tomate gekocht wird. Dolcetto ist weicher, mit weniger Säure, aber mit guter Frucht. Eine gute Flasche Barbera aus Asti kostet zwischen zehn und fünfzehn Euro im Fachhandel. Das ist kein hochpreisiger Wein. Es ist Alltagskultur in flüssiger Form.
Venetien, östlich davon, hat eine sehr andere Weintradition. Die wichtigsten Rebsorten sind Corvina, Rondinella und Molinara, aus denen Valpolicella und Amarone gekeltert werden. Die Region hat die Technik des Appassimento entwickelt, bei der die Trauben nach der Ernte mehrere Monate auf Strohmatten oder in luftigen Hallen getrocknet werden, bevor sie gepresst werden. Das konzentriert die Aromen und gibt dem Wein eine hohe Alkoholkonzentration und Dichte. Ein junger Amarone hat oft fünfzehn Prozent Alkohol oder mehr. Er ist ein Wein für lange Winterabende, nicht für einen heißen Sommermittag.
In den letzten Jahren ist es einfacher geworden, italienischen Wein aus verschiedenen Regionen direkt zu vergleichen. Online-Händler bieten oft Sortimente, die nach Region geordnet sind, und das macht die Erkundung leichter. Ich habe selbst bei Bottle Hero bestellt, weil dort sowohl die etablierten Häuser als auch eine Reihe kleinerer Erzeuger geführt werden. Das macht es einfach, parallel Stilrichtungen zu vergleichen, ohne bei mehreren Händlern bestellen zu müssen.
Die Toskana ist die berühmteste Weinregion Italiens, und das hat seine Gründe. Sangiovese ist die dominierende Rebsorte, und aus ihr werden Chianti, Brunello di Montalcino und Vino Nobile di Montepulciano gemacht. Was Sangiovese auszeichnet, ist eine hohe Säure und eine markante Tanninstruktur, die den Wein für mediterrane Küche ideal macht. Eine Pasta mit Wildschweinragu und ein Glas Chianti Classico Riserva ist eine der archetypischen Mahlzeiten in Italien. Es funktioniert, weil die Säure des Weins die Schwere des Fleisches ausbalanciert und die Tannine den Fettgehalt brechen.
Brunello di Montalcino ist eine besondere Erscheinung. Es ist Sangiovese, in einer Variante, die Brunello heißt, ausschließlich aus Trauben rund um die Stadt Montalcino. Die Mindestreifezeit ist gesetzlich vorgeschrieben, zwei Jahre im Fass und vier Monate auf der Flasche für die normale Version, fünf Jahre insgesamt für die Riserva. Das Ergebnis ist ein Wein mit großer Tiefe und Lebensdauer. Eine gute Brunello kann zwanzig Jahre und mehr im Keller liegen und sich entwickeln. Es ist auch ein teurer Wein. Gute Erzeuger wie Biondi-Santi, Soldera, Casanova di Neri haben Preise, die sich an Bordeaux-Niveau orientieren.
Der mittlere Süden Italiens, Umbrien, Abruzzen, Marken, ist weniger bekannt, aber für den preisbewussten Käufer oft interessanter. Aus Umbrien kommt Sagrantino di Montefalco, ein extrem tanninreicher Wein, der jahrzehntelang lagern kann. Aus den Abruzzen kommt Montepulciano d’Abruzzo, eine der ehrlichsten Alltagstrauben Italiens, die im Preissegment von acht bis fünfzehn Euro fast immer Wert liefert. Aus den Marken kommt Verdicchio, ein Weißwein mit Mineralität und Frische, der zu Fisch genauso gut passt wie zu Geflügel.
Süditalien hat in den letzten zwanzig Jahren die größte Veränderung erfahren. Apulien, Kampanien, Basilikata und Sizilien wurden früher als Massenproduktionsgebiete gesehen, deren Wein an Norditalien geliefert wurde, um dort als blender für anonyme Bottlings benutzt zu werden. Diese Zeit ist vorbei. Heute findet man in diesen Regionen einige der spannendsten und originellsten Weine des Landes. Aglianico aus Kampanien und Basilikata, eine Traube mit dunkler Frucht und eisiger Säure, vergleichbar in seiner Architektur mit Nebbiolo. Nero d’Avola und Frappato aus Sizilien, oft kombiniert mit der vulkanischen Erde des Etna, geben Weine mit ungewöhnlicher Frische und Mineralität.
Die Etna-Weine verdienen ihre eigene Erwähnung. Der Vulkan trägt Weinberge in Höhen bis zu eintausend Meter, mit Reben, die teils mehr als hundert Jahre alt sind, oft nicht gepfropft, weil die Reblaus die vulkanischen Böden nie kolonisieren konnte. Erzeuger wie Frank Cornelissen, Salvo Foti, Passopisciaro und Pietradolce machen aus Nerello Mascalese Weine, die manchmal an Burgund erinnern, manchmal an Barolo, manchmal an nichts, was man je getrunken hat. Es ist die experimentellste Ecke der italienischen Weinwelt, und sie ist erschwinglicher, als ihre Qualität rechtfertigen würde.
Wer eine schnelle Übersicht über die italienische Weinklassifikation sucht, findet bei Wikipedia eine ordentliche Einführung, die DOC, DOCG und IGT-Kategorien erklärt, sowie die wichtigsten Regionen und Rebsorten. Es ist ein guter Startpunkt für die eigene Recherche.
Was den italienischen Weinen all dieser Regionen gemeinsam ist, lässt sich schwer auf einen Punkt bringen. Es gibt keine italienische Stilistik. Es gibt eine italienische Haltung. Wein wird in Italien als Essensbegleiter gedacht. Er steht selten allein. Er wird mit der Küche der Region zusammen entwickelt und macht erst dort wirklich Sinn, wo er auch konsumiert wird. Ein Barolo ohne Pasta mit Wildschwein ist nur die Hälfte des Bildes. Ein Verdicchio ohne den frischen Fisch der Adria ist auch nur ein Wein.
Wer also italienischen Wein erkunden will, sollte gleichzeitig die Küche erkunden. Nicht in der theoretischen Form, mit Kochbüchern, sondern in der praktischen Form, mit dem eigenen Backofen und Kochtopf. Eine Bolognese, die fünf Stunden köchelt, zu einem Sangiovese. Eine Risotto al Nero zu einem Etna Rosso. Eine fettige Pancetta mit einem Frascati. So lernt man eine Weinregion am besten kennen. Mit den Händen am Herd, nicht nur mit den Lippen am Glas.
Italien ist groß. Italien ist alt. Italien hat zu viele Weinregionen, als dass man sie in einem Leben alle erkundet hätte. Aber das ist auch der Reiz. Es ist eine Landkarte, die man Stück für Stück abfährt, mit einer Flasche nach der anderen, und die immer noch einen Winkel hat, in den man nicht gewesen ist. Das macht italienischen Wein zu einer der unendlich wiederholbaren Freuden, die das Leben anbietet.